Schweiz

Fast ein Krimi

Mit zwei aktuellen Ausstellungen, die keinen ganz direkten Zusammenhang haben und dennoch eng miteinander verbunden sind, setzt sich das Kunstmuseum Basel mit seiner eigenen Geschichte auseinander.

Zum einen geht es bei der Zerrissenen Moderne um jene 21 Werke der Klassischen Moderne, die das Museum im Sommer 1939 erworben hatte und die – zusammen mit vielen anderen Bildern – zwei Jahre zuvor von den Nazis als »Entartete Kunst« in München zu sehen gewesen waren.

abschreckung Dies als Abschreckung für das eigene Volk, sich mit den Kunstwerken verfemter, oft jüdischer Künstlerinnen und Künstler anders als mit Abscheu und Ekel auseinanderzusetzen. Ironie der Geschichte, dass der Begriff »entartet« lange vor den Nazis anfänglich von dem jüdischen Arzt Max Nordau verwendet worden war, selbstverständlich in einem ganz anderen Sinn.

Die Bilder waren 1937 als »Entartete Kunst« in München zu sehen.

Gleichzeitig zeigt das Kunstmuseum im Keller des Hauptbaus eine Schau über den Sammler Curt Glaser (1879–1943), der ebenfalls seine Geschichte mit dem Museum und der Stadt hatte.

Curt und Elsa Glaser sind im Berlin der 1920er-Jahre ein bekanntes Kunstsammler-Ehepaar. 1924 wird Curt Glaser zum Direktor der Kunstbibliothek ernannt. Das Ehepaar, das im Laufe der Jahre eine bedeutende Kunstsammlung aufbaut, ist im kulturellen Leben der Stadt gut vernetzt. Doch dann wendet sich das Blatt: 1932 stirbt Elsa, 1933 wird Glaser von den Nazis sofort entlassen.

VERSTEIGERUNG Bereits im Mai desselben Jahres versteigert er seine Sammlung, darunter Bilder des Künstlers Edvard Munch, mit dem die Glasers befreundet waren. Curt Glaser emigriert mit seiner zweiten Frau Maria in die Schweiz und später in die USA. Dort stirbt er 1943, weitgehend vergessen. Seine wertvolle Sammlung ist da in der ganzen Welt verstreut. Auch das Basler Museum hat – ebenfalls schon 1933 – 200 Zeichnungen und Druckgrafiken erworben.

Aus dieser Konstellation entsteht ab 2004 ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen dem Kunstmuseum beziehungsweise dem Kanton Basel-Stadt als Vertreter des Museums und den Erben Glasers, über den die Medien immer wieder berichten. Erst 2020 einigen sich die beiden Parteien auf eine »gerechte und faire Lösung«: Das Museum darf die Kunstwerke behalten und bezahlt den Erben eine Entschädigung. Die Öffentlichkeit profitiert ebenfalls von dieser Einigung, die nämlich als zweiten Teil eine Ausstellung über das Schicksal und das Wirken der Familie Glaser vorsieht.

Neben den ausgestellten Kunstwerken zeichnen die beiden Ausstellungen gleichzeitig sehr unaufdringlich, aber spannend die Geschichte der Werke nach und wie sie in den Besitz Basels kamen – fast ein Krimi.
So waren die beiden Museumsdirektoren Otto Fischer und ab 1939 sein Nachfolger Georg Schmidt von Anfang an am Schicksal der von den Nazis diffamierten Kunst interessiert: Fischer besucht 1937 die Münchner Ausstellung und registriert schnell, dass die Berliner Machthaber die »entartete Kunst« zwar hassen, aber gerne mit ihr Jagd auf begehrte Devisen machen. Umgekehrt müssen sich Fischer und Schmidt, aber auch die Schweizer Behörden die Frage stellen, ob es vertretbar ist, mit den Nazis Geschäfte zu machen.

wahn Für Georg Schmidt steht die Rettung dieser Kunstwerke, die durch den Wahn der Nazis bedroht sind, klar im Vordergrund. Allerdings zeigt die aktuelle Ausstellung auch, dass es in der Schweiz gegenüber der zeitgenössischen Kunst durchaus Vorbehalte gab. Als das Basler Kunstmuseum 1936 den neuen Bau eröffnet, ist es nur spärlich mit moderner Kunst ausgestattet. Die Direktion will das möglichst schnell ändern und setzt sich wenigstens teilweise durch.

2020 endete der Streit zwischen Glasers Erben und dem Museum.

Der Weg dahin ist allerdings kurvenreich: Nur 125 Kunstwerke der rund 21.000 von Hitlers Schergen beschlagnahmten Werke aus deutschen Museen landen im Sommer 1939 in Luzern, wo sie versteigert werden. Eine Delegation aus Basel ist bei der Versteigerung dabei, hat allerdings nur beschränkte finanzielle Mittel – es sind gerade einmal 50.000 Franken.

SYMBOL So erwirbt sie neben einem Gemälde von Paul Klee oder einem Bild von Otto Dix auch Marc Chagalls »La Prise (Rabbin)«, das berühmte Bild eines bärtigen Rabbiners, das nach der Münchner Ausstellung in einer Art Prozession durch die Straßen von Mannheim geschleift und als besonders »verwerflich« bezeichnet worden war. Auch dieses Bild, das mit seiner Geschichte mehr als nur ein Symbol ist, ist selbstverständlich Teil dieser Ausstellung.

Dennoch ist das Kunstmuseum weltweit die einzige Institution, die eine so große Zahl von Objekten aus damaligen deutschen Museen direkt angekauft hat. Mit dieser Aktion begründete das Museum seinen eigenen Ruf als kompetenter Ort der Gegenwartskunst. Nun stellt sich das Haus also seiner eigenen Geschichte, manche werden sagen: endlich.

»Der Sammler Curt Glaser« ist bis zum 12. Februar 2023 zu sehen, »Zerrissene Moderne« bis zum 19. Februar 2023.

Schwäbisch Hall

Wenn Elefanten Synagogen tragen

In der kleinen Stadt sind die beiden einzigen erhaltenen Werke des Synagogenmalers Elieser Sussmann zu sehen – Paneele aus der Betstube von Unterlimpurg und der Frauenschul von Steinbach

von Michael Schleicher  09.06.2026

Interview

»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

Der Kabarettist Dieter Nuhr über den Erhalt des Leo-Baeck-Preises, Solidarität mit Israel und Kritik an seiner Person

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

Hollywood

Zoë Kravitz jagt Bankräuber

In der Action-Komödien-Thriller »How to Rob a Bank« spielt die jüdische Darstellerin eine Software-Ingenieurin unter Hausarrest

 09.06.2026

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  09.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 09.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026