»Friendship«

Für Respekt und Geduld

In Buenos Aires geboren: Giora Feidman (86) Foto: Lis Kortmann

»Friendship«

Für Respekt und Geduld

Das neue Album des legendären Klarinettisten Giora Feidman bietet Musik, die etwas zu sagen hat

von Claudia Irle-Utsch  06.04.2022 11:43 Uhr

Am Anfang ist da diese kleine Melodie. Schon bei der ersten Wiederholung lässt sie sich mitsummen. Nach und nach mischen sich ins Solo der Klarinette weitere Stimmen: Streicherklänge, pianistische Verzierungen. Was zunächst so federleicht schien, bekommt nun Tiefe, eine heitere Ernsthaftigkeit, die aus dem Miteinander entsteht.

Und so gibt das erste, das titelgebende Stück den Ton eines ganzen Albums vor: Friendship schlägt eine Brücke von denen, die zusammen musizieren, zu denen, die dabei zuhören – und idealerweise dann mittun und einstimmen in diese facettenreiche Beschwörung des Freund- und Freundinnen-Seins.

MOMENT »Lasst uns viel mehr miteinander musizieren! Und singen!«, ruft uns der Klarinettist Giora Feidman zu. Immer glaubend, immer hoffend, »dass die Liebe am Ende siegt«, wie er im Interview sagt. Vielleicht ist seine neue CD genau im richtigen Moment erschienen, vielleicht ist dieser Moment in einer Welt der Kriege, der Angst und Ohnmacht auch immer genau der richtige. In jedem Fall ist es gut, dass einer wie Feidman von sich hören lässt.

Das Album Friendship – von Grammy-Preisträger Stephan Flock aufgenommen und produziert – hat er sehr bewusst mit guten Freunden eingespielt: mit dem Pianisten Sergej Tcherepanov, dem Geiger Piotr Niewiadomski, dem Cellisten Germán Prentki, der Kontrabassistin Nina Hacker und der Posaunistin Johanna J. Matthiesen.

Wie in einem Kaleidoskop fächern Feidman und Montazer das große Thema Freundschaft auf.

Als Komponist und Arrangeur für dieses Projekt zu seinem 75-jährigen Bühnenjubiläum fragte Giora Feidman seinen Manager an, den Hamburger Musiker Majid Montazer. Er habe einen »besonderen Komponisten« gesucht, erzählt der Maestro. »Und wer hätte diese Rolle besser ausfüllen können als ein Komponist, der wirklich ein guter Freund von mir ist?!«

LIEBE Wie in einem Kaleidoskop fächern Feidman und Montazer das große Thema Freundschaft auf. Ihre Musik beschwört die Kraft der Liebe, den Wert des Erinnerns, sie erzählt von Vertrauen und vom Glück und von einem Respekt, der dem anderen mit Geduld und Toleranz und auch mit Zärtlichkeit begegnet.

So ist das Stück »Respect« gewidmet all den Lebensrettern im Schatten des berühmt gewordenen Oskar Schindler (Feidman war bei Schindlers Liste musikalisch mit von der Partie), ein Werk, das unter die Haut geht.

Wie auch das Wiegenlied »Sleep my Child« (»the world is peaceful …«, dieses Ideal jedenfalls soll für das Kindchen gelten) und wie das wunderbar warme »Nostalgia« oder »Power of Love«, bei dem Tasten und Saiten einander umgarnen wie Frau und Mann beim Tanz.

Anfang Februar ist Giora Feidmans Frau Ora Bat Chaim verstorben.

»Easy Listening« ist die Friendship-Musik nicht. Sie taugt nicht für den Hintergrund, denn sie hat etwas zu sagen. Sie ist ein Statement – wie die dazugehörige Tour, die im Herbst auch an Stätten führen soll, die im Besonderen dafür stehen, dass ein versöhnliches Miteinander nötig, aber auch möglich ist.

HOFFNUNG »Wir haben einfach keine andere Wahl, als einander zu tolerieren und miteinander zu leben«, sagt Giora Feidman. Er lasse die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht fahren, schreibt der Musiker und Weltenbürger im Booklet zur CD. Dabei setze er seine Hoffnung auf Gott. »Denn anders als der Mensch kennt Gott keine Grenzen.«

Eine treue Weggefährtin hat Giora Feidman jüngst gehen lassen müssen: Anfang Februar ist seine Frau Ora Bat Chaim verstorben. Jahrelang war sie die Managerin des Künstlers, unzählige Stücke hat sie für ihn komponiert. Ora Bat Chaim wurde 86 Jahre alt.

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 19 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026

Presse

Stimme des Neubeginns

Anfang 1946 kehrten Karl und Lilli Marx aus dem britischen Exil nach Deutschland zurück und übernahmen in Düsseldorf die Herausgeberschaft eines jüdischen Gemeindeblattes. Im Laufe der Jahre ging daraus die Jüdische Allgemeine hervor. Porträt eines Vermittlerpaares

von Ralf Balke  07.05.2026

Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

von Heide Sobotka  07.05.2026

Essay

Herzenstexte auf gedrucktem Papier

Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung

von Maria Ossowski  07.05.2026