Paartherapie

Gemeinsam auf die Couch

Hat viel Zulauf in seiner Praxis: David Ribner arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Sexualtherapeut. Foto: Lissy Kaufmann

Er lächelt mich unruhig an. Dann legt er sich auf mich, wie sein Lehrer es ihm erklärt hat, und lässt das Handtuch zur Seite gleiten.« Diese Zeilen stammen aus dem Buch Unorthodox der Autorin Deborah Feldman, die darin ihre eigenen Erfahrungen als ultraorthodoxe Frau in Brooklyn erzählt.

In einem Abschnitt beschreibt Feldman ihre Hochzeitsnacht, die allererste gemeinsame Nacht mit ihrem Mann. So, wie es in der Welt der Charedim, der Gottesfürchtigen, erwartet wird, soll das frisch vermählte Paar Sex haben – auch wenn die Charedim das selbst nie so direkt benennen würden.

Deborah Feldman kann es nur deshalb so detailliert in ihrem Buch beschreiben, weil sie ausgestiegen ist. Heute lebt die New Yorkerin säkular in Berlin.

Für beide Seiten ist es das erste Mal – Sex vor der Ehe ist tabu. Und nicht nur das: In der streng religiösen Welt wird meist überhaupt nicht über Sexuelles gesprochen. Beide sind unsicher, was sie erwartet. »Er sieht mich in der Dunkelheit ängstlich an«, schreibt Feldman. »Er wartet auf irgendeine Form von Anweisung von mir, glaube ich, aber was weiß ich denn schon? Für mich ist es genauso ein Mysterium wie für ihn.« Am Ende bleibt die Hochzeitsnacht erfolglos, und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die Autorin schwanger wird.

aufklärung Deborah Feldmans Erfahrungen sind nicht einzigartig oder völlig abwegig – ganz im Gegenteil, weiß David Ribner. An diesem Vormittag sitzt er in seiner Praxis im Zentrum Jerusalems, ein helles, klassisch in Beige und Grau dekoriertes Zimmer. Ribner – blauer Anzug mit Krawatte, gestutzter heller Vollbart, Kippa – ist modern‐orthodox. Als Sexualtherapeut berät er hier orthodoxe Paare, auch die besonders streng religiösen. »Darunter auch jene, die den ganzen Tag in der Jeschiwa lernen«, berichtet der Therapeut.

Doch gerade sie brauchen oft am meisten Hilfe, erklärt Ribner, der zusammen mit Jennie Rosenfeld das Buch The Newlywed’s Guide to Physical Intimacy geschrieben hat, einen Ratgeber für religiöse Frischvermählte, die weder Aufklärungsunterricht in der Schule hatten noch sonst irgendwelche Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln konnten. »Erst, wenn sie verheiratet sind, fangen sie an zu lernen, worum es überhaupt geht«, erklärt Ribner.

Zwar gibt es in der Welt der Religiösen sogenannte Kallah‐ und Chatan‐Lehrer, die Braut und Bräutigam vor der Hochzeit je getrennt voneinander auf das Eheleben vorbereiten. Lange Zeit lernten junge Paare von ihnen aber vorrangig, welche reli‐
giösen Regeln sie einhalten müssen, wann die Frau zur Mikwe gehen muss, wann Intimität erlaubt ist und wann nicht.
Nicht immer reichen die Informationen für die ersten sexuellen Erfahrungen. »Bis zur Hochzeit haben junge Frauen und Männer keinerlei Kontakt zum anderen Geschlecht, nur zur engsten Familie, zu den Eltern, Geschwistern, Cousins und Cousinen«, sagt Ribner. »Und diese sexuelle Ignoranz kann sehr problematisch werden, was die Erwartungen angeht.«

erwartung Denn die sind hoch: Die Frischvermählten sollen in der ersten gemeinsamen Nacht von null auf 100 durchstarten, so ist es Tradition. »Nicht alle machen das, manche Paare wollen erst eine Weile warten. Dennoch ist diese Erwartung da«, erklärt Ribner. »Und es ist nicht so, dass sie in ihrer Jugend schon auf dem Autorücksitz rumgemacht hätten. Stellen Sie sich also nur vor, wie schwierig es ist, sich vor jemandem des anderen Geschlechts auszuziehen.« Vor allem auch deshalb, weil sich die Paare nach der Hochzeit erst nach und nach kennenlernen.

