TV-Serie

Held oder Verräter?

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Zwei Zettel werden übergeben. Der erste in einem Hotelzimmer in Frankfurt/Main an einen deutschen Unterhändler. Auf ihm stehen die Namen von drei israelischen Soldaten in Gefangenschaft und die Bedingungen für ihre Freilassung. Der zweite Zettel auf einem Flughafen in Damaskus an einen der Gefangenen, von seinem Hisbollah-Geiselnehmer, mit den Worten: »Erinnere dich an den Plan. Möge Allah mit dir sein.«

So beginnt die israelische Fernsehserie Hatufim, die arte ab Donnerstag, den 9. Mai, unter dem Titel In der Hand des Feindes ausstrahlt (die eigentliche Übersetzung des israelischen Begriffs wäre »Die Verschleppten«). Nimrod Klein, Uri Zach und Amiel Ben Horin werden als junge Soldaten im Libanon gefangen genommen. Amiel stirbt in der Haft, Uri und Nimrod kommen 17 Jahre später frei. Mühsam müssen sie sich in ihren neuen alten Leben in der Heimat zurechtfinden. Was aber auf dem Zettel steht – und an wen der beiden er übergeben wurde – wird nur nach und nach deutlich.

Figuren Diese Konstellation ist Zuschauern vielleicht bekannt: Hatufim ist das Vorbild für die sehr erfolgreiche US-Serie Homeland. Doch das israelische Original hat seine ganz eigene Qualität. Es lässt sich Zeit und ist mehr an der Psychologie der Figuren als an großer Aufregung interessiert.

Nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen Ben Gurion als gebrochene, verstörte Männer und einem Staatsempfang werden die Heimkehrer auf das Schlachtfeld Alltag geschickt. Nimrod hat zwei fast erwachsene Kinder, die er nicht kennt: Tochter Dana ist eine Zynikerin, bei der Geburt von Sohn Hatzav war er schon in Gefangenschaft. Seine Ehefrau Talya hat auf ihn gewartet und ist darüber ein anderer Mensch geworden. Jahrelang hatte die Familie beim Seder zwei Stühle leer gelassen, einen für den Propheten Elihaju, einen für Nimrod. Der ist jetzt da und versucht, Vater und Ehemann zu sein, ohne zu wissen wie. Uri – den Verstörteren von beiden, so scheint es – hat es noch schwerer getroffen. Seine Verlobte hat in den langen Jahren seiner Abwesenheit seinen Bruder geheiratet und hat mit ihm einen Sohn. Dafür wurde sie als Landesverräterin beschimpft. Uri soll davon nichts erfahren.

dramaturgie Zu Beginn erzählt Hatufim diese Geschichte einer unmöglichen Rückkehr wie eine besonders finstere Episode einer Sitcom, als Komödie voller Peinlichkeiten. Nimrod kann sich den Namen seines Sohnes nicht merken. Uris Frau verrät sich dadurch, dass sie in ihrer angeblichen Wohnung den Lichtschalter nicht findet. Es wird viel betreten geschwiegen. Die traurige Wahrheit ist: Eigentlich hatten alle schon von den verschleppten Soldaten ein bisschen Abschied genommen. Eine so ehrliche Serie darüber, wie schwer es ist, mit einem Trauma – und Traumatisierten – zu leben, gab es bisher nicht. Doch nach und nach erkennt der Zuschauer, dass unter der Oberfläche dieser gebrochenen Männer ein Geheimnis wartet. Immer mehr über die beiden Hauptfiguren, ihre Zeit in Gefangenschaft und ihr Innenleben wird enthüllt. Subtil mutiert das Psycho-Drama zum Thriller.

Dramaturgisch ist Hatufim strukturiert wie die Serien von HBO, dem US-Bezahlsender, der die neue goldene Fernseh-Ära initiiert hat. Helden gibt es keine mehr, nur Menschen mit Problemen. Und statt mit künstlichen Seifenoper-Cliffhangern oder abgeschlossenen »Case of the Week«-Geschichten bauen die Folgen aufeinander auf, wie die Kapitel in einem Roman.

Das israelische Fernsehen war an dieser Revolution beteiligt. So basiert der HBO-Erfolg In Treatment auf der israelischen Serie BeTipul. Die Drehbücher dieses Kammerspiels über einen Therapeuten (Gabriel Byrne) und seine Patienten sind häufig wortgenau aus dem Hebräischen übersetzt.

Die oft gelobte Eigenschaft von HBO-Serien, dass jede Staffel ein großes Ganzes ergibt, hat bei Hatufim allerdings nicht bloß ästhetische, sondern auch und vor allem banale finanzielle Gründe. Anders als die US-TV-Riesen muss das israelische Fernsehen mit ungleich kleineren Budgets auskommen. Eine Serie wie Hatufim wird deshalb nicht episodisch, sondern »horizontal« produziert – nicht Folge für Folge, sondern Drehort für Drehort. Bevor Episode eins also überhaupt gedreht ist, muss das Drehbuch für Episode zehn schon geschrieben sein.

remake Vielleicht auch deswegen ist Hatufim der US-Adaption Homeland überlegen. Im amerikanischen Remake gibt es nur einen Heimkehrer, den Marine Nicholas Brody, der ins Visier der belasteten CIA-Agentin Carrie Matheson gerät. Sie ist von der ersten Sekunde an überzeugt, dass er ein heimlicher Terrorist ist, und verliebt sich trotzdem in ihn.

Auch wegen dieser ungewöhnlichen Spionage-Liebesgeschichte funktioniert Homeland in der ersten Staffel hervorragend, verliert aber in der zweiten Staffel ganz erheblich an Qualität und Struktur. Die Verschwörungen werden unglaubwürdiger, die Figuren greller. Erst war die Serie John le Carré, jetzt ist sie Tom Clancy. Homeland will ein intelligenter politischer Kommentar sein, wird aber mehr und mehr zur Kolportage.

Hatufim geht leiser und klüger vor. Der Schatten von Gilad Schalit hängt über der Serie – die Rückkehr von Uri und Nimrod wird vom Protestruf »Der Preis war zu hoch!« begleitet, wie bei Schalit ein Jahr nach Ausstrahlung dann auch. In ganz Israel hingen »Bringt sie nach Hause!«-Plakate mit den Gesichtern der drei Verschleppten. Wie das aber funktionieren soll, nach der Befreiung, darüber denkt niemand nach. Ganz besonders nicht der Militärpsychologe Cohen, der von sich behauptet, nur das seelische Wohl von Uri und Nimrod im Sinn zu haben. Tatsächlich aber verdächtigt er sie des Verrats. Kurz nach ihrer Ankunft unterzieht er die beiden langen Verhören, als ob sie immer noch Gefangene seien. Am Ende stellt sich heraus, dass Cohens Sorgen nicht ganz unbegründet waren.

Rechtfertigt das sein Vorgehen? Solche Fragen der Sicherheitspolitik wirft Hatufim unaufdringlich auf, bietet aber keine eindeutigen Antworten. Wenn das Gefängnis zur Heimat wird und die Heimat zum Gefängnis – das ist das Thema dieser Serie, mit allen politischen Implikationen.

»Hatufim – In der Hand des Feindes«. arte, ab Donnerstag, 9. Mai, 21 Uhr

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026