Robert Menasse

Fiktionales Gewitter

Für den Roman »Die Hauptstadt« erhielt Robert Menasse 2017 den Deutschen Buchpreis. Foto: Alexandra Roth

Robert Menasse

Fiktionales Gewitter

Ein neuer EU-Roman erzählt von der »Westbalkan-Erweiterung«

von Katrin Diehl  22.10.2022 18:49 Uhr

Das kürzeste aller Kurzurteile über Robert Menasses neuen Roman könnte »so wie immer« lauten, wohinter sich – angesichts all der Preise und Ehrungen des österreichischen Autors und Essayisten – höchstwahrscheinlich ein »so gut wie immer« verbergen dürfte.

Außer, man findet die Literaturlandschaft generell gerade ein wenig fad, weil allerorten so gefällig wie konventionell »nur« erzählt wird (der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler fasste das dieser Tage unter dem Begriff des »Populären Realismus« zusammen). Aber Erzählen ist ja nicht gleich Erzählen, und Robert Menasse ist ein großer Könner seines Fachs. Und vor allem: Erzählen Sie mal EU!

Menasse mag es einfach, sich auf dünnem Eis zu bewegen.

Sein neues Buch ist rasant, äußerst unterhaltsam und lässt einen schlauer, wenn auch ein wenig erschöpft zurück. Nach Die Hauptstadt (2017) – dafür gab’s den Deutschen Buchpreis – folgte jetzt der nächste Streich mit dem Titel Die Erweiterung, wieder ein Roman zur ganz offensichtlich angezählten Europäischen Union, aber mit anderem Zoom. Im Mittelpunkt steht dieses Mal Albanien, und wer nach diesem Roman keine Sympathien für dieses kleine Land hat, wer nicht morgen hinfahren will, wer nicht googelt, wie dieser verrückte Helm des Skanderbeg – der albanische »Alexander« des Spätmittelalters – aussieht, dem ist kaum zu helfen.

Melancholie Menasse hat sich also ein bisschen in Albanien verguckt und kam dabei auf sehr irrwitzige und hintersinnige Plot-Ideen, unterfüttert mit einigem an Melancholie, auch Tragik, was schließlich ein Bruegel-haftes Panoramabild eines nach Veränderung schreienden Zustands der Europäischen Union abgibt. Am Ende geht das ganze EU-Beamtentum unter, mit ihm die Mächtigen und weniger Mächtigen, die Idealisten wie die Schlitzohren, und auch dem Spitzenkoch Bledar Kola geht’s schon gar nicht mehr ganz gut. Kurz: Die mehr als 600 Seiten sind ein äußerst prosaischer Ausdruck der menassischen Forderung nach einem postnationalen Europa mit allem Drum und Dran.

Menasse hat für Die Erweiterung intensive Reisen nach Albanien unternommen, ist ein Kenner dieses Landes geworden (und Ehrendoktor einer dortigen Universität). Wie man generell sagen kann, dass er mit langem Atem zu recherchieren versteht, auch – das zeigen frühere Titel – wenn es um jüdische Historie geht.

Menasse, 1954 in Wien geboren, ist der Sohn von Hans Menasse, der 1938 als Achtjähriger mit einem »Kindertransport« nach England verschickt worden ist und der später, zurückgekehrt nach Wien, für die österreichische Fußball-Nationalmannschaft spielte. 91-jährig ist er Anfang 2022 gestorben.

KOMPROMISSKULTUR Worum geht es in Die Erweiterung? Thematisch dreht sich alles um die Westbalkan-Erweiterung, um die Länder, die der EU beitreten wollen und sich dafür mächtig ins Zeug legen. »Ist es nicht verrückt? Polen ist Mitglied der EU und bricht systematisch europäisches Recht, und Albanien ist nicht Mitglied und macht eine Justizreform genauso, wie die EU das will«, heißt es da einmal. Es geht um die Trägheit des EU-Apparats, um Kompromisskultur und das ewige »Ja, wir können alles Mögliche, aber nur im Rahmen dessen, was wir sollen«. Und es geht um Menschen im Räderwerk der EU-Behörden.

Da sind die beiden Polen Adam und Mateusz, die als Kinder zusammen in der gerade gegründeten Solidarnosc-Gewerkschaftsjugend im Untergrund auf den Kampf um ein neues Polen eingeschworen wurden. Adam landete später, noch den alten Werten nahe, in der Europäischen Kommission in Brüssel, während Mateusz als Polens Ministerpräsident alle Vorsätze von damals über Bord wirft, die unabhängige Justiz opfert und »den Antisemitismus … befeuert«. »Ich bin dem Machbaren treu«, sagt er.

Am Ende geht das gesamte europäische Beamtentum unter.

Zoti Kryeminister, kurz ZK und Ministerpräsident Albaniens, kämpft wiederum mit einnehmender Originalität um die Beachtung seines Landes wie den baldigen Eintritt in die EU. Ylbere, eine junge Journalistin, begibt sich auf Spurensuche ihrer ermordeten, jüdischen Großmutter, was sie bis an die Grenze zum Kosovo führt. Sie verliebt sich in Ismael, ehemals Pressesprecher von ZK und Geschädigter der Hoxha-Diktatur.

sinnkrisen Für den roten Faden der Story ist der Skanderbeg-Helm zuständig, der in Jugendbuch-Manier samt Cliffhängern und spannenden Fragen (»Was war passiert?«) gejagt, gesucht, gefunden und wieder verloren wird, und zwar dermaßen kreuz und quer, dass man gemeinsam mit allen Beteiligten den Überblick verliert, was aber nicht weiter schlimm ist. Eine Menge Menschen hat über die Kapitel verteilt mit ihren Sorgen und Sinnkrisen ihre Auftritte (und manche von ihnen dozieren doch ein bisschen zu lange in Sachen EU).

Wir haben es mit fiktiven Personen zu tun, aber auch mit namentlich genannten Bekanntheiten, auch mit Menschen, die leicht zu identifizieren sind (wie die Kommissionspräsidentin mit der Drei-Wetter-Taft-Frisur). Menasse, der Dreiste, der sich immer hinter der auktorialen und durchaus kommentierenden Erzählstimme vermuten lässt, mag es einfach, sich auf dünnem Eis zu bewegen (das wissen wir seit dem Zitate-Fälschungs-Vorwurf, der auch vor seinem Roman Die Hauptstadt nicht haltgemacht hat). Er benutzt Realität allzu gerne als Baustein eines fiktionalen Gewitters. So lässt sich erzählen und wagen zu gleicher Zeit.

Robert Menasse: »Die Erweiterung«. Roman. Suhrkamp, Berlin 2022, 653 S., 28 €

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