Hightech

Gewagte Sicherheit

Insgesamt 19 Menschen wurden in Israel bei der jüngsten Terrorwelle seit Ende März getötet. Während die Sicherheitsbehörden die verantwortlichen Terroristen schnell verhafteten oder neutralisierten, wurde der Attentäter von Tel Aviv, der Anfang April in einer Bar in der Dizengoffstraße drei Menschen ermordete, erst nach nächtelanger Fahndung zahlreicher Polizei- und Militäreinheiten bei einem Schusswechsel in Jaffa gestellt und getötet.

Um ihn aufzuspüren, verwendete der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet neben Geheimdienstinformationen und Künstlicher Intelligenz (KI) auch eine Gesichtserkennungstechnologie, da das Filmmaterial der Überwachungskameras kein klares Bild lieferte.

zusammenarbeit »Nach einer schwierigen Nacht voller Aktivitäten von Polizei, Schin Bet und den israelischen Streitkräften (IDF) gelang es uns – mit operativer und nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit –, den Kreis zu schließen und den Terroristen in einem Schusswechsel zu töten«, sagt A., Verbindungsoffizier des Schin Bet. »Als wir ihn ausfindig machten, erhielten die Spezialeinheiten die Informationen, die daraufhin reagierten.«

Die Technik kann bei der Terrorbekämpfung eingesetzt werden.

Der Spionage-Experte bestätigt, dass Gesichtserkennungstechnologie für eine Vielzahl von Sicherheitszwecken verwendet wird. Bei der Terrorbekämpfung ermöglicht sie, Personen nur anhand weniger Details ihres Gesichts zu identifizieren. »Modernes Hightech verhinderte zahlreiche Anschläge in Israel«, betont A. »Dadurch sind wir den Attentätern oft einen Schritt voraus.«

KÖRPERKAMERAs Das israelische Start-up Yozmot Ltd. stellt in Kooperation mit Corsight AI Körperkameras her, die es der Polizei ermöglichen, Menschenmengen zu scannen und Verdächtige in Echtzeit zu erkennen – selbst wenn ihre Gesichter verdeckt sind. Die Polizei kann sie mit Fotografien abgleichen, die Jahrzehnte zurückliegen.

Diese Art der Erfassung hat weltweite Kritik ausgelöst, wobei zahlreiche Hightech-Giganten wegen des Datenschutzrisikos davon absehen, die Technologie den Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen. »Die Polizei weiß dadurch, mit wem sie es zu tun hat«, sagt Dany Tirza, Yozmot-Geschäftsführer und ehemaliger IDF-Oberst, der für die Errichtung der israelischen Sperranlagen um das Westjordanland verantwortlich war. »Wir werden mit dieser Technologie kriminelle oder vermisste Personen aufspüren.«

Das bahnbrechende, auf KI basierende System, das Personen auch bei schlechten Lichtverhältnissen erkennt, wird mittlerweile von Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten auf der ganzen Welt eingesetzt. Außerdem ermöglicht es, Datenbanken aufzubauen, so etwa über Mitarbeiter, die ein Gebäude betreten, oder Ticketinhaber bei einem Stadionbesuch. »Auf dem Markt für elektronische Gesichtserkennung hatten die meisten Akteure mit den Covid-19-Masken zu kämpfen«, erklärt der Ex-Militär. »Die Entwicklung unseres Systems musste sich dem anpassen.«

Israels Überwachungstechnologie ist zuletzt in Verruf geraten: vor allem, als die von Veteranen des israelischen Militärgeheimdienstes gegründete NSO Group die Pegasus-Software herstellte, die Mobiltelefone ausspionierte. Das Start-up wurde von den US-Behörden auf die schwarze Liste gesetzt und von zahlreichen Unternehmen verklagt.

EINSATZ Während die Mehrheit der derzeit auf dem Markt befindlichen Identifikationstechnologien noch getestet wird, wurde das System von Dany Tirza bereits eingesetzt. »Ziel war es, auch maskierte Terroristen in einer Menschenmenge zu finden«, sagt Ofer Ronen, Vizepräsident von Corsight AI. »Um ein Profil einer Person zu erstellen, verarbeitet unser Produkt Informationen aus Überwachungskameras, Bildern und anderen visuellen Quellen.«

Doch auch bei der Corona-Kontaktnachverfolgung kann das System in Kombination mit einer Wärmebildkamera helfen, indem Personen mit hoher Körpertemperatur identifiziert und für eine Untersuchung gekennzeichnet werden. Die Person wird automatisch in eine Datenbank aufgenommen, die Aufnahmen der Überwachungskameras aus allen von ihr besuchten Orten zusammenstellt, um diejenigen zu warnen, die in engen Kontakt mit dem Infizierten kamen.

»Wir werden kriminelle oder vermisste Personen aufspüren.«

Dany Tirza

Ofer Ronen bezweifelt, dass diese Technologie Staaten zu einem »Big Brother«-Apparat macht: »Der Auftraggeber allein – beispielsweise eine Strafverfolgungsbehörde – entscheidet, welche Art von Informationen wo gespeichert werden. Wir stellen Tools bereit, die eine hohe Funktionalität ermöglichen und gleichzeitig die einzelnen Daten auf ein Minimum beschränken, um die Notwendigkeit des Schutzes zu unterstützen.«

DATENSCHUTZ Da solche Systeme immer mächtiger werden, befürchten einige, dass die Gesichtserkennung von autoritären Regierungen verwendet werden könnte, um die eigene Bevölkerung zu bespitzeln. Anders als die Pegasus-Software soll das System aber dieses Mal nicht an Paria-Staaten gelangen.

»In Zusammenarbeit mit der Regierung haben Start-ups wie Corsight AI einen Datenschutzbeirat eingerichtet, der sich aus führenden Sicherheits- und Datenschutzexperten zusammensetzt«, erklärt A., Verbindungsoffizier des Schin Bet. »Das Gremium ist für die Genehmigung jedes Geschäftsabschlusses auf Einzelfallbasis verantwortlich.«

Dadurch entscheiden Unternehmen demokratisch, ihr System nur an Länder zu verkaufen, die es nicht missbrauchen. Während bei einer solchen Technologie immer eine Überwachungsgefahr besteht, wünschen sich einige Bürger eher mehr Sicherheit. »Natürlich wollen wir keinen Staat wie bei George Orwells ›1984‹«, sagt der Terrorismus-Experte. »Doch diese KI kann Leben retten.«

Köln/Hamburg/Leipzig

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