Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

5622579 (9002126) Meryl Streep in der Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiß« (»Holocaust« Regie: Marvin J. Chomsky), in der sie die Rolle der Inga Helms-Weiß spielt, 1978. Foto: picture alliance / Keystone

Serie

»Holocaust«-Serie: Wendepunkt der deutschen Erinnerungskultur

Vor 47 Jahren wurde im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die US-Serie »Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss« ausgestrahlt. Der damals verantwortliche Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel erinnert sich an Widerstände und weinende Anrufer

von Jonas Grimm  26.01.2026 17:24 Uhr

Mit der 1979 ausgestrahlten Serie »Holocaust« hat laut des damaligen Fernsehspielchefs des WDR, Günter Rohrbach, die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Völkermord erst begonnen.

Die Serie habe »wahrscheinlich den größten Aufschlag gehabt, den je eine Sendung im deutschen Fernsehen hatte« sagte der 97-Jährige. Vom 22. bis 26. Januar 1979 wurde die US-Serie erstmals in Deutschland gezeigt.

Ob die Serie eingekauft werden sollte, war damals heftig umstritten, erinnerte sich Rohrbach. In der ARD-Programmkonferenz votierten mehrere Landesrundfunkanstalten dagegen: »Die konservative Haltung wurde sehr stark vom Bayerischen Rundfunk vertreten.« Auch der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (1915-1988) habe dabei »keine unwichtige Rolle« gespielt: »Er meinte, wir sollten uns nicht weiter zum Opfer machen.«

Deutschen hatten »versöhnliches Ende nicht verdient«

Die eher rechtskonservativen Stimmen seien der Meinung gewesen, dass die Bevölkerung des Themas überdrüssig sei. Aufgrund einer Patt-Situation in der Programmkonferenz einigten sich die Sender, die Serie gemeinsam in den dritten Programmen zu zeigen.

Gleichzeitig habe es auch im Lager der Befürworter Bedenken gegeben: »Dass der Holocaust erstmals im Stile einer Filmerzählung dargestellt worden war, war auch für uns ein Problem.« Dennoch schien es »unangemessen, dass ausgerechnet wir Deutschen ästhetische Gründe gegen diesen Film mobilisieren würden«. Für die deutsche Version kürzten Rohrbach und sein Team das Ende. In dieser Fassung halten Frau und Kinder des fiktiven Kriegsverbrechers Erik Dorf an dem Familienvater fest. »Wir fanden, dass wir Deutschen ein versöhnliches Ende nicht verdient hätten«, erklärte Rohrbach.

Serie prägte den Begriff »Holocaust«

Der Vierteiler habe zu entsetzten und weinenden Anrufen geführt. Junge Menschen hätten wissen wollen: »War da möglicherweise mein Großvater beteiligt?« Eine Debatte, wie sie diese Serie auslöste, »hatte es im deutschen Fernsehen so nicht gegeben und danach auch nie wieder«, sagte Rohrbach. Die Serie gilt darüber hinaus als maßgeblich für die Prägung des Begriffs »Holocaust« in Deutschland. Dieser wurde zum »Wort des Jahres« 1979.

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das NS-Konzentrationslager Auschwitz. Seit 1996 wird der 27. Januar in Deutschland als Holocaust-Gedenktag begangen, seit 2005 auch international. Erinnert wird an die von den Nazis ermordeten Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Angehörige der Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderungen und politische Gegner.

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  08.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026