Geschichte

Goldrausch in Treblinka

Es ist ein Foto, das dem polnisch-amerikanischen Soziologen Jan T. Gross keine Ruhe lässt: Im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Treblinka stellen sich Bäuerinnen und Bauern und einige Uniformierte zu einem Gruppenbild auf. Manche der Landarbeiter stützen sich auf Spaten. Müde, wie nach einem langen Arbeitstag, sehen sie in die Kamera. Vor ihnen auf dem Boden liegen nicht Rüben oder Kartoffeln, sondern Totenschädel und Knochen.

Es sind die »Goldgräber« von Treblinka, die, nachdem die Nazis weg waren, die Erde und Asche des Todeslagers umgruben, um die letzten Kostbarkeiten der ermordeten Juden zu finden. Jetzt hat Gross zusammen mit Irena Grudzinska ei-nen langen Essay zu dem Bild verfasst. Schon vor seiner Veröffentlichung sorgte der Text in Polen für Empörung. Denn Gross wirft den Polen vor, vom Holocaust profitiert und sich schamlos am Eigentum der Juden bereichert zu haben.

mythen Zwar berichteten schon andere Publizisten und Wissenschaftler über die Goldgräberstimmung Ende des Zweiten Weltkrieges, die Hunderte von Polen in die verlas-senen KZs trieb. Schatzsucher steckten regelrechte Claims ab, suchten in Asche, Schlamm und Leichenresten nach Ringen, Goldklümpchen und anderen Kostbarkeiten. Beschrieben wurde auch bereits, wie während und nach der Schoa zumeist katholische Polen die Wohnungen, Häuser und Fabriken übernahmen, die einst jüdischen Landsleuten gehört hatten.

Doch das waren wissenschaftliche Texte, die das Vorgefallene nicht moralisch bewerteten. So blieb die Auseinandersetzung um die »goldene Ernte«, wie Gross und Grudzinska die Raubzüge und Plünderungen im Titel sarkastisch nennen, bis heute aus.

Schon zwei Mal hat Gross in den vergangenen Jahren polnische Geschichtsmythen als Legenden entlarvt. Sein schmales Buch Nachbarn löste 2001 die größte historische Debatte aus, die das Land jemals geführt hat. In der Kleinstadt Jedwabne hatten 1941, direkt nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer, katholische Polen ihre jüdischen Nachbarn ermordet. Sie trieben die Opfer in eine Holzscheune, verbrannten sie und teilten das Eigentum der Toten unter sich auf.

Die offizielle Version, die auch auf einem Gedenkstein verewigt war, sprach von einem Nazi-Massaker. 2006 sorgte Gross’ Buch Die Angst über das Pogrom von Kielce erneut für eine heftige Diskussion. In der südostpolnischen Stadt wurden 1946 42 zurückgekehrte Schoa-Überlebende ermordet – und es ging auch dabei letztendlich um Materielles, um jüdische Wohnungen, in die nach den Deportationen christliche Bürger der Stadt eingezogen waren.

tabu Gross und Grudzinska lassen in Goldene Ernte keinen Zweifel daran, dass die Haupttäter die Nazi-Deutschen waren, die Polen hingegen vor allem Opfer der Besatzung. Sie anerkennen auch, dass viele katholische Polen Juden vor dem sicheren Tod retteten. »Aber«, sagt Gross, »dem berühmten Satz Professor Bartoszewskis, dass zehn Polen nötig waren, um einen Juden zu retten, würde ich einen zweiten hinzufügen: Die Ermordung eines Juden war nicht möglich ohne die Mithilfe vieler Personen.«

Diese Kehrseite der Medaille aber wollen viele Polen nicht sehen. Die Kollaboration mit den deutschen Besatzern galt lange als Tabu. Auch die »Schmalzowniks«, Landsleute, die Juden für Geld an die Nazis verrieten, galten als bloßer Abschaum. Gegen den jetzt erhobenen Vorwurf, dass sich nicht nur wenige, sondern hunderttausende Polen am Eigentum der Juden bereicherten, protestierten deshalb »wahre Patrioten« – wie sich die Nationalisten im Lande selbst bezeichnen – mit einem Boykottaufruf gegen den Verlag Znak, der die Goldene Ernte herausbringt.

Zwei gerade erschienene wissenschaftliche Werke, die die Thesen von Gross voll bestätigen und den Raubzug im Detail beschreiben, ignorierten sie dabei. Unter dem Druck der Mail- und Briefflut entschuldigte sich die Verlagsdirektorin öffentlich für die Publikation. Anfang März soll das Buch erscheinen.

Schloßbergmuseum

Chemnitz zeigt Fotoausstellung über Mikwen

Ein Fotograf hat die Atmosphäre dieser meist unterirdisch gelegenen jüdischen Orte eingefangen

 26.03.2026

Charles Lewinsky

Melnitz, eine männliche Scheherazade

Der Schweizer Autor legt seinen Protagonisten auf die Couch und lässt ihn das 20. Jahrhundert erzählen

von Ellen Presser  26.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  26.03.2026

Shelly Kupferberg

Die Geschichte von Martha E. aus Schöneberg

In ihrem ersten Roman erzählt die Berliner Autorin von einer Nichtjüdin, die in der NS-Zeit zur stillen Heldin wurde

von Tobias Kühn  26.03.2026

Interview

»Man muss uns nicht gernhaben, aber man soll uns leben lassen«

Die Schoa-Überlebende Eva Erben und der TV-Moderator Günther Jauch sind seit Langem befreundet. Unser Reporter Michael Thaidigsmann hat Erben in Israel besucht und mit beiden gesprochen

von Michael Thaidigsmann  26.03.2026

Programm

Ferienprogramm, Retrospektive und ein Rache-Musical: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April

 25.03.2026

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026