Jugendbuch

Gefahr im Ghetto

Foto: Ariella Verlag

Jugendbuch

Gefahr im Ghetto

Rosa Hipp entführt ins mittelalterliche Venedig

von Katrin Diehl  12.10.2015 18:20 Uhr

Erfolgsrezepte sind nicht ohne Risiko. Das gilt auch für die Buchbranche. Da gibt es Trends, auf die man setzt, und von heut’ auf morgen will der Leser nichts mehr davon wissen. Die Sache ist ausgelutscht. Im Kinder- und Jugendbuchbereich ist das ein bisschen anders. Es gibt Trends, die haben beinahe etwas Gesetzhaftes. Tierbücher gehen immer, auch Internatsgeschichten, Detektivromane ... und Fantasy sowieso. Man darf es den Verlagen daher kaum verdenken, wenn sie in diesen harten Zeiten auf ein paar sichere Pferde setzen.

Zurück zum Erfolgsrezept. Wir werfen in einen großen Topf: etwas Fantasie, ein bisschen Zeitreise, eine Prise Mittelalter, einen Hauch Liebesgeschichte, viel Spannung und schlaue Kinderhelden. Dann kräftig rühren. Fertig. Nicht ganz. Ein Cover muss noch auf den Titel (von Claudio Prati), geheimnisvoll, fantastisch, ein bisschen düster, hyperrealistisch. Dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

schräg Dass Myriam Halberstam, Leiterin des Ariella-Verlags, des bis dato einzigen jüdischen Kinder- und Jugendbuchverlags in Deutschland, Die Gondel mit dem magischen Schwert von Rosa Hipp in ihr Programm aufgenommen hat, hat sicher mehrere Gründe. Jedenfalls macht das Buch mit dem etwas schrägen Titel deutlich, wie breit das Spektrum ist, wenn man mit seinem Angebot ein junges jüdisches (und nichtjüdisches) Lesepublikum bedienen möchte. Ja, eigentlich lässt sich sagen, dass das Spektrum kein bisschen kleiner ist als bei den Riesenverlagen.

Venedig mit seinen Gässchen, in denen Geheimnisse lauern, ist schon seit geraumer Zeit von Autoren für Kinder und Jugendliche entdeckt worden (ganz prominent: Cornelia Funkes Herr der Diebe und Mirjam Presslers Shylocks Tochter). Kommt ein aktueller Anlass hinzu – das jüdische Ghetto von Venedig, das erste Ghetto überhaupt, wird im kommenden Jahr 500 Jahre alt –, müsste alles passen.

Das Buch ist mustergültig, fast schablonenhaft. Es beginnt mit einem Kurzurlaub in Venedig, der für die jugendliche Heldin Maja, etwa zwölf Jahre alt, nichts verspricht (viel lieber würde sie in der Küche bei ihrer norddeutschen Oma sitzen und Kartoffelpuffer essen), der aber dann so richtig Fahrt aufnimmt.

unaufgeregt Deutsche Familie besucht italienische Familie, die Canettis nämlich, eine jüdische Mischpoche. Die Bekanntschaft beruht auf einer Brieffreundschaft zwischen den beiden Müttern. Dass das Jüdische in diesem Buch eine sehr unaufgeregte bis zufällige Rolle spielt (bis auf die eine, ein wenig pflichtbewusste Stelle, in der Maja ihre Mutter und Oma belauscht, die vom letzten Krieg und den Juden flüstern), ist eher angenehm. Zur Brieffreundschaft zwischen Gerlinde und Sarah ist es vor Jahren durch einen roten Luftballon mit Zettelchen daran gekommen, der es über die Alpen geschafft hatte.

Wo Konstruktion nötig ist, muss man konstruieren. Jedenfalls geraten das Mädchen Maja und der etwa gleichaltrige Sohn der italienischen Familie, Rafael, in eine Zeitmaschine und damit ins Ghetto des 16. Jahrhunderts, wo sie Rahel
kennenlernen. Der Leser erfährt die Enge, Armut und Bedrücktheit des Ghettos.

dicht Überhaupt bemüht sich Rosa Hipp in ihrem ersten Buch um dichte Atmosphäre. Man kann die Sehnsucht von Rahel nachvollziehen, aus dem Ghetto auszubrechen und das Leben jenseits der Mauern zu genießen. Dort allerdings sind Juden nicht gern gesehen. Höchstens, wenn die Reichen und Schönen, aber auch die Schurken, einen Nutzen davon haben.

Rahels Vater, ein anerkannter Dottore, der auch außerhalb des Ghettos gefragt ist, wird denunziert, er wird für einen Giftanschlag auf die Wachen im Arsenale verantwortlich gemacht, um von den wirklich Schuldigen abzulenken. Die haben ein Feuer gelegt und wollen wichtige Unterlagen entwenden, die dem Feind zugespielt werden sollen. Dem Vater droht Folter oder Schlimmeres. Ganz Venedig ist in Gefahr. Die Rettungsaktion ist eine Jagd von Campo zu Campo.

Das alles ist Unterhaltung pur, liest sich runter wie nichts und macht Lust auf einen Tag Venedig, zu dem nicht nur die Gondeln gehören, sondern auch das Ghetto.

Rosa Hipp: »Die Gondel mit dem magischen Schwert«. Roman. Ariella, Berlin 2015, 228 S., 14,99 € (ab 10 Jahren)

Musikgeschichte

Die Rückkehr der vergessenen Namen: Verfolgte Musiker der NS-Zeit

Was die Nationalsozialisten aus dem Musikleben verbannten, ist bis heute oft vergessen. Ein Langzeitprojekt arbeitet daran, dass sich das ändert. Projektleiter Geiger sagt: Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts muss neu geschrieben werden

von Evelyn Sander  20.07.2026

Die DJ Sama’ Abdulhadi bei der Arbeit, 2025 in London

Hamburg

Techno-Festival lässt Hamas-Sympathisantin auflegen

Obwohl sie die Massaker vom 7. Oktober verteidigt hat, durfte DJ Sama’ Abdulhadi beim Habitat-Festival auflegen. Die Antisemitismusbeauftragte Anna von Villiez hatte zuvor ihre Ausladung gefordert

 20.07.2026

Debatte

Danger Dan und Igor Levit: So reagiert »Die Anstalt« in ihrer Sendung auf die Absage des ZDF

In seiner Jubiläumssendung geht das »DieAnstalt«-Team ausführlich auf den Streit ein

 19.07.2026

NRW

Minister sieht bei Danger Dan-Song Nähe zu Extremisten

Der Rapper Danger Dan darf einen neuen Song nicht in der Satiresendung »Die Anstalt« präsentieren. Nun meldet sich der NRW-Medienminister zu Wort, der auch im ZDF-Fernsehrat sitzt

 18.07.2026

Zahl der Woche

70 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 18.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

WM-Nachlese mit Marcel Reif

»Man muss Infantino zum Teufel jagen und die FIFA auflösen«

Der Moderator und Fußballexperte spricht im Interview über seine persönlichen Highlights und Enttäuschungen der WM, über surreale Argentinier und die Sinnhaftigkeit der Trinkpausen

von Michael Thaidigsmann  17.07.2026

Aufgegabelt

Zum Dippen: Tarator

Rezepte und Leckeres

 17.07.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 17.07.2026