Familie

Fischels Flüge

Jedes Jahr reiste mein Großvater zu Rosch Haschana nach Israel. Eine Erzählung

von Roger Reiss  11.09.2012 17:03 Uhr

Auf dem Flughafen Zürich: Fischel Reiss 1957 kurz vor der Abreise Foto: privat

Jedes Jahr reiste mein Großvater zu Rosch Haschana nach Israel. Eine Erzählung

von Roger Reiss  11.09.2012 17:03 Uhr

Seit der Unabhängigkeitserklärung Israels im Jahr 1948 ist unser Großvater Fischel bis zu seinem Tod 1962 regelmäßig von Zürich nach Israel geflogen. Damals setzte die El Al noch Propellermaschinen nach Europa ein. Aus Zürich kommend musste die Maschine noch zu dieser Zeit einen Zwischenhalt in Rom einlegen, bevor sie schließlich mit aller Mühe Israel erreichte. Die gesamte Reisezeit betrug – je nach Wetterverhältnissen über den Alpen und dem Mittelmeer – zwölf Stunden oder mehr!

projekte Trotzdem liebte es Fischel, um die Zeit der Hohen Feiertage dorthin zu fliegen, um sich, wie er gerne sagte, »spirituell aufzutanken«. Nach mehreren Wochen Abwesenheit, in denen er allerlei Projekte in die Wege leitete, kam er mit frischer Kraft zurück, wo man ihn in der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich mit Ehren zur Toralesung aufrief und er, wie es damals üblich war, im Anschluss an die Nach-Bracha die Benediktion »Gelobt sei der Ewige … der mir alles Gute erwiesen hat« rezitierte.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass in diesem Moment alle Anwesenden zum Almemor hinaufschauten, um mit einem Blick herauszufinden, wer und vor allem für wen der Betroffene den Segensspruch für die gemeinte Errettung aus einer Lebensgefahr aussprach. Die Kuriosität steigerte sich, als aus dem Munde der anwesenden Kehille das Echo der automatischen Antwort im Raum widerhallte: »Der dir alles Gute erwiesen hat, Er wird dir (in Zukunft) alles Gute erweisen, Selah.«

drama Solange unser Großvater wie ein Heiliger mit seinem über den Kopf gestülpten Tallit noch oben stand und schwieg, wurde unser Vater Léon, Fischel und Chayes einziger Sohn, das Zentrum des unmittelbaren Geschehens. Erschrockene Augen schauten zu unseren angestammten Sitzplätzen und versuchten herauszufinden, welches Drama der Mischpoche Reiss zugestoßen ist.

Im ersten Augenblick konnten sie nichts ausmachen, denn wir waren alle da, dann schauten sie zu den stehenden Frauen, die auf der Empore mit großer Genugtuung Fischel die Ehre erwiesen. Es vergingen keine Sekunden, bis sich einiges bei den Männern bewegte, und das Rätsel löste sich von alleine: Der treue Freund Kräusel, ein Sitznachbar, drehte sich zu Léon, um sich über Fischels Auftritt zu erkundigen, ein anderer hörte von Weitem zu und wiederholte erleichtert den aufgeschnappten Satz: »Fischel ist zurück von Erez Isroel«, der sich wie ein Lauffeuer bis in die hinterste Reihe verbreitete. Erst dann beruhigte sich die eng zusammenhaltende Schicksalsgemeinschaft, die auf Schritt und Tritt fürchtete, von der unsichtbaren Gotteshand eingeholt zu werden.

vertrauen Je mehr man von den Anfangsschwierigkeiten, von Havarien, Annullierungen und Verspätungen der damaligen nationalen israelischen Fluggesellschaft hörte, desto mehr Menschen verzichteten auf die relativ teure Reise. Fischel hingegen schwor auf die El Al, seine Toleranzschwelle war hoch, und er förderte den jungen Staat mit allen Mitteln. Niemand konnte ihn zurückhalten, blindlings vertraute er der El Al, der weltweit einzigen Airline mit biblischem Namen: »nach oben, zu Gott hin«. Wie kann man da anders, war seine Devise.

Mit den Jahren wusste jeder, dass Fischel nach Israel reiste. Um sein Leben bangte nicht nur die enge Familie, sondern viele Bekannte, die auf ihn zählen konnten. Jedes Mal, wenn Fischel von seinen Abenteuern den Weg »heil und gesund« ins Zürcher Schtetl zurückfand, entspannte sich die Atmosphäre.

Bitten Nicht nur ging er seinen ausgefallenen Projekten nach – die in dem Buch Fischel und Chaye (Philo, Berlin 2003) nachzulesen sind –, sondern bei jeder Israel-Reise wurde er von unzähligen Tojwes, Bitten aller Art, regelrecht überschüttet. Für seinen eigenen Bedarf nahm Fischel einen Sack voller saftiger Schweizer Äpfel mit, von denen man auf dem israelischen Markt nichts Äquivalentes fand. Auch bei der Rückkehr blieb seine Aktentasche nie leer. So brachte er zu meiner Barmizwa die Gebetsriemen, die von einem Sofer aus einer bekannten Talmudschule stammten.

Einige Jahre später, 1962, wurde Fischel völlig unerwartet zu Rosch Haschana bettlägerig, und seine Pläne, sich in Israel zu den Feiertagen »auszulüften«, verflüchteten sich allmählich. Am frühen Nachmittag organisierten wir in seiner bescheidenen Wohnung das Schofarblasen. Fischels Gesundheitszustand verschlechterte sich rasch, sodass jegliches Gomel-Benschen, eine Bittstellung für seine Genesung, zu spät kam.

Gemäß seinem letzten Wunsch wurde der Verstorbene in einem Sarg in einem Direktflug der El Al überführt. Am 5. Tischri wird es genau 50 Jahre her sein, dass Fischel Reiss in Jerusalem auf dem Har Hamenuchot neben bekannten rabbinischen Größen begraben wurde.

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