»Meine eigenen Kinder sind verheiratet, und da sie aus einer modern‐orthodoxen Familie kommen, hatten sie ihre zukünftigen Ehemänner und -frauen vorher ein paar Monate lang getroffen, sind zusammen ausgegangen, bevor sie geheiratet haben. Dadurch entsteht eine emotionale Bindung«, erzählt Ribner. Und diese könne sehr hilfreich sein in der ersten Nacht im gemeinsamen Bett. »Sowohl, was das Vertrauen angeht, als auch das Verständnis dafür, dass es vielleicht nicht gleich klappt. Und es fällt leichter, das erste Mal mit Humor zu nehmen.«

Anders bei den Ultraorthodoxen. »In der charedischen Gemeinschaft treffen sich Paare vor der Ehe maximal vier‐ bis fünfmal. Und in den streng chassidischen Gemeinschaften vielleicht gar nur einmal.« In der Welt der Orthodoxen folgt Liebe erst nach der Hochzeit. Es kann also ziemlich schwierig werden, wenn gleich am Anfang noch sexuelle Unwissenheit hinzukommt und Fragen wie: Wo sollte man sich berühren? Wohin mit Armen und Beinen? Der Ratgeber von Rosenfeld und Ribner fängt deshalb bei den ganz einfachen Unterschieden an: Männer und Frauen sehen anders aus. »Bereiten Sie sich darauf vor, dass nicht ihr Spiegelbild vor Ihnen stehen wird, wenn Sie Ihren Partner das erste Mal ohne Kleidung sehen.«

details Die Autoren sparen in ihren Erklärungen keine Details aus, nennen Körperteile beim Namen, sprechen über alle möglichen Hilfsmittel, damit die Beziehung für Mann und Frau befriedigend wird. Und sie erklären Dinge, die auch für nichtreligiöse Paare als Grundsatz gelten sollten: »Jeder hat das Recht, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht tun möchte.«

Ganz am Ende, an der hinteren Umschlagseite, befindet sich ein zugeklebtes Kuvert. Darin: Zeichnungen über Geschlechtsteile und Sexpositionen. »Wir verheimlichen nichts in dem Buch. Wenn wir über Penisse sprechen wollen, tun wir das, auch über Orgasmen und Vaginas«, sagt Ribner, hält kurz inne und fragt dann: »Ist es in Ordnung, wenn ich diese Worte im Interview benutze?« Es sei eben wichtig, dass die Leute genau verstehen, was gemeint ist. »Manchmal spreche ich hier in der Praxis in Metaphern und benutze ein anderes Wort für die Geschlechtsteile. Doch selbst, wenn ich Paaren Grafiken zeige, ist es mir in all den Jahren nicht passiert, dass irgendwer schockiert aufgesprungen und hinausgerannt wäre.«

Seit mehr als 25 Jahren arbeitet Ribner bereits als Sexualtherapeut, an der Bar‐Ilan‐Universität hat er das Trainingsprogramm für Sexualtherapeuten gegründet und geleitet. Er spricht die Themen offen an und weiß, wie wichtig sie für eine funktionierende Beziehung sind. Nicht nur, wenn es darum geht, Kinder zu zeugen.

