Literatur

Friede den Laubhütten!

Literatur

Friede den Laubhütten!

In ihrem neuen Kinderbuch erzählt Eva Lezzi von Fremdsein und Ankommen in Deutschland

von Alicia Rust  03.10.2025 08:56 Uhr

Nikita ist mit seiner Tante Dina aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Seine Eltern sind in der alten Heimat zurückgeblieben. Während die Mutter des Elfjährigen ein Krankenhaus leitet, ist der Vater an der Front. So oft wie möglich telefonieren die Mitglieder der kleinen Familie miteinander. Unterdessen findet sich Nikita in seiner neuen Umgebung ein. In die Gastfamilie, welche die beiden in ihrem Haus aufgenommen hat, in die Schule, in die deutsche Gesellschaft, die ihm anfangs fremd vorkommt.

Schon der Einstieg in Eva Lezzis neues Buch Die geheime Hütte im Wald ist anders als erwartet. Lezzi, die auch Autorin dieser Zeitung ist, wurde in New York geboren und wuchs in der Schweiz auf. Sie verknüpft komplexe Themen wie Flucht, Migration und Judentum mit Leichtigkeit. »Ich hatte die Geschichte grob im Kopf mit dieser Hütte im Wald, aus der später eine Laubhütte wird. Trotzdem muss es beim Schreiben für mich spannend bleiben, die Figuren bekommen eine Art Eigenleben und zogen mich dann in die Geschichte hinein«, sagt die Autorin.

Erzählen ohne Moralisieren

Freundschaft fungiert dabei als roter Faden. Nikita, der zunächst von einigen Mitschülern gehänselt wird, weil sein Name wie der eines Mädchens klinge, findet in seiner Mitschülerin Amelia bald eine echte Freundin. Durch die Schilderung der Entstehung einer Hütte, die seine »viel cooleren« Mitschüler heimlich im Wald bauen und an die sich ein kleines Drama mit einem Überfall anknüpft, freunden sich die Kinder irgendwann doch noch untereinander an. Hier wird benannt, was Menschen zusammenbringen kann: die Fähigkeit, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen und trotz Vorurteilen aufeinander zuzugehen. Was folgt, ist mehr Verständnis für eine andere Kultur: Akzeptanz anstelle von Ausgrenzung und Isolation. Das gelingt in diesem Kinderbuch fast nebenbei, ohne Moralisieren.

Lezzi wählte die erzählerische Ich-Perspektive: »Dadurch konnte ich in die Gefühlswelt des Jungen schlüpfen, das macht die Identifikation leichter«, sagt sie. Denn Nikita schämt sich, wenn er rot wird, wenn ihm ein Wort wieder nicht über die Lippen kommt oder auch, weil sich seine Tante nicht so verhält wie andere. Manchmal hat er auch einfach Angst.

Sind in die Zweifel, Unsicherheiten und Gefühle von Nikita eigene Erfahrungen mit eingeflossen? »Nikita kommt aus einer Kriegssituation in der Ukraine, ich bin das Kind einer Holocaust-Überlebenden, die in Berlin geboren wurde«, antwortet Lezzi. Das könne man nicht wirklich vergleichen. Doch offenbar hat die Familiengeschichte der Autorin ihr die Fähigkeit verliehen, sich in die Probleme anderer hineinzuversetzen.

Tante Dina versteckt jüdische Traditionen nicht: Sie lädt alle zum Sukkotfest ein.

Die geheime Hütte im Wald spielt an einem fiktiven Ort, der sich fast überall in Deutschland befinden könnte. Zumindest am Stadtrand oder im ländlichen Raum. Die Handlung wirkt allerdings so, als ob sie sich (überwiegend) im bundesdeutschen Bildungsbürgertum ohne großen Migrationsanteil (wie etwa in Berlin-Neukölln) zutragen dürfte. Doch anders als zahlreiche Kinderbücher mit jüdischer Thematik erzählt Lezzi eine Migrationsgeschichte, die viele der heute in Deutschland lebenden Juden aus eigener Erfahrung kennen. Und: Die Handlung findet im Hier und Jetzt statt. Das ist erfrischend! Nur das Cover wirkt etwas brav, die Illustrationen sind schlicht.

Nicht alle »Kontingentflüchtlinge« waren mit jüdischen Traditionen vertraut

Für ihre Geschichte hat die Wahlberlinerin viel mit Jüdinnen und Juden gesprochen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zugewandert sind. Seit den 90er-Jahren kamen rund 221.000 Menschen mit dem Status als »Kontingentflüchtlinge«. Nicht alle waren mit jüdischen Traditionen vertraut.

Nikita in Lezzis Buch hingegen stammt aus einer Familie, die das Judentum in der Ukraine aktiv gelebt hat. In Deutschland kommt er in eine Umgebung, in der er sich mit diesen Wurzeln erst einmal verloren fühlt. Doch seine Tante denkt gar nicht daran, ihre jüdischen Traditionen zu verstecken, im Gegenteil: Alle werden kurzerhand zum Sukkotfest eingeladen.

Eva Lezzi: »Die geheime Hütte im Wald«. Mit Illustrationen von Stéffie Becker. Ab 9 Jahren. Gulliver/Beltz, Weinheim 2025, 121 S., 12

Zahl der Woche

4 Etagen

Fun Facts und Wissenswertes

 05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Potsdam

Forschung zu NS-Geschichte von Naturwissenschaften

International bekannte Forschungsinstitute haben ihren Sitz auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Ihre Vorgeschichte insbesondere in der NS-Zeit wird nun Thema eines Wissenschaftsprojekts

 04.08.2026

Film-Klassiker

So wurde »Stand by Me« der beste Jugendfilm der Geschichte

Vier Jungs suchen Ende der 50er in der US-Provinz eine im Wald liegende Leiche. Der Kult-Film ist zum 40. Jubiläum nun etwa auch beim ZDF im Stream. Mit welchen Tricks Regisseur Rob Reiner arbeitete

von Gregor Tholl  04.08.2026

London

Bandcamp wirft Pro-Israel-Song von Boy George von der Plattform

Der Sänger bleibt standhaft und überwindet erneut eine Hürde. »We Will Dance Again« kann wieder heruntergeladen werden

von Imanuel Marcus  04.08.2026

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  03.08.2026

Singapur

»Massive Attack« bekommt wegen Palästina-Flagge ein Einreiseverbot

Die Frontmänner der britischen Band hatten die Fahne bei einem Konzert hochgehalten

 03.08.2026

Social Media

Wegen eines hebräischen Wortes: Ronaldo-Partnerin bekommt unzählige Hass-Kommentare

Georgina Rodríguez postete ein Bild von ihr und Ronaldo auf Mallorca und benutzte dabei ein einziges Wort Hebräisch. Die hämischen Kommentare ließen nicht lange auf sich warten

 03.08.2026