Dokumentation

Filme für die Zukunft

Zeitzeugengespräch mit dem 97-jährigen Filmproduzenten und Schoa-Überlebenden Artur Brauner Foto: Ralf Balke

Dokumentation

Filme für die Zukunft

Artur Brauner übergab seine Sammlung dem Jüdischen Museum Berlin

von Ralf Balke  07.03.2016 20:13 Uhr

Jede Frage wird beantwortet», erklärte Artur Brauner mit einem verschmitzten Lächeln, als er auf dem Podium der vis-à-vis zum Jüdischen Museum in Berlin gelegenen Michael-Blumenthal-Akademie Platz nahm. Offensichtlich genoss der mittlerweile 97-jährige Filmproduzent und Schoa-Überlebende das Blitzlichtgewitter der Fotografen und die Aufmerksamkeit des Publikums. Wie aus dem Ei gepellt sah er aus, sein Markenzeichen, der dünne Oberlippenbart, akkurat geschnitten. Ehefrau Maria sowie Tochter Alice, ebenfalls Filmproduzentin an der Seite ihres Vaters, saßen in der ersten Reihe.

Der Anlass war ein feierlicher: 21 Filme, die Artur Brauner im Laufe seiner langen und schöpferischen Karriere produziert hatte und die thematisch die Nazi-Verbrechen aufgreifen, überließ er in einer Schenkung dem Hause. Sie sollen jederzeit allen Interessierten zugänglich sein und in der Bildungsarbeit des Jüdischen Museums zum Einsatz kommen.

«Diese Filme sind zugleich auch ein Geschenk an mich selbst. Denn wenn so viele Menschen wie nur möglich sie sehen, dann habe ich wirklich etwas für die Zukunft bewirkt.» Und es werden nicht die letzten sein. «Vier weitere kommen in Kürze noch hinzu. So etwa die Serie 183 Tage – Der Auschwitz-Prozess, die den gesamten Ablauf des Verfahrens vom ersten bis zum letzten Tag darstellt.» Bis dato hatte eine solche Filmsammlung nur das Visual Center in Yad Vashem in Jerusalem erhalten.

Werke «Es ist schon ein besonderes Glück, 21 so wertvolle Filme geschenkt zu bekommen», freute sich eine sichtlich bewegte Ulrike Sonnemann, Leiterin der Mediathek des Jüdischen Museums. Schließlich sind manche davon nicht mehr im freien Handel erhältlich und schwer zu bekommen. «Unser Ziel ist es, diese bedeutenden Werke vor allem Schulklassen präsentieren zu können.»

Genau das war nur wenige Stunden zuvor passiert. Schüler des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums hatten Hitlerjunge Salomon gesehen, die Geschichte des jungen Juden Sally Perel, der sich als «Volksdeutscher» ausgibt und auf einer sogenannten Adolf-Hitler-Schule den Krieg auf abenteuerlichste Weise zu überleben vermochte. Nun saßen sie dem Mann gegenüber, der den Film 1990 überhaupt erst möglich gemacht hatte.

Ob sich die Handlung tatsächlich an der realen Geschichte orientiert habe, wollte eine Schülerin wissen. «Die Substanz ist geblieben», antwortete ihr Artur Brauner. «Natürlich musste an der Dramaturgie ordentlich gefeilt werden, damit diese sich besser entwickeln kann.» Dass ihn dieser Film selbst nach über 26 Jahren nicht loslässt, konnte man deutlich spüren. «Bis heute gibt die Geschichte mir einige Rätsel auf.»

Oscar Unter den 21 Werken, die Artur Brauner dem Jüdischen Museum nun überlässt, befinden sich unter anderem der 1970 mit einem Oscar prämierte Der Garten der Finzi Contini oder Romy Schneiders letzter Spielfilm Die Spaziergängerin von Sans-Souci von 1982. Die Tatsache, dass er bereits 1948 mit Morituri – Die Todgeweihten einen ersten Film über die Verbrechen des Dritten Reiches produziert hatte, geschah gegen jede geschäftliche Vernunft. Denn entweder wollten die Kinobetreiber diesen aus Angst vor Anschlägen von alten und neuen Nazis nicht zeigen, oder aber er floppte beim deutschen Publikum, weil es davon nichts wissen wollte.

Trotzdem ließ Brauner sich nicht kleinkriegen, sondern machte energisch weiter. Mit den Erlösen, die er unter anderem durch die damals sehr erfolgreichen Old Shatterhand- und Winnetou-Verfilmungen einspielte, konnte er seine Verluste mehr als ausgleichen und wagte sich sofort an neue Projekte wie Zeugin aus der Hölle oder Sie sind frei, Dr. Korczak. «Karl May hat mich also gerettet», lautet sein Fazit.

Die Schüler jedenfalls lassen nicht locker und stellen ihm weiter mitunter sehr persönliche Fragen. Zum Beispiel, ob Artur Brauner sich durch diese Filme auch an seine eigene Geschichte während der Schoa erinnere. Er antwortet, dass dies immer davon abhinge, welche Schicksale darin geschildert werden, oder ob sie wie in Zu Freiwild verdammt von 1984 auf einer wahren Geschichte beruhen.

Auch bringt er sein Bedauern zum Ausdruck, dass es heute etwas schwieriger geworden sei, Spielfilme über die Zeit des Nationalsozialismus zu produzieren. «Viele davon laufen erst nach Mitternacht im Fernsehen, weshalb die Zuschauerzahlen geringer sind und die Quoten recht mager ausfallen.» Und weil das so ist, sinkt die Nachfrage der Sender nach Filmen zu diesem Thema. «Das ist irgendwie ein Teufelskreis», so seine Einschätzung.

Zeitzeuge Dennoch denkt er selbst im hohen Alter nicht ans Aufgeben. Ausführlich erzählt er den Schülern über die Art und Weise, wie Deutsche oder auch Polen ihre jüdischen Nachbarn ausraubten und sich ihr Eigentum unter den Nagel rissen. «Darüber wird es wohl noch einen Film geben.» Seine Ausführungen hinterließen offensichtlich Eindruck. «Es macht schon einen Unterschied, ob man einen Zeitzeugen persönlich erlebt und befragen kann», so der junge Daniel Hassan Pour. «Das ist viel beeindruckender, als nur ein Buch dazu zu lesen.»

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