TV-Tipp

Gefühl und Gleichgültigkeit

Lior Ashkenazi in »Foxtrot« Foto: dpa

Der israelische Regisseur Samuel Maoz macht es dem Zuschauer nie leicht. In »Foxtrot« setzt er den Schmerz als Thema gleich eingangs groß und unentrinnbar ins Bild. In den ersten beiden Minuten erfährt ein Ehepaar, dass ihr 18-jähriger Sohn Jonathan in der Nacht davor im Einsatz gestorben ist. Dann sieht man, wie schnell oder wie langsam dieser Verlust von den beiden Elternteilen Besitz ergreift.

Maoz hat schon 2009 in »Lebanon« bewiesen, wie sehr seine Bilder gleichzeitig Emotionen und einen pointierten Stilwillen transportieren können. Das wiederholte er 2017 in »Foxtrot«. Er zeigt, wie der Schmerz die Mutter physisch niederwirft, wie er sprachlos macht, aggressiv und hilflos gegenüber der Außenwelt mit ihrer übergriffigen Anteilnahme.

Hund Der Vater tritt den Hund, verbrüht sich vorsätzlich die Hand, will keine weinenden Verwandten um sich haben. Dazu stellt ihn der Film in Bilder von genau abgezirkelter Präzision, meist mittig zentriert; die Inszenierung will die Perspektive auf diesen Mann so weit verengen, bis man dessen Gefühlen keine Distanz mehr entgegensetzen kann.

Gleichzeitig beobachtet Maoz die Überbringer der Nachricht, also die Soldaten, die das Ehepaar zuhause aufgesucht haben, um es vom Tod seines Sohnes in Kenntnis zu setzen. In der Wohnung kümmern sich die jungen Männer sofort um alles, sie reichen Wasser und die Nummer der Telefonseelsorge.

Angesichts des Chaos und der Katastrophe, das ihre Todesbotschaft hervorruft, wirkt das trotzdem nicht wohltuend. Die Soldaten agieren in Wort und Tat so methodisch, bis die Situation ins Groteske kippt. Sie sind irritiert, dass der Vater trotz ihrer Mühe keine höfliche Unterhaltung führen will.

Realität Der »Offizier für Bestattungen« wirkt in seiner Sorge, das Reglement für die Beerdigung nachhaltig klarzustellen, geradezu beleidigend. Das Militär setzt auf präzise Abläufe, hinter deren Betriebsamkeit die Realität des Todes verschwindet.

Das gilt für den ersten Teil des streng strukturierten Films. »Foxtrot« besteht aus drei Teilen; jeder ist von der Länge her ähnlich, in der Bildästhetik aber radikal unterschiedlich. Teil zwei zeigt das Leben des Toten, den Militärdienst an einem Grenzposten irgendwo in der Wüste. Dort ist Jonathan zusammen mit einigen anderen stationiert; alle sind an eine stete Ereignislosigkeit ausgeliefert. Der Name ihrer Einheit lautet Foxtrot; Höhepunkte einer Nachtwache ist Jonathans Interpretation des Foxtrott-Tanzes. Das Licht in der Wüste ist hellblau und rosa, die jungen Soldaten schlagen die Zeit ohne viel Geschwätz tot, manchmal machen sie gute Witze.

Der Stillstand wird nur dann von einer Aktion abgelöst, wenn ein Auto die Grenze passiert. Auf beiden Seiten des Schlagbaums sieht es gleich unwirtlich aus. Wer hier durchkommt, hat wahrscheinlich einen zwingenden Grund: meistens handelt es sich um Palästinenser, die Familienangehörige im anderen Land besuchen möchten. In einem solchen Fall nehmen die Grenzer ihre Aufgabe ernst. Sie kontrollieren mit angelegten Schnellfeuerwaffen, obwohl die Passanten wenig gefährlich wirken. Die fürchten sich eher, und das durchaus zu Recht. Die Soldaten fürchten sich aber auch, und auch das allzu oft leider zu Recht.

Preise »Foxtrot« hat international eine Menge Preise gewonnen. In Israel aber kam der Film nicht überall gut an. Es gab harte Kritik von der damaligen Kultusministerin und Ärger beim Israelischen Filmfestival in Paris, so als würde plötzlich jetzt erst entdeckt, dass Samuel Maoz ein politischer Filmemacher ist.

Dabei führt der Regisseur in »Foxtrot« lediglich fort, was er mit »Lebanon« begonnen hat. Maoz war Soldat. Das arbeitet er in seinen Filmen auf; die kritische Distanz zum israelischen Militär resultiert daraus. In »Foxtrot« erzählt er erneut eine Geschichte mit einem militärischen Thema. Dabei geht es nicht nur um Leid, Gewalt oder Sinnlosigkeiten, sondern auch ums Soldat-Sein und darum, welche Wunden das den Menschen zufügt.

Es ist gerade diese politische Haltung, die aus »Foxtrot« einen brillanten Film macht und nicht nur eine Abfolge brillanter Bilder, wie es vielen Filmemachern sonst oft ausreichend erscheint. kna

»Foxtrot«, Mittwoch, 26. August, 20.15 Uhr, Arte

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Deutscher Buchpreis

Hermeskeil ist stolz auf Shida Bazyar

Die Auszeichnung würdigt den Roman einer Autorin aus dem Hunsrück. Das gibt der Stadt neuen Anlass, sich mit den verdrängten Kapiteln seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

von Ira Schaible, Sandra Trauner  07.10.2026

TV-Tipp

Zwischen Terror und Trauma

Eine Reportage von Jan Philipp Burgard auf WELT TV zeigt Israel und seine Menschen drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023

von Detlef David Kauschke  07.10.2026

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026

Literatur

Neues Jugendbuch von Holly-Jane Rahlens: Ein eher unbekanntes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte

Displaced Persons Camps der Nachkriegszeit: Sie stehen im Zentrum eines neuen Buches von Holly-Jane Rahlens. »Frostblüten« heißt und erzählt von der Freundschaft der jüdisch-polnischen Estera und der Berlinerin Lotte

von Nina Schmedding  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026

Literatur

Shida Bazyar für ihren Roman »Die Lücken« mit Deutschen Buchpreis ausgezeichnet

Der Preis wurde am Montagabend im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse vergeben

 05.10.2026 Aktualisiert