Berlin

Geschichte eines Mädchens

Annes Leben: Thomas Heppener führt Wolfgang Thierse, Kristina Schröder und den früheren Ministerpräsidenten der Niederlande, Wim Kok, durch die Ausstellung (v.l.) Foto: Marco Limberg

Lennard kann Marius nicht leiden. Er mobbt ihn, und irgendwann eskaliert die Situation zwischen den beiden Schülern – allerdings nur im Video. Im wirklichen Leben sind die beiden Teenager aus Wuppertal befreundet und haben für die Ausstellung »Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte« einen Film über Mobbing gedreht.

Die Ausstellung, die am Donnerstagmittag im Paul-Löbe-Haus eröffnet wurde, will Jugendlichen anhand von Bildern und Dokumenten die Geschichte von Anne Frank nicht nur nahebringen, sondern die Teenager sollen sich auch mit Fragen des Erwachsenwerdens, der Identität, des interkulturellen Zusammenlebens und mit Diskriminierung auseinandersetzen.

»Wer bin ich« Das Anne-Frank-Zentrum in Berlin und das Amsterdamer Anne-Frank-Haus haben das Projekt konzipiert. Aufgeteilt in einen historischen und einen aktuellen Teil, bietet es auf elf großen Schautafeln viele Denkansätze, die den Fragen »Was kann ich bewirken?«, »Wer bin ich?« und »Wer sind wir?« nachgehen. Das Video der Wuppertaler Jugendlichen, das in einem außerschulischen Rahmen enstanden ist, ist nur ein Teil davon.

Die Ausstellung ist deshalb sehr für junge Besucher geeignet. »Sie verbindet historisches Wissen und stellt einen Bezug zur Gegenwart her«, sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) bei der Eröffnung. Er betonte, dass es angesichts der Morde der Zwickauer Terrorzelle »Pflicht aller Demokraten sei«, sich gegen Fremdenfeindlichkeit und jegliche Art von Diskriminierung und Hass einzusetzen.

Auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hat die Geschichte der 13-jährigen Anne stark beeindruckt. Sie habe das Tagebuch damals regelrecht verschlungen, sagte sie.

Herzstück Besonders drei Punkte haben Schröder in der Ausstellung »Deine Anne« überzeugt. Es sei keine klassische Schau, sondern rege zur Diskussion an. Auch die Ausbildung von Jugendlichen zu sogenannten Anne-Frank-Botschaftern – das Herzstück des Projekts – sei wichtig: Denn nur, wer den bedeutenden Zusammenhang zwischen politischen, gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Entwicklungen verstehe, könne sich politisch weiterbilden. Schröder ist davon beeindruckt, dass sich die Ausstellung auf soziale Netzwerke, Blogs und E-Learning ausweitet: »So findet Annes Stimme auch über das Internet Gehör.«

Allerdings kann man Anne auch ganz nah erleben. In einem »Gedenkraum« mitten im Paul-Löbe-Haus, der von einem transparent-blauen Stoffdach bedeckt ist, sind Fotos vom Versteck im Amsterdamer Hinterhaus zu sehen. So bekommt man einen Eindruck davon, wie beengt die Franks leben mussten. Vom Tonband kommt die Stimme einer jungen Frau, die aus dem Tagebuch vorliest.

Einmischen Nicht nur das ist besonders an der Ausstellung. Auch die Namensgebung sei bewusst gewählt, sagt Thomas Heppener, Direktor des Berliner Anne-Frank-Zentrums. »Der Titel ›Deine Anne‹ kann auch Ihre Anne sein, eure Anne sein.« Jeder könne sich mit der persönlichen Geschichte und deren großer Bedeutung auseinandersetzen. Wichtig sei aber vor allem, dass die Jugendlichen »sich einmischen«, wenn sie mit Themen wie Diskriminierung oder Fremdenfeindlichkeit konfrontiert seien, so Heppener. Jacqueline Sanders-van Maarsen und Albert Gomes de Mesquita, zwei ehemalige Schulfreunde von Anne Frank, die als Zeitzeugen nicht nur zur Ausstellungseröffnung, sondern auch zu der internationalen Konferenz »Engaging youth in learning about the Holocaust an Human Rights in the 21st century« eingeladen sind, haben Heppeners Worte bewegt: »Die jungen Menschen müssen an die Gegenwart denken«, sagt Gomes de Mesquita.

Der alte Mann steht vor der letzten von insgesamt elf mulitmedialen Tafeln im Paul-Löbe-Haus und nickt beim Betrachten der Plakate, Zettel und Aufkleber. Der Abschluss der Ausstellung ist für Gomes de Mesquita ein Anfang.

Die Ausstellung »Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte« ist vom 20. Januar bis zum 16. Februar im Paul-Löbe-Haus, Eingang West, Konrad-Adenauer-Straße 1 in Berlin zu sehen. Einlasszeiten: Mo bis Do 11 und 14 Uhr, Fr 11 Uhr. Eine vorherige Anmeldung ist erforderlich: Telefon 030-22738883 oder per E-Mail: info-ausstellungen-plh@bundestag.de

Ab März wandert die Ausstellung durch Deutschland. Weitere Informationen beim Anne-Frank-Zentrum: www.annefrank.de

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Tel Aviv

Gal Gadot will mit ihrer Familie nach Israel zurückkehren

Die Hintergründe

 29.10.2026