Roman

Geborgen im Wort

Aharon Appelfeld wäre am 16. Februar 90 geworden. Sein Buch »Sommernächte« zeigt noch einmal die Kraft des israelischen Autors

von Marko Martin  15.02.2022 11:58 Uhr

Aharon Appelfeld (1932–2018) Foto: imago/Leemage

Aharon Appelfeld wäre am 16. Februar 90 geworden. Sein Buch »Sommernächte« zeigt noch einmal die Kraft des israelischen Autors

von Marko Martin  15.02.2022 11:58 Uhr

Eine Straße, ein Feld, ein Waldstück. Bauernkaten, Wirtshäuser, kleine Läden – und darin Menschen, von denen nicht sicher ist, ob sie einem nach dem Leben trachten oder sich als Retter erweisen. »Ja­nek wusste schon damals, diese Diagnose war die Essenz seiner grundsätzlichen Auffassung: Drück dich einfach klar und verständlich aus; jeder, der in einen Redeschwall ausufert, macht sich verdächtig, etwas vorzugaukeln.«

Doch heißt Janek in Wirklichkeit Michael, und auch das mit der Einfachheit ist so eine Sache. Denn wie erzählen von der entsetzlichen Angst eines elfjährigen Jungen, den seine Eltern, um zumindest ihn zu retten, an der Seite eines integren ehemaligen Soldaten wegschicken, mitten hinein in eine ukrainische Landschaft, die ihm als kultiviertem Kleinstadtkind doch erst einmal furchtbar fremd sein muss?

MIMIKRY In Sommernächte, einem soeben in konziser deutscher Übersetzung erschienenen späten Roman von Aharon Appelfeld, gibt es noch einmal jene Grundkonstellation, die beinahe alle seine Bücher geprägt hat. Freilich wird diese nicht etwa »durchgespielt« oder gar routiniert abgehandelt, da sie doch den existenziellen Kern berührt.

1940, der damals achtjährige Aharon Appelfeld trug zu dieser Zeit noch den Namen Erwin, wurde in Czernowitz seine Mutter von rumänischen Faschisten erschossen und er zusammen mit seinem Vater in ein transnistrisches Arbeitslager verschleppt. Das Kind aus bis dahin gut behüteter säkularer Familie konnte fliehen, übte sich in Mimikry und überlebte in gefährlichsten Momenten und prekären Situationen.

Appelfeld, der dann 1946 als völlig mittelloser Flüchtling im damaligen Palästina ankam, hatte zu der Zeit aber noch längst keine Sprache für all das so peinigend Erfahrene. Das Deutsch seiner Kindheit und all das in der Schule Erlernte hatte er zum Selbstschutz vergessen müssen, stattdessen waren ein paar rumänische, ukrainische, russische und jiddische Brocken hinzugekommen. Er brachte sich Hebräisch bei, aber auch das war noch nicht die Rettung: Im Israel der 50er- und 60er-Jahre wollte man, wie er sich später in seiner Autobiografie erinnert, eher motivierende (Staats-)Aufbaugeschichten lesen als melancholisch Verschattetes aus dem fernen Osteuropa.

denkmal Dennoch hat sich Aharon Appelfeld nicht entmutigen lassen und bis zu seinem Tod 2018 Buch um Buch veröffentlicht, das den verfolgten, ermordeten oder überlebenden Juden jenes Weltteils weit mehr setzt als lediglich ein Denkmal. Da sie, besonders die Kinder, doch stets schon in den ersten Zeilen lebendig werden in ihrem Ausgesetztsein, ihrer Furcht und Hoffnung.

Appelfeld, der 1946 als völlig mittelloser Flüchtling im damaligen Palästina ankam, hatte damals aber noch längst keine Sprache für all das so peinigend Erfahrene.

Da ist etwa der elfjährige Hugo, der in einem Versteck bei der Jugendfreundin seiner Mutter überlebte, einer Prostituierten. Oder der neunjährige Paul, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs die kunstsinnige Welt seiner Eltern zerbrechen sieht. Da sind Adam und Thomas, die einander im Wald begegnen, oder das Mädchen Tzili, die im gleichnamigen Roman als verwaistes Kind durch jene Wälder streift.

