TV-Serie

Held oder Verräter?

Drei Israelis in der Hand der Hisbollah: Einer ist tot, von den zwei Rückkehrern wurde einer umgedreht. Aber welcher? Foto: arte

Zwei Zettel werden übergeben. Der erste in einem Hotelzimmer in Frankfurt/Main an einen deutschen Unterhändler. Auf ihm stehen die Namen von drei israelischen Soldaten in Gefangenschaft und die Bedingungen für ihre Freilassung. Der zweite Zettel auf einem Flughafen in Damaskus an einen der Gefangenen, von seinem Hisbollah‐Geiselnehmer, mit den Worten: »Erinnere dich an den Plan. Möge Allah mit dir sein.«

So beginnt die israelische Fernsehserie Hatufim, die arte ab Donnerstag, den 9. Mai, unter dem Titel In der Hand des Feindes ausstrahlt (die eigentliche Übersetzung des israelischen Begriffs wäre »Die Verschleppten«). Nimrod Klein, Uri Zach und Amiel Ben Horin werden als junge Soldaten im Libanon gefangen genommen. Amiel stirbt in der Haft, Uri und Nimrod kommen 17 Jahre später frei. Mühsam müssen sie sich in ihren neuen alten Leben in der Heimat zurechtfinden. Was aber auf dem Zettel steht – und an wen der beiden er übergeben wurde – wird nur nach und nach deutlich.

Figuren Diese Konstellation ist Zuschauern vielleicht bekannt: Hatufim ist das Vorbild für die sehr erfolgreiche US‐Serie Homeland. Doch das israelische Original hat seine ganz eigene Qualität. Es lässt sich Zeit und ist mehr an der Psychologie der Figuren als an großer Aufregung interessiert.

Nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen Ben Gurion als gebrochene, verstörte Männer und einem Staatsempfang werden die Heimkehrer auf das Schlachtfeld Alltag geschickt. Nimrod hat zwei fast erwachsene Kinder, die er nicht kennt: Tochter Dana ist eine Zynikerin, bei der Geburt von Sohn Hatzav war er schon in Gefangenschaft. Seine Ehefrau Talya hat auf ihn gewartet und ist darüber ein anderer Mensch geworden. Jahrelang hatte die Familie beim Seder zwei Stühle leer gelassen, einen für den Propheten Elihaju, einen für Nimrod. Der ist jetzt da und versucht, Vater und Ehemann zu sein, ohne zu wissen wie. Uri – den Verstörteren von beiden, so scheint es – hat es noch schwerer getroffen. Seine Verlobte hat in den langen Jahren seiner Abwesenheit seinen Bruder geheiratet und hat mit ihm einen Sohn. Dafür wurde sie als Landesverräterin beschimpft. Uri soll davon nichts erfahren.

dramaturgie Zu Beginn erzählt Hatufim diese Geschichte einer unmöglichen Rückkehr wie eine besonders finstere Episode einer Sitcom, als Komödie voller Peinlichkeiten. Nimrod kann sich den Namen seines Sohnes nicht merken. Uris Frau verrät sich dadurch, dass sie in ihrer angeblichen Wohnung den Lichtschalter nicht findet. Es wird viel betreten geschwiegen. Die traurige Wahrheit ist: Eigentlich hatten alle schon von den verschleppten Soldaten ein bisschen Abschied genommen. Eine so ehrliche Serie darüber, wie schwer es ist, mit einem Trauma – und Traumatisierten – zu leben, gab es bisher nicht. Doch nach und nach erkennt der Zuschauer, dass unter der Oberfläche dieser gebrochenen Männer ein Geheimnis wartet. Immer mehr über die beiden Hauptfiguren, ihre Zeit in Gefangenschaft und ihr Innenleben wird enthüllt. Subtil mutiert das Psycho‐Drama zum Thriller.

Dramaturgisch ist Hatufim strukturiert wie die Serien von HBO, dem US‐Bezahlsender, der die neue goldene Fernseh‐Ära initiiert hat. Helden gibt es keine mehr, nur Menschen mit Problemen. Und statt mit künstlichen Seifenoper‐Cliffhangern oder abgeschlossenen »Case of the Week«-Geschichten bauen die Folgen aufeinander auf, wie die Kapitel in einem Roman.

Das israelische Fernsehen war an dieser Revolution beteiligt. So basiert der HBO‐Erfolg In Treatment auf der israelischen Serie BeTipul. Die Drehbücher dieses Kammerspiels über einen Therapeuten (Gabriel Byrne) und seine Patienten sind häufig wortgenau aus dem Hebräischen übersetzt.

Die oft gelobte Eigenschaft von HBO‐Serien, dass jede Staffel ein großes Ganzes ergibt, hat bei Hatufim allerdings nicht bloß ästhetische, sondern auch und vor allem banale finanzielle Gründe. Anders als die US‐TV‐Riesen muss das israelische Fernsehen mit ungleich kleineren Budgets auskommen. Eine Serie wie Hatufim wird deshalb nicht episodisch, sondern »horizontal« produziert – nicht Folge für Folge, sondern Drehort für Drehort. Bevor Episode eins also überhaupt gedreht ist, muss das Drehbuch für Episode zehn schon geschrieben sein.

remake Vielleicht auch deswegen ist Hatufim der US‐Adaption Homeland überlegen. Im amerikanischen Remake gibt es nur einen Heimkehrer, den Marine Nicholas Brody, der ins Visier der belasteten CIA‐Agentin Carrie Matheson gerät. Sie ist von der ersten Sekunde an überzeugt, dass er ein heimlicher Terrorist ist, und verliebt sich trotzdem in ihn.

Auch wegen dieser ungewöhnlichen Spionage‐Liebesgeschichte funktioniert Homeland in der ersten Staffel hervorragend, verliert aber in der zweiten Staffel ganz erheblich an Qualität und Struktur. Die Verschwörungen werden unglaubwürdiger, die Figuren greller. Erst war die Serie John le Carré, jetzt ist sie Tom Clancy. Homeland will ein intelligenter politischer Kommentar sein, wird aber mehr und mehr zur Kolportage.

Hatufim geht leiser und klüger vor. Der Schatten von Gilad Schalit hängt über der Serie – die Rückkehr von Uri und Nimrod wird vom Protestruf »Der Preis war zu hoch!« begleitet, wie bei Schalit ein Jahr nach Ausstrahlung dann auch. In ganz Israel hingen »Bringt sie nach Hause!«-Plakate mit den Gesichtern der drei Verschleppten. Wie das aber funktionieren soll, nach der Befreiung, darüber denkt niemand nach. Ganz besonders nicht der Militärpsychologe Cohen, der von sich behauptet, nur das seelische Wohl von Uri und Nimrod im Sinn zu haben. Tatsächlich aber verdächtigt er sie des Verrats. Kurz nach ihrer Ankunft unterzieht er die beiden langen Verhören, als ob sie immer noch Gefangene seien. Am Ende stellt sich heraus, dass Cohens Sorgen nicht ganz unbegründet waren.

Rechtfertigt das sein Vorgehen? Solche Fragen der Sicherheitspolitik wirft Hatufim unaufdringlich auf, bietet aber keine eindeutigen Antworten. Wenn das Gefängnis zur Heimat wird und die Heimat zum Gefängnis – das ist das Thema dieser Serie, mit allen politischen Implikationen.

»Hatufim – In der Hand des Feindes«. arte, ab Donnerstag, 9. Mai, 21 Uhr

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