Porträt

Gemischtes Doppel

»Wir sind beide nicht symbiotische Typen«: Ruth Olshan und David Bernet in ihrer Berliner Wohnung Foto: Gregor Zielke

Die Erkundung jüdischer Reinheitsformeln, schwankend zwischen Ernst und absurder Komik, in einem Dokumentarfilm, der auch die eigene Lebensgeschichte der Regisseurin mit zum Thema macht; Geschichten von deutschen Christen und Atheisten, die sich entschließen, zum Judentum zu konvertieren; Jugendliche aus Georgien, die traditionelle Volksmusik singen, privat aber längst diesen Traditionen entsagt haben und ganz und gar modern leben; Kleinbauern, die in Paraguay ihre Felder und ihre herkömmliche Lebens‐ und Arbeitsweise gegen globale Konzerne verteidigen. Die Filme von Ruth Olshan und David Bernet kreisen oft um die Frage der Identität.

Das deutsch‐jüdisch‐schweizerische Cineastenpaar lebt zusammen in Berlin. Gemeinsam einen Film gemacht haben die beiden bis jetzt noch nicht. »Es macht Sinn, wenn man als Filmpaar seine eigenen Wege sucht«, sagt David Bernet. »Es gibt andere, die gehen total in Symbiose – wir funktionieren nicht so.« Und Olshan ergänzt: »Wir sind beide nicht symbiotische Typen.«

Die dennoch erkennbare Themenverwandtschaft hat mit den eigenen Biografien zu tun. »Für mich ist’s ganz einfach: Ich bin Schweizer«, sagt David Bernet. »Da gibt es ein paar Familien, die kommen aus dem oder jenen Tal. Das Interessante war für mich, als Schweizer mit einer positiven Identität, nach Deutschland zu kommen und festzustellen: Hier ist es nicht so, hier gibt es eine negative Identität.«

Daraus entstehe eine Suche nach Identität, »die so sehr deutsch ist, die es so nirgendwo sonst gibt auf der Welt. Daher kam das Thema in dem Dokumentarfilm Jew by Choice, die Konvertiten, die alles darauf anlegen, ihre Identität zu ändern, und als Nichtjuden eine jüdische Identität wählen.« Der Film entstand 2011 gemeinsam mit Robert Ralston für arte.

mischmasch Bei Ruth Olshan ist die Lebensgeschichte komplizierter. Sie wurde 1970 in Moskau geboren, ein Jahr später emigrierte die Familie nach Israel, 1974 dann nach Deutschland. In Berlin wuchs sie auf, studierte Filmwissenschaft, schrieb Drehbücher für Fernsehkrimiserien, und für einen Kinderfilm, der gerade in Vorproduktion ist, drehte 2002 den Spielfilm Savannah und zwei Dokumentarfilme: Wie die Luft zum Atmen (2005), eine musikalische Reise durch Georgien, und Being kosher/Nicht ganz koscher von 2010 mit ihr als Regisseurin und Hauptdarstellerin. »Das war eigentlich nie angelegt als ein Film, in dem ich selbst vor der Kamera stehe«, erzählt Olshan.

»Die Redaktionen haben meine eigene Biografie in Kombination mit dem Thema aber spannend gefunden.« So wurde aus einem Film, der zunächst nur als leichtes, auch humorvolles Porträt jüdischer Regelobsessionen – von koscherem Sex bis zu ritueller Körperpflege – angelegt war, ein immer noch sehr witziger Film über die »nicht ganz koschere« jüdische Familiengeschichte der Regisseurin.

Ihre Vorfahren wechselten mehrfach die Religion: Die jüdische Urgroßmutter trat aus Angst vor Pogromen zum Katholizismus über, deren Enkelin, Olshans Mutter, heiratete dann einen Juden. Ruth selbst besuchte erst den jüdischen Kindergarten, dann eine katholische Schule, feierte Schabbat ebenso wie Weihnachten.

reinheit Was Bernets und Olshans beiden »jüdischen« Filme Jew by Choice und Nicht ganz koscher verbindet, ist das Thema der Freiheit: Inwieweit ist man frei, sich selbst zu definieren? Oder wird man definiert in seiner Identität? »Es gibt ja auch positiven Rassismus«, sagt Olshan, »wenn die Leute vom ›jüdischen Humor‹ oder ›jüdischem Geschäftssinn‹ reden.«

Hinzu kommt die Frage nach der Bedeutung jener Reinheitsvorstellungen, die bei Identitätsthemen immer eine Rolle spielen. »Wir sind in der Zeit der Bastardisierung. Es gibt Wichtigeres, als die Reinheit«, sagt Bernet, und fügt dann nur halb scherzhaft hinzu: »Ich bin quasi das Medium der Unreinheit.« Denn auch, wenn das viele glauben, gerade nach einem Film wie Jew by Choice, ist er kein Jude, und, da Agnostiker, auch »nie in Konversionsversuchung gekommen«.

David Bernets neuer Film, der nach einer größeren Festivalkarriere und wichtigen Auszeichnungen nun im Mai in die Kinos kommt, bewegt sich denn auch scheinbar auf anderem Terrain. Raising Resistance, den er gemeinsam mit Bettina Borgfeld drehte, ist stilistisch ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm, in Bildern, die für sich stehen und sich immer wieder Schönheit gestatten, übers journalistisch Illustrative weit hinaus gehen. »Ich lasse gern die Dinge sprechen. Ich suche nach szenischen Elementen«, sagt Bernet.

infragestellen Inhaltlich geht es in dem Film um einen ökonomischen Verdrängungsprozess: Arme Campesinos in Paraguay wehren sich gegen die technologische Übermacht der Nahrungskonzerne. Das mag zunächst nach progressivem Dritte‐Welt‐Agitprop klingen. Doch David Bernet tappt nicht in die Falle der politischen Korrektheit.

Sein Film zeigt, dass die schlichte Gleichung aus der Tierschützer‐ und der Gesundheitslobby – »Fleisch = böse, Soja = gut« – viel zu einfach ist. Auch Raising Resistance handelt in letzter Instanz von übertriebenen Reinheitsvorstellungen. »In seinen Filmen geht es immer wieder um das Infragestellen von Absolutheiten«, erklärt Ruth Olshan ihren Ehemann. Oder um Widerstand, wenn man so will.

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