Kulturgeschichte

Gehorsam, Lust und Sündenfall

An der Geschichte von Adam und Eva wird ein wenig klarer, wie wir Menschen sind. Foto: Siedler

Kulturgeschichte

Gehorsam, Lust und Sündenfall

Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt spürt dem Mythos von Adam und Eva nach

von Harald Loch  19.03.2018 16:16 Uhr

Die biblische Schöpfungsgeschichte ist fast 3000 Jahre alt. Sie steht am Anfang der religiösen Erzählung für Juden, Christen und Muslime. Sie kennt nur einen Gott und stellt in den Mittelpunkt der Geschichte von der Erschaffung des Menschen den »Sündenfall« von Adam und Eva und deren Vertreibung aus dem Paradies, die auch für alle Nachkommen Bestand hat.

Lange und teilweise noch heute wird diese Geschichte wörtlich verstanden, schon früh wurde sie auch anders, moderner gelesen. Der in Harvard lehrende Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker Stephen Greenblatt hat diesen »mächtigsten Mythos der Menschheit« in seiner fesselnd zu lesenden Geschichte von Adam und Eva untersucht, seine Entwicklung nacherzählt, seine Wirkungsgeschichte beschrieben.

Philosophie Er geht ganz persönlich von einem Schabbatgottesdienst aus, den er als Kind erlebte, und endet mit Beobachtungen des Sexualverhaltens von Menschenaffen in Uganda. Dazwischen schreibt er über Religionsgeschichte, über die Entwicklung der Philosophie, erzählt Wissenschaftsgeschichte. Sein Werk ist auch Anthropologie: An der Geschichte von Adam und Eva wird ein wenig klarer, wie wir Menschen sind.

Alles begann in der babylonischen Gefangenschaft. Dort waren die Hebräer mit der örtlichen Religion und mit der Erzählung des Gilgamesch-Epos konfrontiert. Auch die Menschen in Mesopotamien hatten sich Gedanken über den Ursprung der Welt und der Menschen gemacht. Nach ihrer Rückkehr war der hebräische »Erzähler darauf aus, tief verwurzelte mesopotamische Glaubensinhalte zu erschüttern, und war damit auf grandiose Weise erfolgreich. Er hat eine uralte Ursprungsgeschichte auf den Kopf gestellt.

Was im Gilgamesch-Epos ein Triumph war, wird in der Genesiserzählung zur Tragödie«. War es der Ungehorsam gegenüber Gottes Befehl, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte? Oder ist es der ewige Konflikt zwischen sexueller Vereinigung zum Zwecke der Fortpflanzung und der »wollüstigen« Befriedigung libidinöser Wünsche? Darum geht es seit Jahrhunderten, und darum geht es auch heute noch.

Das macht den Welterfolg des Mythos von Adam und Eva aus. Greenblatt verfolgt die Auslegungen der Schrift in den drei abrahamitischen Religionen über die Zeitalter hinweg. Lange Kapitel widmet er den Kirchenvätern Augustinus und Hieronymus. In der von Hesiod schon 1000 Jahre zuvor erzählten Geschichte von der Büchse der Pandora sieht er einen Ursprung der alleinigen Schuldzuweisung an Eva. Der sündhaften Eva wird später die jungfräuliche Maria gegenübergestellt. Bis zum »cherchez la femme« der Kriminalliteratur hat sich daran nicht viel geändert.

Adam und Eva Greenblatt geht weiter in der Geschichte zu den Hexenverfolgungen. Anhand eindrucksvoller Bildtafeln führt er den Begriff der Scham ein. Mit Feigenblättern wurde etwa eine ursprünglich nackte Darstellung von Adam und Eva des Renaissance-Malers Masaccio verfälscht.

Erst im Zuge von Restaurationsarbeiten vor 40 Jahren wurden sie wieder entfernt. Überhaupt stehen bildliche Darstellungen im Vordergrund: Albrecht Dürers »Sündenfall«, in dem der Künstler Adam als besonders schönen Menschen darstellen wollte – Greenblatt erwägt, dass Dürers anatomische Studien an Afrikanern dazu Vorbilder lieferten.

Auch Michelangelos »Erschaffung Adams« in der Sixtinischen Kapelle in Rom gehört in diese Reihe. Intensiv erörtert und zitiert der Autor John Miltons Paradise Lost, spricht von den Paradies-Sehnsüchten von Ralph Waldo Emerson oder Henry David Thoreau und den Leaves of Grass von Walt Whitman. Die Erschütterungen, die Darwin mit seiner Entstehung der Arten bei seinen Lesern auslöste, vollendete er mit seinem 1871 erschienenen Werk The Descent of Man.

Greenblatt erzählt die Geschichte von Adam und Eva mit einem Detailreichtum und voller Kenntnis, die sein Buch zu einer anthropologischen Kulturgeschichte machen. Es ist so glänzend geschrieben, dass der Leser hofft, das Buch gehe nicht zu Ende. Aber schließlich steht fest: Dieser »mächtigste Mythos der Menschheit« lebt weiter, weil das Grunddilemma zwischen Gehorsam und Übertretung, zwischen Lust und ihrer Beschränkung auf die Fortpflanzung nicht lösbar ist.

Stephen Greenblatt: »Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit«. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Siedler, München 2018, 448 S., 28 €

Schloßbergmuseum

Chemnitz zeigt Fotoausstellung über Mikwen

Ein Fotograf hat die Atmosphäre dieser meist unterirdisch gelegenen jüdischen Orte eingefangen

 26.03.2026

Charles Lewinsky

Melnitz, eine männliche Scheherazade

Der Schweizer Autor legt seinen Protagonisten auf die Couch und lässt ihn das 20. Jahrhundert erzählen

von Ellen Presser  26.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  26.03.2026

Shelly Kupferberg

Die Geschichte von Martha E. aus Schöneberg

In ihrem ersten Roman erzählt die Berliner Autorin von einer Nichtjüdin, die in der NS-Zeit zur stillen Heldin wurde

von Tobias Kühn  26.03.2026

Interview

»Man muss uns nicht gernhaben, aber man soll uns leben lassen«

Die Schoa-Überlebende Eva Erben und der TV-Moderator Günther Jauch sind seit Langem befreundet. Unser Reporter Michael Thaidigsmann hat Erben in Israel besucht und mit beiden gesprochen

von Michael Thaidigsmann  26.03.2026

Programm

Ferienprogramm, Retrospektive und ein Rache-Musical: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 26. März bis zum 2. April

 25.03.2026

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026