Kino

»Europa ist aus dem Gleichgewicht geraten«

Regisseur László Nemes Foto: dpa

Kino

»Europa ist aus dem Gleichgewicht geraten«

Oscarpreisträger László Nemes über seinen neuen Film »Sunset«, Sinnsuche und Kritik an Ungarns Regierung

von Thomas Abeltshauser  01.07.2019 14:52 Uhr

Herr Nemes, Ihr neuer Film »Sunset« handelt von der Suche einer Frau nach ihrem Bruder in Budapest kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Warum lassen Sie dabei so viele Fragen offen?
Ich verstehe den Film als Mysterium, ein Labyrinth, das am Ende hoffentlich für jeden Zuschauer individuell und persönlich einen Sinn ergibt. Die Hauptfigur Írisz ist selbst ziemlich allein und verloren auf ihrer Suche. Ich vertraue dem Publikum, die Zeichen zu verstehen und die Lücken zu füllen, es wird nicht alles vorgekaut. Das empfinden vielleicht manche als anstrengend, aber es ist meine Art, die Grenzen des Filmischen zu erweitern.

In Ihrem Regiedebüt, dem Holocaustdrama »Son of Saul«, konzentriert sich die Kamera auf den Protagonisten, das Umfeld ist unscharf oder gar nicht zu sehen. Sie wollten damit den Schrecken im KZ bewusst nicht bebildern. Warum verwenden Sie nun eine sehr ähnliche Ästhetik?
In »Son of Saul« war es tatsächlich eine ethische Voraussetzung. Das Geschehen musste sich im Kopf des Zuschauers abspielen. In »Sunset« herrscht ein sehr eingeschränkter Blick, weil wir die Verlorenheit und Unsicherheit dieser Frau miterleben und die Welt durch ihre Augen entdecken. Die Ansätze ähneln sich also, sind aber nicht identisch.

Sehen Sie Parallelen in den gesellschaftlichen Umwälzungen, die Sie im Budapest des Jahres 1913 zeigen, und heutigen Verhältnissen?
Auf mehreren Ebenen. Heute glauben wir, alles zu wissen, es herrscht ein permanenter Informationsfluss. Dabei wissen wir nur sehr wenig, müssen aber zu allem eine Meinung haben. Vor 100 Jahren dachten die Menschen, sie wären am Anfang eines nicht aufzuhaltenden Fortschritts. Und wie diese Welt dann kurz darauf zusammenbrach, sollte auch für uns heute eine Warnung sein.

Was meinen Sie damit?
Ich habe den Eindruck, dass Europa aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir sind an einem Scheideweg, unter der Oberfläche ist etwas in Bewegung, dabei war Europa nie so wohlhabend und stabil. Zugleich sind wir wie besessen von der digitalen Reizüberflutung. Wir vertrauen Computern mehr als unseren Köpfen. Wenn schon Zweijährige mit Smartphones hantieren, ist unsere Vorstellungskraft in Gefahr.

Ist das auch der Grund, warum Sie auf 35-mm-Film drehen und nicht digital?
Ja, ich will das Physische des Mediums bewahren. Film ist mehr als bloße Information. Es ist Licht und Schatten. Es ist Magie. Erst im Gehirn verwandeln sich die statischen Einzelbilder in Bewegung. Sie verbringen also die Hälfte der Zeit im Kino in Dunkelheit, ohne dass Sie es so wahrnehmen. Und die Textur und die Kontraste eines Kinofilms auf 35-mm sind anders, das kann man digital nie erreichen.

Ist die Arbeitsweise beim Dreh auch ein Grund?
Absolut. Man muss sich vorher viel genauer überlegen, wie eine Einstellung aussehen soll. Man kann nicht, wie mit Digitaltechnik, ein Dutzend Dinge ausprobieren und nachher aus 600 Stunden Material einen Film zusammenbasteln. Beschränkung ist gut für die Kunst.

In Ungarn ist eine rechtspopulistische Regierung an der Macht. Wie schwierig ist es heute, dort Filme zu machen?
Der ungarische Filmfonds hat sich die Unabhängigkeit von politischen Einflüssen erhalten, bislang. Es werden Regiedebüts gefördert und eine gewisse Diversität erhalten. Und wir Filmemacher sind nicht auf die Finanzierung der Fernsehanstalten angewiesen. Zumindest im Moment können wir noch Filme drehen, die wirklich Kino sind und nicht Fernsehen 2.0.

Fiel es Ihnen nach dem weltweiten Erfolg von »Son of Saul« und dem Oscargewinn schwer, sich auf ein neues Projekt zu konzentrieren und dabei Ihrer Art des Filmemachens treu zu bleiben?
Ich hatte kein Problem, meinen Obsessionen treu zu bleiben, so bin ich eben gestrickt. Nicht ganz so leicht war es, die erhöhte Aufmerksamkeit auszublenden, aber ich habe eine sehr gute Crew, die sich davon nicht beeindrucken lässt und die mich immer wieder herausfordert. Es gibt einen permanenten Austausch.

Der Titel bezieht sich auf den berühmten Stummfilm »Sunrise« von Friedrich Wilhelm Murnau. Warum?
Murnau ist einer meiner wichtigsten Einflüsse als Filmemacher. Mir gefielen die Parallelen. Sunrise ist ein Film über die Hoffnungen und die Verzweiflung ­einer Zivilisation, eine fast metaphysische Erzählung, die vieles infrage stellt und unter großem, persönlichem Risiko entstand. »Sunset« ist meine Hommage darauf.

Das Interview mit dem Oscarpreisträger führte Thomas Abeltshauser.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026

Sachbuch

Flucht nach Zaton Mali

Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan

von Alexander Kluy  18.03.2026

Jan Jekal

Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte

»Paranoia in Hollywood« macht da weiter, wo die Geschichte der rettenden USA aufhört. Eine Achterbahnfahrt mit bitterem Ausgang

von Sophie Albers Ben Chamo  18.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  18.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026