»Dinge, die man von dort aus sieht, sieht man nicht von hier«, heißt es in einem hebräischen Song. Der fiel mir ein, während ich Coexistance, my Ass! sah, die Dokumentation über die Israelin Noam Shuster Eliassi und ihre Comedy-Show. Der Film, der auf der Oscar-Shortlist für die beste Doku stand, verfolgt den beruflichen und politischen Werdegang der jungen Frau, die in Neve Shalom aufgewachsen ist – einem jüdisch-arabischen Dorf in Israel.
Regisseurin Amber Farres vollzieht nach, wie eine hochtalentierte Idealistin mit abgründigem Humor in einem Land, das immer weiter nach rechts rückt, in die entgegengesetzte Richtung abdriftet – bis hin zu Shuster Eliassis Behauptung, der »Elefant im Raum« sei heute nicht mehr die Besatzung, sondern ein »Genozid« an den Palästinensern.
Der »Genozid« als Elefant im Raum?
Wie ist es so weit gekommen? Shuster Elisassi, Enkelin einer iranischen Jüdin und einer Schoa-Überlebenden, ist eine »Musterschülerin« der Koedukation. Sie lernte, wie alle Kinder in Neve Shalom, Hebräisch und Arabisch, spricht die arabische Sprache auch auf der Bühne bis heute fast fließend. Ihre beste Freundin ist die Palästinenserin Ranin, als Kinder überreichten die Mädchen Blumen an Hillary Clinton, Jane Fonda und andere Promis, die zu Besuch nach Neve Shalom kamen und ihre Hoffnungen auf Frieden und Völkerverständigung auf das kleine Dorf in der Nähe von Latrun projizierten.
Kein Wunder, dass Shuster Eliassi ein Stipendium für die Brandeis-Universität in den USA erhielt und später von Harvard beauftragt wurde, eine Comedy-Show zu entwickeln. Da hatte sie schon mehrere Jahre Arbeit für politische Organisationen, auch für die UN, hinter sich. »20 Jahre Friedensaktivismus brachten mir 20 Zuhörer, ein Witz über einen Diktator 20 Millionen«, sagt sie, nachdem ihr angeblicher Heiratsantrag an den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman viral ging.
»20 Jahre Friedensaktivismus brachten mir 20 Zuhörer, ein Witz über einen Diktator 20 Millionen«, befindet die Comedian.
Beim ersten Auftritt einer jüdischen Komödiantin vor einem palästinensischen Publikum in Ost-Jerusalem brach sie mit einem politischen Witz das Eis: »Keine Angst, ich bleibe nur sieben Minuten, nicht 70 Jahre.« Unvergessen ist ihr Lied »Dubai«, das sie auch in der arabischen Welt berühmt gemacht hat. Darin mokiert sie sich darüber, wie leicht es sei, Frieden mit Arabern zu schließen, solange sie 4000 Kilometer weit entfernt von Israel leben.
Shooting Star in israelischen Talkshows und TV-Sendern arabischer Länder
Noam Shuster Eliassi wird zum Shooting Star, tritt in israelischen Talkshows und auch in TV-Sendern arabischer Länder auf. Im Film spricht sie grundsätzlich von Palästinensern, auch wenn sie Araber mit israelischem Pass meint. Das ist nicht falsch. Viele von ihnen verstehen sich als Palästinenser, doch wird dem Zuschauer nicht klar, dass Araber im israelischen Kernland – anders als im besetzten Westjordanland – volle Bürgerrechte besitzen. In Neve Shalom leben jüdische und arabische Staatsbürger Israels, was leider auch die Regisseurin nicht erwähnt.
Im Mai 2021, nach Angriffen der Hamas und Israels Gegenschlägen auf Gaza kommt es zu massiver Gewalt auch im israelischen Kernland. Shuster Eliassi ist entsetzt über einen Lynchversuch von Juden an Arabern, fühlt sich schuldig, weil sie ihre Freunde nicht beschützen kann. Von Israel spricht sie als »faschistischem Staat«. Auf den Demos gegen die »Justizreform« will sie über die Besatzung reden und stößt auf Desinteresse. Oder wird beschimpft.
Dann die Hamas-Massaker des 7. Oktober 2023, der Krieg, noch mehr Radikalisierung in Israel, aber auch bei Shuster Eliassi. Eine Kollegin rät ihr, nicht überall »Genozid« zu rufen. Sie wolle die »Stimme des Widerstands« hörbar machen, beharrt die Israelin. »Dann wirst du am Rand bleiben«, lautet die Antwort.
Schade. Denn Coexistance, my Ass! zeigt eine begnadete Comedian. Es ist trotz allem ein sehenswerter Film auch über das Drama der israelischen Linken und Araber zwischen allen Stühlen. Und Dinge, die man von Israel aus sieht, sieht man nicht immer auch von hier.
Ab 5. Februar im Kino