Und nun, im Roman Sommernächte: dieser zu Janek gewordene Daniel, der an der Seite des alten und wortkargen, aber ungemein lebensklugen Sergei zum Landstreicher wird und zur Sicherheit eine Kette mit Holzkreuz um den Hals trägt. Feindliche Bauern tauchen auf und ab, die nächtliche Rast unter freiem Himmel ist alles andere als eine Idylle, doch der alltagserfahrene Sergei stärkt das Herz des Jungen mit solchen Sätzen: »Angst ist verboten, mein Lieber, Angst macht uns klein.«

Als der alte Mann kurz vor Kriegsende von einem Schuss tödlich getroffen wird und das Kind nun ganz auf sich gestellt ist, hört es Stimmen, die ebenfalls ermutigen: »Nicht die vielen werden den Sieg entscheiden. Die Kraft von wenigen treuen, ergebenen Kämpfern darf man nicht herabwürdigen.«

HUMANISMUS Ein Humanismus ist das, der um das Schlechteste im Menschen weiß und deshalb wehrbereit ist – und gleichzeitig im Wissen um das ebenso existente Gute nie in die Falle des Zynismus geht. Am Ende des Romans hört der zum Vollwaisen gewordene Janek die Worte einer Überlebenden: »Gebt auf diesen Jungen acht. Das ist ein lieber Junge. Er hat niemanden auf der Welt.«

Aharon Appelfeld, dem man derart gewalttätig die Kindheit und die Mutter genommen hatte (seinen Vater wird er später in Israel wiedertreffen), hat achtgegeben. Hat keinen seiner Roman-Protagonisten alleingelassen und sie stattdessen in einer Sprache geborgen, deren poetische Transparenz hart erarbeitet ist und keinen Platz lässt für auch nur ein unnötiges Wort.

In der Tat: Der illusionslose und doch grundgütige Aharon Appelfeld, der am 16. Februar 90 Jahre alt geworden wäre, hat diese Welt weit mehr als nur ein klein wenig besser gemacht.

Aharon Appelfeld: »Sommernächte«. Roman. Aus dem Hebräischen von
Gundula Schiffer. Rowohlt Berlin, Berlin 2022, 222 S., 22 €

»I Dance, But My Heart is Crying«

Der Sound des Scheunenviertels

Der Film des Regisseurs Christoph Weinert feierte in Berlin seine Premiere

von Florentine Lippmann  12.04.2024

Fernsehen

»Die Zweiflers« räumen in Cannes ab

Die Serie erzählt die Geschichte einer jüdische Familie und von deren Delikatessengeschäft in Frankfurt

 12.04.2024

Musikalischer Botschafter

Yuval begeistert Jury und Publikum in »The Voice Kids«

In der SAT1-Musikshow sang er den Song »Yasmin« der israelischen Band »Hapil Hakachol«

 11.04.2024

Kino

Amy Winehouse und der Davidstern

»Back to Black« geht auch den jüdischen Wurzeln der Sängerin nach

von Jens Balkenborg  11.04.2024

Sehen!

»Ein Glücksfall«

Der neue Film von Woody Allen ist nett anzusehen, doch einen wirklichen Drive entwickelt er nicht

von Jens Balkenborg  11.04.2024

Kino

»Helen Mirren ist ein fantastischer Anker«

Der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster über seinen Film »White Bird« mit der britischen Oscar-Preisträgerin

von Patrick Heidmann  11.04.2024

Antilopen Gang

Oktober in Europa

Ein Raptrack gegen Antisemitismus mischt die linke Szene auf – und erntet Lob aus ungewöhnlicher Richtung

von Mascha Malburg  11.04.2024

Berlinale-Skandal

Ist etwa das ZDF an allem schuld?

Der Ausschuss für Kultur und Medien arbeitete den Antisemitismus-Eklat beim Filmfestival auf – oder auch nicht

von Michael Thaidigsmann  11.04.2024

Nachruf

Richard Serra, ein Poet des Stahls

Zum Tod des Bildhauers Richard Serra

von Katharina Cichosch  10.04.2024