»Im Judentum geht es auch darum, dass Sex beiden Spaß machen soll. In den jüdischen Hochzeitsdokumenten verpflichtet sich der Mann, seine Frau sexuell zu befriedigen, wenn sie das möchte. Das gilt andersherum aber genauso.« So prüde und züchtig, wie das orthodoxe Judentum daherkommt, sei es traditionell gar nicht, es habe sich vielmehr mit der Zeit so entwickelt.

wandel Doch in den vergangenen Jahren hat David Ribner Veränderungen festgestellt, die einhergehen mit dem generellen Wandel in der Welt der Charedim – mehr Religiöse nutzen Internet und Smart Phones, studieren an speziellen Hochschulen, mehr Männer arbeiten oder absolvieren den Armeedienst. So sei auch die Nachfrage nach sexualtherapeutischer Behandlung gestiegen, genauso wie die Anzahl an Therapeuten für Religiöse. Auch die Kallah‐ und Chatan‐Lehrer würde immer häufiger über Sex sprechen, nicht nur über religiöse Regeln. Und: Auch das Verständnis von Rabbinern für diese Themen sei größer geworden.

»Immer mehr streng religiöse Rabbiner haben ein Interesse daran, dass dieser Aspekt im Leben eines Paares funktioniert. Immer öfter leiten sie Paare an uns weiter, und einige melden sich bei Fragen auch direkt bei mir.«

In der Welt der Charedim sind der Rabbiner und seine Ehefrau oft die ersten Ansprechpartner bei allen Lebensfragen. Doch nicht immer reicht ihr Wissen, um weiterzuhelfen. Was tun bei Erektionsproblemen? Was tun, wenn das Sexualleben für die Frau schmerzhaft ist? All das sind Fragen, bei denen Ribner hilft. »Es tauchen alle möglichen Probleme auf, die andere, nichtreligiöse Paare auch haben. Da gibt es keine Ausnahmen«, so Ribner. »Und auch die Tatsache, dass Eltern zu wenig mit ihren Kindern über sexuelle Themen sprechen, ist nicht ausschließlich ein Problem der Religiösen.«

homosexualität Und doch kommt auch Ribner an den Punkt, an dem er nicht immer weiterhelfen kann. Dann zum Beispiel, wenn junge Männer vor der Ehe zu ihm kommen und nicht sicher sind, ob sie wirklich heterosexuell sind. »In manchen Fällen liegt das daran, dass junge Männer, wenn sie in die Pubertät kommen und sexuell reifen, nur mit anderen Jungen zu tun haben.« Denn das Leben von Männern und Frauen läuft bei den Orthodoxen getrennt ab, selbst in den Schulen begegnen sie niemandem vom anderen Geschlecht.

»Ihre sexuelle Energie fokussiert sich also auf die anderen Jungen, die in der Schule neben ihnen sitzen. Und das kann verwirrend sein.« Im Laufe der ersten Begegnungen mit der Zukünftigen würde sich das aber aufklären. Doch dann gibt es auch jene Männer, die tatsächlich homosexuell sind. »Das ist sehr problematisch in der religiösen Gemeinschaft. Wir haben da nicht wirklich eine Antwort«, sagt Ribner.

»Ich verweise sie an Hilfsgruppen. Aber es ist schwer, wenn jemand charedisch bleiben und nach den religiösen Gesetzen leben möchte. Das ist eine sehr schmerzliche Situation.« Einige von ihnen, vor allem in nationalreligiösen Kreisen, wollen es dennoch mit der Ehe versuchen.

viagra »Ich habe Paare, die zu mir kommen und erzählen, dass der Mann eigentlich homosexuell ist, sie aber trotzdem heiraten wollen und fragen, ob das geht«, erzählt Ribner. Die Frage sei, was genau sie sich darunter vorstellen. Das Zusammenleben wird möglich sein. »Kinder zu zeugen, kann auch funktionieren, wenn es für ihn nicht unmöglich ist, eine nackte Frau zu sehen. Bei Problemen gibt es Viagra. Aber es wird wohl so sein, dass keiner der beiden wahre sexuelle Befriedigung erfährt.« Das aber sollte selbst aus religiöser Sicht Teil der Ehe sein.

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