JFBB

Großes Kino – auch online

Vielschichtig: In »Kiss me kosher« wird mehr als eine Liebesgeschichte erzählt. Foto: X Verleih

Ein Highlight nach dem anderen, und das in Zeiten von Corona: Wer Stimmungsaufhellung nötig hat, sollte das 26. Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg (JFBB) besuchen. Denn tiefsinnige, vielschichtige und abgründig humorvolle Unterhaltung ist auch in diesem Jahr wieder das Ergebnis der Auswahl von insgesamt 44 Filmen, davon eine Weltpremiere und mehrere Deutschland- beziehungsweise Berlin-Premieren beim größten jüdischen Filmfestival in Deutschland.

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Zwar musste die traditionelle Eröffnungsgala im Potsdamer Hanns-Otto-Theater abgesagt werden. Der Eröffnungsfilm Incitement von Yaron Zilberman über den Mörder des israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin läuft am Sonntagabend, den 6. September, dafür im City Kino Wedding – dabei sind Festivalleiterin Nicola Galliner, Israels Botschafter Jeremy Issacharoff und rbb-Moderator Knut Elstermann. Wer nicht ins Kino möchte oder keine Karte mehr bekommt, kann den Film – wie fast alle anderen Beiträge auch – mit einem speziellen Ticket online verfolgen.

WAGNIS Incitement, 2019 ausgezeichnet mit dem renommierten Ophir-Preis als bester israelischer Film, unternimmt ein großes Wagnis. Der Regisseur macht den Rabin-Mörder Jigal Amir zur Hauptfigur eines Spielfilms und zeigt nicht nur – in dokumentarischen Einblendungen – das aufgeheizte Klima in Israel nach dem historischen Abkommen 1993 zwischen Rabin und PLO-Chef Yassir Arafat und die Hetze radikaler Rabbiner, die den israelischen Ministerpräsidenten als »Verräter« für todeswürdig erklärten, sondern auch das persönliche Umfeld des Jurastudenten der Bar-Ilan-Universität, der in einer jemenitisch-jüdischen Familie in Herzliya aufwuchs.

Dabei taucht im Film nicht nur Margalit Har-Shefi auf, die 19-jährige Siedlerin, die nach dem Rabin-Mord wegen Mitwisserschaft zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde, sondern auch eine bisher öffentlich kaum bekannte Figur. Eingeführt wird Nava, ein weiteres Mädchen aus einer Siedlung im Westjordanland, deren hochnäsige aschkenasische Familie den Sefarden Jigal bei einem Besuch gnadenlos abblitzen lässt, womit die Beziehung zum Scheitern verurteilt ist.

Fast 25 Jahre nach dem Attentat auf Rabin am 4. November 1995 ist die Zeit offenbar reif, in einem Spielfilm eine Vielzahl von Motiven des Täters zu erörtern und ihn trotz seines politischen Fanatismus nicht als Monster, sondern als Menschen zu zeigen. Damit legitimiert der Regisseur keineswegs die Hetze gegen Rabin oder den politischen Mord, schafft es aber, ein breites Publikum in der nach wie vor gespaltenen israelischen Öffentlichkeit anzusprechen.

Delphi Am Montag, den 7. September, folgt im Charlottenburger Kino Delphi Filmpalast die Komödie Kiss me kosher von Shirel Peleg über ein deutsch-israelisch-lesbisches Liebespaar. Da es sich um eine Weltpremiere handelt, die trotz Corona mit Gästen auf dem Roten Teppich gefeiert wird, darf vorab nichts verraten werden.

In »Winterreise« ist Bruno Ganz in seiner letzten Rolle zu sehen.

Nur so viel: Die Geschichte von Shira und Maria ist nicht die einzige Liebesgeschichte des zweistündigen Spielfilms, in dem auch die deutsche Besessenheit aufs Korn genommen wird, den Nahostkonflikt zu lösen. Als Darstellerin überzeugt Juliane Köhler (bekannt geworden durch ihre Rolle in Aimée und Jaguar) diesmal als Petra Müller, die Mutter der deutschen Lesbe Maria Müller – besonders aber die israelische Schauspielerin Rivka Michaeli (82) als strenge jüdische Oma Berta. Der Film kommt am 10. September in die deutschen Kinos.

Flötist Ein weiteres Highlight ist das Dokudrama Winterreise von Anders Østergaard und Martin Goldsmith mit Leonard Scheicher, Dani Levy und Bruno Ganz (1941–2019) in seiner letzten Rolle. Darin zeichnet der amerikanische Radiomoderator Goldsmith die Geschichte seines Vaters Georg (Günther) Goldschmidt nach, eines deutsch-jüdischen Musikers.

Nach dem Berufsverbot trat der Flötist dem Jüdischen Kulturbund bei, der ein blühendes jüdisches Leben in Deutschland vortäuschen sollte. 1941 konnte er in die USA auswandern; nach dem Tod seiner Frau lebte er alleine in seinem Haus in Arizona.

Über seine Geschichte und die seiner von den Nazis ermordeten Familienmitglieder schwieg er jahrzehntelang. Auch bei einer Reise mit der Familie nach Deutschland schaffte er es nicht, sich der Vergangenheit zu stellen, bis ihn sein Sohn viele Jahre später mit beharrlichem Nachfragen zum Reden brachte. Bruno Ganz ist überragend in der Rolle des Vaters, der seinem Sohn nur widerwillig Auskunft gibt, bis er schließlich aus sich herausgeht. Der Film kommt am 22. Oktober in die deutschen Kinos.

BEZIEHUNGEN Der ungarische Spielfilm Those who remained von Barnabás Tóth erzählt eine Beziehungsgeschichte zweier Schoa-Überlebender nach dem Krieg – der 16-jährigen Klára und dem 42 Jahre alten Arzt Aladár. Um »moderne« Beziehungen geht es in den Spielfilmen Africa von Oren Gerner und End of Love von Keren Ben Rafael, die in Israel und Afrika beziehungsweise Israel und Paris spielen. Und I was not born a mistake von Rachel Rusinek und Eyal Ben Moshe dokumentiert die Erfahrungen des als Mann geborenen ultraorthodoxen Juden Yaakov (Yiscah) Smith, Vater von sechs Kindern, der sich seit seiner Jugend als Frau fühlt.

Ausgesprochen sehenswert – nicht nur für jüngere Zuschauer – ist Masel Tov Cocktail von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch über die Erfahrungen des jugendlichen Zuwanderers Dima Lieberman im Ruhrgebiet, der vergeblich nach einer für ihn passenden Rolle jenseits von Opfer- und Tätermodellen im deutsch-jüdischen Beziehungsgeflecht sucht.

Eine ungewöhnliche Geschichte erzählt Lena Chaplin in Underground Ballet über eine Ballettschule in Jerusalem unter dem Teddy-Stadion, die von Nadya, Tochter der russischen Balletttänzerin Nina Timofeyeva, geleitet wird. Wie viele andere Filme wird auch der israelische Dokumentarfilm Golden Voices über Victor und Raya Frenkel, Stars der sowjetischen Filmsynchronisation, mit deutschen Untertiteln gezeigt – und dieser Film online sogar kostenlos.

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