»Son of Saul«

Golden Globe für Oscar-Favoriten

Golden-Globe-Gewinner László Nemes (M.) mit Hauptdarsteller Geza Röhrig (2.v.l.) bei der Verleihung Foto: dpa

Einer der Golden Globes (das ist jener Preis in Hollywood, der von ausländischen Journalisten verliehen wird und knapp unterhalb der Oscars rangiert) wurde am Sonntag in Los Angeles an Son of Saul verliehen, den Debütfilm des Ungarn László Nemes. Natürlich ist es vollkommen richtig, dass dieser Film gewonnen hat. Leider kann man ihn in Deutschland noch in keinem einzigen Kino sehen.

Der Protagonist von Son of Saul ist Saul Ausländer (gespielt von Geza Röhrig), ein ungarischer Jude, der in einem der Auschwitz-»Sonderkommandos« arbeitet. Am Anfang des Films ist alles verschwommen: Wir sehen grün, wir sehen Gestalten, wir hören Menschenstimmen, ein Stöhnen, das sich nicht deuten lässt. Dann holt sich die Kamera diesen einen Menschen aus dem Unscharfen heraus: einen Häftling mit Mütze. Die Kamera wird ihm bis zum Schluss nicht mehr von der Seite weichen; sie schaut ihm über die Schulter bei dem zu, was er macht.

Gaskammer Saul Ausländer geht neben einer Menschenschlange her. Er zeigt den Leuten, die gerade aus dem Viehwaggon gestiegen sind, wo sie hingehen sollen. Eine deutsche Stimme sagt, dass die Häftlinge sich ausziehen und duschen sollen, nach der Dusche sollen sie sich zum Arbeiten melden. Dann gehen die Türen der Gaskammer zu. Wir hören das Hämmern der Fäuste an den Türen, die Schreie. Dann blendet der Film gnädig ab.

László Nemes erspart uns fast nichts, gleichzeitig ist sein Film auf berührende Art keusch. In einer Einstellung sehen wir im Leichenhaufen die Brüste einer nackten Frau; diese Einstellung ist nicht aus voyeuristischen Gründen im Film, sie dient einzig und allein dazu, klar zu machen, wie unmöglich es in diesem Zusammenhang ist, an Sex zu denken. Die allermeisten Morde in Son of Saul werden »ob scena« verübt, nicht vor der Kamera – es wäre eben obszön, sie zu zeigen, und der Regisseur, offenbar ein Mann mit einem regen Gewissen, weiß das.

Die Geschichte, die uns hier erzählt wird, ist einfach, und sie reicht tief in die abendländische Kulturgeschichte zurück: Saul Ausländer sieht einen Jungen, der noch atmet, nachdem sich die Türen der Gaskammer geöffnet haben. Das Kind wird von einem SS-Arzt mit der Hand erstickt; Saul glaubt, es handle sich um seinen Sohn. Der Film ist agnostisch gegenüber der Frage, ob es tatsächlich Sauls Sohn ist. Es ist auch wirklich nicht wichtig. Der Protagonist stiehlt die Leiche und versteckt sie in seinem Bett. Den Rest des Films verbringt er damit, nach einem Rabbiner zu suchen, der ihm helfen könnte, das Kind heimlich zu begraben und Kaddisch zu sagen.

antigone Wir dürfen an Sophokles’ Antigone denken, die gegen den Willen Kreons versucht, ihren Bruder Polyneikes mit Staub zu bedenken. Oder an König Priamos und seinen toten Sohn Hektor. Wir können uns aber auch ganz einfach daran erinnern, dass es in Auschwitz keine Gräber gibt. Kein einziges.

Drei Rabbiner sucht und findet der Protagonist in Son of Saul, und keiner kann ihm helfen. Es ist unmöglich, die traditionelle Segensformel auszusprechen; es ist unmöglich zu sagen: »Erhoben und geheiligt werde sein heiliger Name.« Der Held des Films sucht mit einer Verbissenheit nach einem Grab für sein Kind, die an Don Quijote erinnert, aber er hat nichts Lächerliches.

Dass seine Kameraden vom »Sonderkommando« unterdessen einen Aufstand wagen (den es tatsächlich gegeben hat), interessiert ihn kaum. Und selbstverständlich gibt es am Schluss kein Happy End: Dieser Film wendet sich gegen Schindlers Liste von Steven Spielberg, ein Hollywooddrama mit glücklichem Ausgang und erhebender Botschaft. Wer den Film sieht, der begreift: Es gab keinen glücklichen Ausgang, und es gibt keine erhebende Botschaft.

Dass er dies mit solch enormer Radikalität und zugleich mit soviel Zartgefühl getan hat – dafür würde man László Nemes gern danken. Und wenn dieser Film nach dem Golden Globe nicht auch noch am 28. Februar einen Oscar bekommt, soll Hollywood seinen Laden doch einfach dicht machen.

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