Comic

Es lebe der Balagan!

Ordnung soll das halbe Leben sein, weiß eine Redewendung. Laut Albert Einstein hingegen halten nur die Dummen an der Ordnung fest, denn »das Genie beherrscht das Chaos«. Dass das Chaos oft eher sie beherrscht, stellt hingegen Einat Tsarfati fest – und meint vor allem sich selbst. Darum hat sie einen Sachcomic verfasst, der sich mit dem unstrukturierten Leben beschäftigt. Ordentlich durcheinander. Ein charmantes Plädoyer für ein chaotisches Leben überzeugt durch überschießenden Humor.

Es ist die erste deutsche Buchveröffentlichung der israelischen Autorin und Illustratorin, die schon mehrere Bestseller verfasst hat. Der Comic nimmt eine ältere Zielgruppe ins Visier und funktioniert dank zweier Ebenen. Er ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Chaos, die mit Anekdoten und Details aus Tsarfatis gefühlt unordentlichem Leben gespickt sind.

Persönlicher Zugang wie bei Liv Strömquist

Diesen persönlichen Zugang kennt man beispielsweise von den Sachcomics der großartigen Liv Strömquist. Er ermöglicht die ironisch-kommentierende Betrachtung eines eher trockenen Themas, was Tsarfati ähnlich gut gelingt wie der schwedischen Zeichnerin.

So erfährt man eingangs, dass das Buch zweimal verloren ging, als die Autorin daran arbeitete. Und sie räumt auch gleich mit der Vorstellung auf, dass das Lesen ihres Buchs helfe, den Alltag besser zu strukturieren. Tut es nicht, aber es unterhält und ist sehr lustig.

In zwei Monaten hat die Autorin fünf Regenschirme verloren.

So zeigt Tsar­fati anhand allerlei Babys, die sich in ihr Deckchen kuscheln und dabei ordentlich viele Falten werfen, dass der Mensch unordentlich geboren wurde. Sie zeichnet, was ein Durchschnittsmensch so an Dingen verliert, und stellt dem dann gegenüber, was sie in zwei Monaten selbst alles verloren hat.

Zu sehen ist ein enormer Haufen, der eine ganze Doppelseite füllt, darunter zwei Dutzend Schlüssel, fünf Regenschirme und zwei Mobiltelefone. Mit kleinen, halb ernsten Tests über den Zustand der eigenen Handtücher, Besen, von Rucksack und Handtasche lässt die Autorin die Leser selbst ein Gespür bekommen für den Grad des persönlichen Chaos.

Mantra des Sockensortierens und Taschentücherbügelns

Der Comic liest sich auch als ein hübsches Gegenstück zur Legion der Ordnungsratgeber, die sich seit Marie Kondos Erfolg in den Buchhandlungen stapelt. Und dem daraus erschallenden Mantra des Sockensortierens und Taschentücherbügelns.

Dagegen stellt Ordentlich durcheinander eine erfrischende Lektüre dar. Da ist die grundlegende Einsicht, dass viele interessante Dinge aus dem Chaos und dem Unstrukturierten entstehen oder entstanden sind: das Weltall und Rührkuchen, der Mensch und der Golem von Prag. Und sind nicht viele Dinge erfunden worden, weil sich jemand nicht an die Regeln hielt, oder ganz aus Versehen? Kreativität, so Tsarfati, bedeutet schließlich, sich über Grenzen und Bekanntes hinwegzusetzen.

Von ihrer eigenen Kreativität überzeugt die Autorin nicht allein durch den Text, sondern auch durch die Zeichnungen. Sie wirken wie kleine Kritzeleien, mal üppig mit Objekten überfrachtet, mal flüchtig. Immer machen sie einen leicht unfertigen Eindruck, der dem Sujet angemessen ist.

Ein Neandertalerkind muss sein Mammut wegräumen

Da sich die Autorin immer mal wieder selbst zeichnet und einen Blick in ihren Rucksack, in ihr Badezimmer oder ihre Anatomie gewährt, wirkt das wie eine persönliche Ansprache. Sie prügelt sich schon mal mit ihren Alter Egos in einem Wrestling-Ring, um zu zeigen, wie die Seelen in ihrer Brust streiten. Dazu tragen die Figuren skurrile mexikanische Catch-Masken und römische Standarten aus Besen mit Klamottenwimpeln.

Besonders drollig sind die Stellen, an denen sie durch die Weltgeschichte tingelt. Da muss ein Neandertalerkind sein Mammut wegräumen und die Höhlenmalerei wegwischen. Und wenn die junge Marie-Antoinette ihre Kuchenkrümel entfernen muss, wird es hübsch hintersinnig.

Man erfährt, wie man aufräumt, ohne wirklich aufzuräumen, bekommt eine gute Portion Gelassenheit vermittelt. Seinen Charakter kann niemand komplett umkrempeln, also kann man nur hinnehmen, was eh nicht zu ändern ist. Das Buch gibt auch ein bisschen Mut, nicht den ganzen Tag abzuschreiben, wenn man morgens mal wieder zwei verschiedene Strümpfe aus dem Schrank zieht.

Einat Tsarfati: »Ordentlich durcheinander. Ein charmantes Plädoyer für ein chaotisches Leben«. Aus dem Hebräischen von Tomer Dotan-Dreyfus. Voland & Quist, Berlin 2024, 224 S., 22 €

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