Soziologie

Handreichung für Lehrer

Soziologie

Handreichung für Lehrer

Julia Bernstein erläutert Strategien gegen den heute »beliebtesten«, nämlich den israelbezogenen Antisemitismus

von Olaf Glöckner  30.05.2021 15:15 Uhr

Lange wurde geschwiegen, verdrängt, beschönigt und ignoriert. Seit Jahren aber häufen sich gewalttätige Übergriffe und Schikanen gegen jüdische Kinder an deutschen Schulen. Oft so intensiv und aggressiv, dass jüdische Eltern ihre Töchter oder Söhne an eine andere Schule bringen. Problem »gelöst«?

Inzwischen erahnt mancher Lehrer die Dimension hinter den Ausfälligkeiten, will mehr wissen über die verheerende Mischung aus Juden- und Israelhass, die sich in Klassenzimmern und auf Schulhöfen ausbreitet. »Ich hasse Israel« zählt dort inzwischen zu den harmloseren Sprüchen.

Antisemitismus Israelbezogener Antisemitismus sei sowohl in der Schüler- als auch in der Lehrerschaft weit verbreitet, konstatiert Julia Bernstein, Soziologieprofessorin in Frankfurt am Main und Leiterin mehrerer empirischer Studien an pädagogischen Einrichtungen verschiedener Bundesländer.

Zahlreiche Studienergebnisse flossen schon in ihr 600-Seiten-Buch aus dem Vorjahr, Antisemitismus an Schulen in Deutschland, ein. Nun aber, ein Jahr später, will Bernstein näher an die Wurzeln des Übels, und mehr noch: Lehrer sollen befähigt werden, israelbezogenen Antisemitismus leichter erkennen und wirksamer bekämpfen zu können.

Interessierte Leser werden in Bernsteins neuem Buch Israelbezogener Antisemitismus zunächst mit Genese und Kontinuitäten von klassischen Stereotypen vertraut gemacht – Bilder von Juden als »Kindermörder«, »Wucherer« und »Weltzerstörer«, die häufig irrational und paranoid erscheinen, in subtilen Versionen aber selbst in Qualitätsmedien aufscheinen und sich jederzeit anschlussfähig zeigen, wenn es um polemische Angriffe auf Israel geht.

Struktur Ähnlich wie die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel geht Bernstein davon aus, dass der Antisemitismus im Israelbezug strukturgleich zu früheren Formen der Judenfeindschaft ist und sich in dämonisierenden Formen ausagiert. »Einen besonderen Ausdruck findet diese Dämonisierung Israels gegenwärtig in universitären, intellektuellen und aktivistischen Kreisen, in denen der Zionismus als ›Kolonialprojekt‹, Israel als ›Kolonialstaat‹ oder als ›Siedlerkolonialismus‹ im Anspruch ›postkolonialer Theorie‹ delegitimiert werden«, schreibt die Autorin.

Gleichwohl behält sie im Blick, dass die Anfälligkeit von Eltern und Schülern für anti-israelische Emotionen und Reflexe sich häufig auch aus der Wirkung von Bildern – nicht selten alt-neuen antisemitischen Karikaturen – speisen kann. Auf zwei Dutzend Seiten belegt sie im systematischen Bildervergleich die Kontinuitäten antisemitischer Feindbilder – vom Streicher-»Giftpilz« im NS-Kinderbuch von 1938 bis zum »Friedenstauben vergiftenden« Premier Netanjahu im deutschen Tagesmedium, von Spinnen-, Kraken- und Ungezieferdarstellungen, einst »nur« mit Davidstern, nun mit israelischer Flagge.

Konflikt Fast 50 Seiten in Bernsteins Buch geben aber auch eine solide Einführung in die Grundzüge des israelisch-palästinensischen (Dauer-)Konflikts, bevor Lehrer, Pädagogen und andere Interessierte im sechsten Kapitel konkrete Handlungsempfehlungen für den alltäglichen Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus in die Hand bekommen. Hier finden sich auch kurze und prägnante Argumentationshilfen gegen besonders verbreitete anti-israelische Unterstellungen wie die Schaffung eines »Freiluftgefängnisses Gaza«, den »Völkermord an den Palästinensern« und die These von Israel als »Apartheid«- und »Kolonialstaat«.

Ein engagiertes, differenzierendes und versachlichendes Buch liegt vor, das an Schulen, in Fortbildungsveranstaltungen und universitäre Seminare gleichermaßen gehört.

Julia Bernstein: »Israelbezogener Antisemitismus. Erkennen – Handeln – Vorbeugen«. Beltz Juventa, Weinheim 2021, 266 S., 29,95 €

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026

Berlin

Tuttle: Will »in vollem Vertrauen« Berlinale-Chefin bleiben

Nach politischen Kontroversen wird lebhaft über die Zukunft der Berlinale diskutiert - und die ihrer Chefin. Im Interview erklärt Tricia Tuttle, wieso sie im Amt bleiben will

von Sabrina Szameitat  03.03.2026

Potsdam

Zentrum für jüdischen Film wird eröffnet

An der Filmuniversität Babelsberg soll Lea Wohl von Haselberg ein neues Zentrum für jüdischen Film und audiovisuelles Erinnern leiten

 03.03.2026

Doppel-Interview zu Holocaust-Forschung

»Wir streiten uns nicht über die Fakten«

Seit Wochen tobt im Feuilleton ein Streit über den Stellenwert der Kollaboration in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Erstmals diskutieren die Hauptprotagonisten, die Schoa-Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt, direkt miteinander

von Ayala Goldmann, Michael Thaidigsmann  03.03.2026

Berlin

Wirbel um Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle hält an Amt fest

Wie geht es weiter bei der Berlinale? Es wurde lebhaft über die Zukunft des Filmfestivals und die Intendantin diskutiert. Nun äußert sie sich erstmals selbst dazu

 03.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Purim-Stress? Absolut zu empfehlen!

von Nicole Dreyfus  02.03.2026