Studie

Heimweh auf dem Bahnhofsklo

Selbstverortung: Russisch-jüdische Exilanten werfen einen Blick auf das Berlin der zwanziger Jahre im Spiegel ihres literarischen Schaffens. Foto: Wallstein

Spätestens seit dem Bachmann‐Preis für Katja Petrowskaja vor wenigen Monaten ist die russisch‐jüdische, in ihrem Fall vielleicht besser: die ukrainisch‐jüdische Präsenz in Berlin in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit geraten. Vor diesem aktuellen Hintergrund gewinnt der Rückblick auf die vorherige russisch‐jüdische Migrationswelle nach Berlin in den 20er‐Jahren ein neues Gewicht.

Das Osteuropa‐Institut an der Freien Universität Berlin hat vor einigen Jahren das Forschungsprojekt »Osteuropäisch‐jüdische Migranten im Berlin der 1920/ 30er Jahre« ins Leben gerufen. Als Band 5 der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Publikationsreihe ist jetzt der von Britta Korkowsky verfasste Band mit dem etwas sperrigen Titel Selbstverortung ohne Ort erschienen. Erst der Untertitel lüftet das Geheimnis, worum es geht: »Russisch‐jüdische Exilliteratur aus dem Berlin der Zwanziger Jahre«.

Genauigkeit Die Autorin, promovierte Slawistin, behandelt ihr Thema mit literaturwissenschaftlicher Genauigkeit. Dabei geht es zunächst um Definitionen. Alle »Bindestrich‐Literaturen« mit dem Wortbestandteil »jüdisch« bedürfen der Präzisierung, und für die russisch‐jüdische Exilliteratur in Berlin gilt das besonders.

Die jüdische Literatur in der russischen Diaspora ist schon schwer abzugrenzen von den Literaturen, die man einem der beiden Wortbestandteile zuordnen würde. Die Exilsituation der Autoren im fremd bleibenden Berlin nach dem Ersten Weltkrieg schafft weitere Definitionsprobleme. Die prekäre und vom »Freiheitsparadoxon« Berlin bestimmte Situation des nichtjüdischen russischen Exilanten Vladimir Nabokov hatte große Ähnlichkeit mit der des jüdischen Autors Viktor Schklowski.

analyse Korkowsky konzentriert ihre Untersuchung auf drei Autoren und ihre in Berlin entstandenen Werke. Dadurch gewinnt ihre Arbeit wissenschaftliche Tiefe und eine für das allgemeine Publikum nachvollziehbarere Bedeutung. Viktor Schklowskis Sentimentale Reise und Zoo, die Miniaturen Heimat, In der Wüste und Patriot von Lev Lunc sowie Ilja Ehrenburgs Visum der Zeit und Die ungewöhnlichen Abenteuer… sind Gegenstand ihrer Textanalyse.

Dabei geht sie auf drei den Schriftstellern gemeinsame Eigenschaften ein: Die Literatursprache ist Russisch, und sie haben die allgemeine Diaspora‐ und Pogrom‐Erfahrung in Russland mit ins Exil gebracht. Die Revolution hat sie in unterschiedlicher Dringlichkeit – zumindest vorübergehend – nach Berlin vertrieben.

Alle drei Autoren schreiben in und über ihren Exilort Berlin, an dem sie – vielleicht mit Ausnahme von Ehrenburg – kein gutes Haar lassen. Es ist (noch) nicht der Antisemitismus, der sie Fremdheit spüren lässt. Es stören sie vielmehr die kulturellen und mentalen Eigenheiten im Berlin nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, etwa die als psychische Deformation empfundene Sauberkeit am literarisch gekonnt von Lev Lunc bearbeiteten Beispiel einer Toilette auf dem Schlesischen Bahnhof: »Wenn der Lokus in Ordnung ist, denke ich mir, dann ist man echt im Ausland. Bei uns in Russland kann man alles vom Kopf auf die Füße stellen, man kann aus Pennbrüdern Professoren machen, aber die Bahnhofsklos bleiben dreckig. Da kann man halt nichts machen.«

Heimweh Das ist nicht etwa ein Kompliment an die Stadt des Exils, sondern eine am heimatlichen Dreck festgemachte Sehnsucht, ein literarischer Ausdruck des Heimwehs. Die grau und eintönig gesehene Architektur Berlins, die mit sich selbst beschäftigten und als ungastlich empfunden Menschen tun ein Übriges und nähren dieses Heimweh nach Russland, in das man wegen der Revolution nicht zurückkehren kann.

Als drittes gemeinsames Merkmal der untersuchten Autoren und Werke macht Korkowsky die literarische Einbeziehung jüdischer, überwiegend aus der Bibel bezogener Topoi fest, die auf vielfältige Weise metaphorisch oder als Gleichnis in das Exil‐Lamento einbezogen werden. Die Autorin spürt an vielen Textbeispielen diesen jüdischen Wurzeln nach. Erst die Sorgfalt der literaturwissenschaftlichen Analyse erschließt dem ungeübten Leser die Intensität dieser Rückbesinnung.

Sie ergibt zusammen mit dem Heimweh nach Russland eine Mischung, die einen krassen Kontrast zu der nie ganz wahren deutschen Fama von den »Goldenen Zwanzigern« bildet. Als ob das Unwohlsein der russisch‐jüdischen Exilliteraten ein seismisches Warnsignal der folgenden Katastrophe war. Man sollte einer solchen Sensibilität im Exilmilieu auch heute mehr Aufmerksamkeit schenken.

Britta Korkowsky: »Selbstverortung ohne Ort. Russisch‐jüdische Exilliteratur aus dem Berlin der Zwanziger Jahre«. Wallstein, Göttingen 2013, 352 Seiten, 34,90 €

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