Literatur

Erinnerungen an die Mutter

Foto: PR

Literatur

Erinnerungen an die Mutter

Chantal Akermans Buch erscheint auf Deutsch

von Ellen Presser  22.10.2022 18:50 Uhr

Jean Améry und Paul Celan ertrugen das Leben nach dem Überleben nicht bis zum natürlichen Ende. Sie begingen Suizid. Für die Mutter von Chantal Akerman war das keine Option. Die in Tarnów geborene Auschwitz-Überlebende hing am Leben, auch als dieses nicht mehr viel bot.

Die Tochter, 1950 in Brüssel geboren, wurde Filmemacherin, nonkonformistisch, radikal in ihrer Arbeitsweise – und das von ihrem ersten Film an, den sie mit gerade einmal 18 Jahren schuf. Saute ma ville erregte bei den Oberhausener Kurzfilmtagen Aufsehen. Der Versuch, in ihrer Küche Ordnung zu schaffen, endet damit, dass alles inklusive der Hauptfigur, die sie selbst spielte, dank eines Gasherdes in die Luft fliegt.

freigeist Ihr feministischer Freigeist ließ sie zu einer angesagten Filmschaffenden und Videokünstlerin werden. Immer wieder ging es dabei um ihre Mutter, die zwei Jahre in Auschwitz verbrachte, dort die Eltern verlor, doch nie darüber sprach. Akerman beschrieb sich einmal als »typisches Überlebenskind«, als Sechsjährige hatte sie Albträume vom Lager.

Bilder im Kopf, verstehen zu wollen, was das Leid der Mutter im KZ, die U-Boot-Erfahrung des Vaters in der Illegalität in Brüssel ausmachte, sollten Akerman lebenslang nicht loslassen.

Bilder im Kopf, verstehen zu wollen, was das Leid der Mutter im KZ, die U-Boot-Erfahrung des Vaters in der Illegalität in Brüssel ausmachte, sollten Akerman lebenslang nicht loslassen. Von News from Home (1977) bis No Home Movie (2014) war ein weiter Weg. Diese Dokumentation, ein Porträt der Mutter Natalia, die viel von sich gab und doch eisern schwieg, war ihre letzte Arbeit.

Hierzulande kann man sie erst jetzt in Gänze verstehen dank der deutschen Übersetzung von Meine Mutter lacht. Zehn Jahre zuvor war dieses Buch in Französisch erschienen. Es versammelt Momentaufnahmen aus dem Leben einer alten kranken Frau.

hunger Sie schläft viel, der Tag ist getaktet durch Hygiene-Maßnahmen, Besuche, Mahlzeiten. Essen ist wichtig, auch wenn sie nur noch wenig schafft. Sie weiß, was wahrer Hunger ist. Sie stöhnt, sie lacht, sie freut sich auf das Kommen ihrer beiden Töchter. Sie versucht, die Ältere, die sich als »altes Kind fühlt«, bei jeder Gelegenheit zu berühren und zu küssen.

»Das einzig Rettende ist das Schreiben«, notiert Chantal Akerman. Fragment reiht sich an Flashback, Familien-Fotos illustrieren die Erinnerungen. Während die Mutter um jeden Tag auf Erden kämpfte, gab die Filmemacherin zwei Jahre nach deren Tod auf. Chantal Akerman beendete 2015 in Paris im Alter von 65 Jahren ihr Leben.

Chantal Akerman: »Meine Mutter lacht«. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Diaphanes, Zürich 2022, 208 S., 22 €

Philadelphia

Erstes Konzert nach Macklemore-Aus: Sheeran äußert sich

Wegen israelfeindlichen Äußerungen und einer antisemitischen Vorgeschichte wurde US-Rapper Macklemore aus dem Vorprogramm von Popstar Ed Sheeran gestrichen. Jetzt ist Sheeran erstmals wieder aufgetreten

 20.09.2026

Musik

Biermann mit neuen Liedern: »Mensch, misch’ dich ein«

Der Liedermacher Wolf Biermann präsentiert auf einem neuen Album Unveröffentlichtes - manches neu, manches auch noch aus DDR-Zeiten. Die Themen hätten sich kaum verändert, sagt der Künstler

 20.09.2026

Fernsehen

»Zu Asche, zu Staub«

»Babylon Berlin« endet düster: Die fünfte Staffel spielt in der Zeit um Hitlers Machtergreifung 1933

von Julia Kilian  19.09.2026

Kommentar

Die Schatten der Vergangenheit sind lang

Wie der Hessische Rundfunk über jüdische Grundstücke stolpert

von Daniel Neumann  18.09.2026

Zahl der Woche

5 Dinge

Fun Facts und Wissenswertes

 18.09.2026

Social Media

Nach weltweiten viralen Song: Hasswelle gegen israelische Band Temper City

Der Song der israelischen Band wird zum Welthit – bis die Herkunft der Musiker bekannt wird. Dann beginnt im Netz der Boykott

von Sabine Brandes  18.09.2026

Noah Bendix-Balgley

»Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion«

Der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker über seine Philosophie beim Spiel, Kritik an Boykotten gegen Künstler und sein erstes Klezmer-Album

von Christine Schmitt  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

New York

Künstlerin macht New Yorker Guggenheim Museum zur Murmelbahn

Taryn Simon ist für ihre Foto-Reportagen berühmt. Für eine große Ausstellung im Guggenheim Museum hat sie sich dazu noch etwas ganz anderes einfallen lassen

 18.09.2026