Pädagogik

Gegen-Schläge

Fit gemacht für gewaltfreie Konfliktlösung: israelische Schüler Foto: Flash 90

Pädagogik

Gegen-Schläge

Mobbing an israelischen Schulen: Das Zentrum für Gewaltstudien greift ein

von Ingo Way  30.11.2010 10:30 Uhr

Wie immer man auch zu den Thesen von Thilo Sarrazin zur Einwanderung und zur Unterschicht stehen mag, immerhin ist durch die Debatte das Thema Gewalt und Mobbing an Schulen in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Doch so lautstark Lehrer, Eltern und Politiker ihre Betroffenheit auch artikulieren mögen, so hilflos sind sie, wenn es um konkrete Maßnahmen geht, wie den erkannten Problemen zu begegnen sei. Möglicherweise hilft ein Blick nach Israel, um Konzepte zu entdecken, die sich auch an Neuköllner Schulen umsetzen ließen.

Dort, genauer gesagt in Jerusalem, hat Georg Rössler im Jahr 2004 »SOS Gewalt« gegründet. Das »SOS Zentrum für Gewaltstudien in Israel«, so der vollständige Name, hat Strategien zur Gewaltprävention entwickelt, die direkt an Schulen angewandt werden. Offenbar mit gutem Erfolg. Die NGO gilt mittlerweile als der größte Anbieter für schulische Gewaltprävention in Israel.

rollenspiel »Das Grundkonzept ist: Wir moralisieren nicht«, erklärt Rössler. »Wir sagen nicht, du bist böse, weil du andere schlägst. Gewalt muss als etwas begriffen werden, das so allgemein vorhanden ist, dass wir es nicht ausgrenzen können. Wir alle haben Anteil daran.« Rössler und seine Mitarbeiter setzen diesen Gedanken um, indem sie an Schulen dreitägige Workshops mit Schülern und Lehrern veranstalten, bei denen unter anderem Rollenspiele zum Einsatz kommen: Die »Täter«, also diejenigen, die schlagen, mobben, schikanieren, sollen in die Rolle des »Opfers« schlüpfen und erleben, wie sich das anfühlt – aber auch umgekehrt.

»Die meisten Interventionsstrategien versuchen, dem Täter klarzumachen, dass er Mist baut«, erklärt Rössler. »Für ihn selbst ist sein Verhalten aber erfolgreich. Warum sollte er damit aufhören?« Stattdessen wird in den Workshops auch den scheinbar unbeteiligten Schülern aufgezeigt, was sie selber zur Gewaltentwicklung beitragen – etwa, indem sie nicht eingreifen, wenn schwache Schüler schikaniert werden.

»Stärke ohne Gewalt« nennt sich der Ansatz, bei dem es darum geht, der Gruppe Möglichkeiten an die Hand zu geben, sich gegen Gewalt und Schikane zu wehren, ohne dass der »Täter« sein Gesicht verliert. Zu diesem Zweck werden etwa am Ende des Workshops Vertrauensschüler als Ansprechpartner von den Jugendlichen gewählt, die auch den Kontakt zu den Lehrern halten, ohne des »Petzens« bezichtigt zu werden. Darüber hinaus stellt »SOS Gewalt« Internet-Chaträume und ein Sorgentelefon für Schüler zur Verfügung.

import Mitgebracht hat Rössler das Konzept aus Deutschland. Der gebürtige Düsseldorfer, der in Heidelberg Jüdische Studien und Geschichte studiert hat und seit 1989 mit seiner israelischen Frau und seinen mittlerweile drei Kindern in Jerusalem lebt, hatte vor etlichen Jahren einen Kurs an der »Gewaltakademie Villigst« besucht. Dort hatte der Pädagoge und Rechtsextremismusexperte Ralf Erik Posselt ein Deeskalationstraining entwickelt, das auf seinen Erfahrungen als Streetworker basierte. So hatte Posselt sich etwa bei Straßengangs wie den »Ruhrkanakern« abgeschaut, wie sich gewaltsame Konflikte aufbauen und wie sie sich innerhalb der Gruppe auch wieder lösen lassen.

So etwas wollte Rössler nun auch in Israel machen. Wobei es an israelischen Schulen nicht mehr Gewalt gebe als in anderen westlichen Ländern, wie Rössler betont. Allerdings könne man im konfliktreichen Nahen Osten mit gutgemeinten Appellen zum Gewaltverzicht noch weniger ausrichten als in Europa. Das bestätigt auch Yony Choona, der Ko-Direktor von »SOS«. In der israelischen Gesellschaft habe Gewalt zur Selbstverteidigung eine gewisse Akzeptanz, so Choona. »Ich selber glaube nicht, dass ich mit dem einfachen Niederlegen der Waffe auf Frieden hoffen darf.« Also könne man ein pazifistisches Konzept auch nicht glaubhaft an Schulen verkaufen.

Zunehmend nachgefragt wird das Programm von »SOS Gewalt« mittlerweile auch an Schulen des arabischen Sektors. »Die arabische Gesellschaft ist noch sehr stark hierarchisch strukturiert, da wird noch richtig geprügelt, von Eltern und Lehrern«, weiß Rössler. »Das macht Gewaltprävention im schulischen Kontext extrem schwierig.« Doch sei das Interesse vonseiten arabischer Lehrerkollegien sehr groß.

Ehrenamt »SOS Gewalt« sei sein Hobby, sagt Rössler. Sein Geld verdient er als Mitinhaber eines Reisebüros in Jerusalems trendiger German Colony. Viel zu verdienen ist mit Gewaltprävention wohl nicht. Es gibt nur zwei bezahlte Angestellte, die Workshops werden von ehrenamtlichen Deeskalationstrainern durchgeführt, unterstützt werden sie dabei von zahlreichen Volontären aus Deutschland.

Doch fachlich ist »SOS Gewalt« gut vernetzt. Zum Beraterkreis zählt unter anderem der Psychologe Haim Omer von der Universität Tel Aviv. An der Hebräischen Universität und dem David-Yellin-Lehrerseminar in Jerusalem bietet das Zentrum Seminare zur Lehrerfortbildung an. Insgesamt, so Choona, habe das Zentrum in den vergangenen drei Jahren mit 100 Schulklassen zusammengearbeitet und somit etwa 3.500 Jugendliche erreicht.

Ab 2011 wird »SOS Gewalt« Deeskalationstrainings für die israelische Polizei durchführen. Dadurch hofft Rössler, ein wenig vom pädagogischen »Gutmenschenimage« loszukommen. Vermehrte Anfragen gibt es auch aus Deutschland, etwa von der bayerischen Polizeiakademie. Das Deeskalationsprogramm aus Villigst wurde gleichsam in Israel veredelt und wird nun nach Deutschland reimportiert. Darüber freut sich Rössler besonders: »Beide Länder bekommen etwas voneinander, das sie vielleicht am wenigsten vom anderen erwartet haben.«

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  03.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Kino und Literatur

»Holocaust im Film« - Eine Spurensuche von 1946 bis heute

Im November kommt der Essayfilm »Holofiction« ins Kino: Regisseur Michal Kosakowski untersucht die filmische Ikonografie des Holocaust. Zur Geschichte des Holocaust-Films gibt es auch schon das gleichnamige Sachbuch

von Marcus Stiglegger  03.11.2026

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026