Dreigroschenoper

Explosive Bouillabaisse

Endlich wieder Theater. Kluges, hintersinniges, brillantes Revuetheater. Theater mit genau jener Mischung aus jüdischem Witz und jüdischer Melancholie, die eben nur ganz große Bühnenzauberer wie der australisch-polyglotte Starregisseur Barrie Kosky (»jüdisch-schwules Känguru«, so seine Selbstauskunft) präsentieren können.

Eine Neuinszenierung der Dreigroschenoper am Berliner Ensemble muss am Ort ihrer Uraufführung Maßstäbe setzen. Sie tut es. Diese seit 93 Jahren moderne Mischung aus Brecht’scher Moral und Weill’scher Revue, aus Poesie und sozialer Anklage, aus Tango, Jazz und Passionsmusik vergleicht Kosky mit einer französischen Fischsuppe, einer Bouillabaisse: Sie ist eine unglaubliche Mischung aus Formen, Sprache und Ideen, Melodien, Abstürzen, Erweckungserlebnissen – eben allem, was das Leben und die Bühne zu bieten haben.

Endlich wieder Theater – mit einer Mischung aus jüdischer Melancholie und jüdischem Witz.

Barrie Kosky kann drei Bühnen-Attitüden bei diesem Gesamtkunstwerk gar nicht leiden: park, bark and snark. Schauspieler, die sich einfach hinstellen (park), ihre Botschaft ins Publikum bellen (bark), und zwar mit Arroganz und moralinsaurer Überheblichkeit (snark).

Dieser erhobenen Primus-Zeigefinger-Gefahr erliegen viele Brechtballadendarbieter. »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral«, das schreit entweder nach mimischen Ausrufezeichen oder nach der Intelligenz eines Barrie Kosky und dieser sensationellen Schauspielertruppe am Berliner Ensemble. Alle zusammen streichen einfach mal generell jede Moralinsäuernis und alle weltanschaulichen Großbuchstaben. Stattdessen bauen sie ein Beziehungsgeflecht auf, mal melodramatisch und sentimental, mal ehrlich und tiefenpsychologisch.

MACKIE Da will dieser fiese, gierige Papa Peachum (herrje, gibt Till Nest den verlogen und intrigant!) auf keinen Fall sein Töchterchen Polly (präsent, selbstbewusst und fast zu schön: Cynthia Micas) dem bösen Mackie Messer zur Frau geben. Sinnlos. Macheath widersteht frau nicht. Keine.

Nico Holonics’ Mackie ist nämlich eine unglaublich explosive Mischung aus Narziss und Verführer, Schläger und Tänzer, ein Theatertier, einer, der alle angräbt, der verspricht und verletzt, ein Dionysos, der jede Sekunde Leben aus jedem und jeder saugt. Mit einem Song von Freddie Mercury hat sich der 37-jährige Holonics, in Gera geboren, auf diese Rolle beworben. »We are the Champions«? Er ist einer.

Dass er dann doch einige Minuten am Galgen zappeln muss, verdankt er einer nicht minder genialen Frauentruppe. Constanze Becker als arrogante, brutal pragmatische und mondäne Mrs. Peachum, Bettina Hoppe als allesmalerlebthabende Spelunken-Jenny und Laura Balzer als durchgeknallt tanzende und herrlich falsch singende Lucy geben’s diesem Kerl so richtig: »Die Liebe dauert oder dauert nicht an dem oder jenem Ort.« Und nicht zu vergessen, da perfekt in die Ladygang passend: Tiger-Brown mit seinem Kanonensong spielt hier eine Frau. Kathrin Wehlisch als Mischung aus Charlie Chaplin und Zilles Milljöh verrät Mackie ebenso, füttert ihn aber in einer einzigartigen Szene kurz vor dem Galgen noch mit Spargel in Sauce Hollandaise.

LABYRINTH Alle Figuren verfolgen einander artistisch in einem Rattenlabyrinth aus Gerüstbauteilen mit Falltüren, Treppen und Leitern. Auf Rebecca Ringsts Bühnenbild will jeder nach oben, aber sie rutschen oder streifen, gleiten oder klettern eben immer wieder runter. Da glänzt kein falscher Zwanzigerjahrekitsch, keine Nostalgieberlintour, nein, alle gemeinsam rocken den Abend zur genialen musikalischen Leitung von Adam Benzwi.

Diese Dreigroschenoper am Berliner Ensemble wird ein Dauerhit, in würdiger Nachfolge der in die Jahre gekommenen Robert-Wilson-Inszenierung. Das Publikum, 75 Prozent der Plätze waren besetzt, jubelte, ein paar Buhrufe für Kosky störten nur unwesentlich. Da fehle der Brecht, raunte es hie und da. Wo waren die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten? Die Kluft aus Arm und Reich? Bisschen viel Revue, bisschen wenig Tiefgang?

Kosky und seine Truppe streichen Moralinsäuernis und weltanschauliche Großbuchstaben.

Barrie Kosky hält Kurt Weill für so bedeutend im 20. Jahrhundert, wie es Richard Wagner im 19. Jahrhundert gewesen sei. Er setzt Weills biblische Zitate aus der Matthäuspassion um, er fasst seine Choräle in gewaltige Bilder der Kraft und der Machtlosigkeit vor Gott. Revue für die Unterhaltung und Wüste als Metapher für den religiösen Geist des Kantorensohns, diese Mixtur gehört zur Bouillabaisse der Dreigroschenoper. Erst in dieser Melange entstehen Poesie, Tiefgang und wirklich große Kunst.

Apropos Kunst: Was spricht das gewohnt uneinheitliche Feuilleton der Tageszeitungen? Überaus böse die Unterzeile in der »Süddeutschen«: »Kosky schrumpft Dreigroschenoper auf Komödienstadelformat.« Zum Niederknien klug hingegen Simon Strauß in der FAZ: »eine ausgelassene Feier des Lebensspiels«, so sein Fazit. Und das Ihrer Rezensentin in der Jüdischen Allgemeinen? Ich befehle schlicht: Hingehen. Genießen. Endlich wieder Theater. Bestes, allerbestes Theater!

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