Redezeit

»Grübler, Gottsucher und Zweifler«

Alfred Bodenheimer Foto: PR

Herr Bodenheimer, langweilt Sie Ihr Job als Leiter des Zentrums für Jüdische Studien Basel?
Im Gegenteil, es ist die spannendste Tätigkeit, die ich mir vorstellen kann. Weshalb fragen Sie?

Wenige Professoren setzen sich in ihrer Freizeit hin und schreiben einen Kriminalroman.
Andere Leute steigen in ihrer Freizeit auf Berge oder bauen Flugzeugmodelle nach. »Kains Opfer« war für mich eine Art Ausgleich. Ich habe den Versuch unternommen, etwas ganz anderes zu schreiben als sonst, auch mal für ein anderes Publikum. Und was die Universität betrifft: Seit ich Kollegen von der Uni erzähle, dass ich einen Krimi geschrieben habe, erfahre ich von immer mehr von ihnen, dass das seit Langem ihr geheimer Traum sei.

Worum geht es in dem Buch?
Um einen Mord an einem Lehrer der jüdischen Grundschule von Zürich. Gabriel Klein, der Rabbiner der Gemeinde, hat diesen Lehrer gut gekannt, und die Polizei bittet ihn um Hilfe, um dessen hebräische E-Mails zu übersetzen. Doch durch diese Übersetzungen und durch andere Nachforschungen gerät der Rabbiner immer tiefer in den Fall – und heimlich in eine Ermittlerrolle hinein.

Welche Eigenschaft bringt ein Rabbiner mit, von denen auch ein Ermittler profitiert?
Beide Berufe bringen eine extreme Nähe zu Menschen, oft auch zu ihren dunklen Seiten. Und beide müssen intensiv über Sinnstrukturen nachdenken. Bei Rabbinern ist es die Struktur von Texten, bei Ermittlern die Struktur von Motiven und Möglichkeiten des Handelns.

Ein guter Krimi zeichnet sich durch eine besondere Ermittlerfigur aus. Was ist das Charakteristische an Rabbiner Klein?
Es ist gar nicht so einfach, eine Figur aus dem eigenen Roman zu charakterisieren. Sagen wir so: Rabbiner Klein ist Grübler, Gottsucher und Zweifler zugleich, der den unbedingten Drang hat, etwas zur Verbesserung der Welt beizutragen, aber dabei nicht immer nur glücklich agiert.

Wie kam Ihnen die Idee zu dem Roman?
Gegen Ende meines Forschungssemesters letztes Jahr in Jerusalem hatte ich plötzlich an einem Freitagabend die Grundidee zum Roman. Das hat mich selbst überrascht, denn ich hatte eigentlich nie vor, einen Krimi zu schreiben. Aber bestimmte Figuren und Formen des Plots waren einfach da und wollten nur noch richtig erzählt werden. Da ich am Schabbat nicht schreibe, wälzte ich die Idee den ganzen Schabbat im Kopf herum. Nach Schabbatende setzte ich mich hin – und schrieb in einem Zug bis am nächsten Freitagnachmittag die erste Fassung nieder.

Werke mit jüdischem Bezug von nichtjüdischen Autoren tappen oft in die Klischeefalle. Werke mit jüdischem Bezug von jüdischen Autoren verstehen oft nur Insider. Wie haben Sie dieses Problem umschifft?
Ich habe durch meine akademische und publizistische Tätigkeit viel Erfahrung darin, das Judentum authentisch und allgemein verständlich zu vermitteln. In einem Krimi ist es womöglich sogar noch einfacher, da lebensnäher. Wer jüdische Milieus glaubwürdig zeichnen will, muss verständlich machen, dass für die Leute aus diesen Milieus ihr Leben die Normalität darstellt.
Kein literarisches Genre ist so beliebt wie der Kriminalroman.

Woran liegt das?
Krimis haben eine klare Grundstruktur. Die ewige Lehrerfrage »Was will uns der Autor sagen?« erübrigt sich. Der Krimi verspricht, dass die Lektüre nicht langweilig wird, weil man an der Lösung des Falls oder der Auffindung des Täters selbst mitdenken kann und sie am Ende zuverlässig auch erfährt. Innerhalb dieser Struktur können aber die verschiedensten philosophischen, soziologischen oder auch religiösen Fragestellungen aufgefächert werden. Das macht den Krimi für Leser mit ganz unterschiedlichen Backgrounds interessant.

Welche Rolle spielt die Faszination des Bösen?
Das Böse ist für uns von frühkindlichem Alter her immer das ganz Andere, Bedrohliche, zu Bekämpfende. Das kann bekanntlich je nach Sozialisierung sehr unterschiedliche Gesichter tragen. Doch je älter und reflektierter wir werden, desto mehr ahnen wir, dass wir selbst auch etwas von diesem Bösen in uns tragen, dass in uns selbst auch Bedrohliches, zuweilen Unkontrollierbares steckt. Die Spannung zwischen dem instinktiven Widerstand gegen das fremde »Böse« und dem latenten Erkennen des Bösen in uns dürfte zu dieser Faszination beitragen. Wir wollen unbedingt auf der Seite des Guten stehen und es siegen sehen. Der Kampf gegen das Böse dient auch unserer Selbstvergewisserung als Gute, die wir sein wollen.

Ihr Krimi ist im jüdischen Zürich angesiedelt. Ein Schlüsselroman?
Ob es ein Schlüsselroman ist, muss die Rezeption zeigen. Konzipiert ist er wirklich nur als Krimi. Alle Figuren sind vollständig erfundene Kunstfiguren. Doch wie meine Erfahrung mit ersten Lesenden zeigt, verhindert das nicht, dass manche meinen, die echten »Vorbilder« in einzelnen Figuren zu erkennen – allerdings hat bis jetzt niemand sich selbst zu erkennen geglaubt.

Von welchen Krimis und Ermittlern haben Sie sich inspirieren lassen?
Ich bin eigentlich kein passionierter Krimileser. Gefallen haben mir seit jeher die »Kayankaya«-Krimis des leider viel zu früh verstorbenen Jakob Arjouni. Vom Wagemut und der Exaltiertheit der Idee her bin ich auch ein großer Fan von Michael Chabons »Die Vereinigung jiddischer Polizisten«.

Mit dem Schriftsteller und Religionshistoriker sprach Philipp Peyman Engel.

Alfred Bodenheimer: Kains Opfer. Nagel & Kimche, Zürich 2014, 224 S., 18,90 €

Alfred Bodenheimer wurde 1965 in Basel geboren. Nach Talmudstudien in Israel und den USA promovierte er 1993 mit einer Arbeit über »Else Lasker-Schülers Emigration nach Palästina«. Von 1993 bis 1994 war er Jugendbeauftragter der Israelitischen Gemeinde Basel. Nach diversen Dozenturen an Universitäten in Israel und der Schweiz habilitierte er sich 2002 an der Universität Genf. Seit August 2010 ist er Leiter des Zentrums für Jüdische Studien Basel.

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