Jerusalem

»Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit«

Die Zentralsynagoge von Aleppo galt als eine der ältesten Synagogen der Welt in Benutzung – bis sie nach 1500 Jahren am 1. Dezember 1947 einem Pogrom zum Opfer fiel. Jetzt haben die israelischen Dokumentarfilmer von »Micha’s Film« und das Berliner Studio »High Road Stories« das Gotteshaus virtuell wieder begehbar gemacht.

Die Rekonstruktion basiert auf 50 Fotos, die die syrische Jüdin Sarah Schammah 1947 in Auftrag gab. Es sollten die letzten Lichtbilder der Heimstätte des berühmten Aleppo-Kodex sein, bevor sie in Flammen aufging. Zu sehen ist Zurück nach Aleppo bis zum 31. Dezember 2023 im Israel-Museum in Jerusalem.

album Jerusalem – Aleppo – Jerusalem. Viele Male hatte Sarah Schammah die Strecke zurückgelegt. Ein Album mit Bildern der Synagoge in Aleppo, in Erinnerung an den Vater, der diesen Ort so geliebt hatte – mit diesem Anliegen machte sie sich im November 1947 einmal mehr auf den Weg in ihre Geburtsstadt, die sie 1932 in Richtung Jerusalem verlassen hatte.

»Ich weiß nicht, welche außergewöhnliche Intuition mich dazu brachte, nach Aleppo zu fahren und die Synagoge zu fotografieren«, schrieb sie in ihr Notizheft. Es ist, zusammen mit ihrem Pass, eines der wenigen physischen Ausstellungsstücke.

Sarah Schammah vertraute ihrer Intuition. Sie engagierte einen armenischen Fotografen und ließ ihn die Synagoge aus allen Perspektiven fotografieren. »Wir haben viel zu tun«, mahnt die virtuelle Schammah den virtuellen Armenier in einem der beiden VR-Rundgänge zur Arbeit.

rundgang »Während der allgemeine Rundgang den Besucher durch das Gebäude schlendern lässt, will ‚Sarahs Geschichte‘ nicht nur die Synagoge, sondern auch ihre Menschen näherbringen«, sagt Judith Manassen-Ramon, eine der vier Architektinnen der Rekonstruktion. Und natürlich die Titelheldin: »Sarah war geschieden, mit einem Sohn und eine ungewöhnliche, sehr selbstständige Frau. Sich in einer so explosiven Zeit alleine aufzumachen, noch dazu als Frau, brauchte einen sehr aufgabenorientierten, optimistischen Geist«, so Manassen-Ramon.

Dass es sich nicht um Fiktion handelt, war den Kuratoren wichtig. »Unser Mandat als Museum ist es, Originale zu zeigen«, sagt Revital Hovav.

Die Fotos waren noch nicht entwickelt, als die UN ihren Teilungsplan für Palästina veröffentlichte. In vielen Ländern des Nahen Ostens kam es zu Unruhen und Pogromen gegen Juden und jüdische Einrichtungen. Als Aleppos Juden vertrieben wurden, begriff der Fotograf den plötzlichen Wert der Aufnahmen. »Er forderte die Herausgabe der Negative und drohte, Shammah als zionistische Spionin anzuzeigen«, erklärt die Kuratorin der Ausstellung, Revital Hovav.

Schammah behielt einen kühlen Kopf, vertröste den Fotografen auf den nächsten Tag und floh mithilfe eines muslimischen Freundes über Beirut nach Palästina, die Aufnahmen im Gepäck. Hovav: »1988, im Alter von 80 Jahren, erlaubte sie dem Israel-Museum als einzigem, Abzüge von den Negativen zu machen und sie zusammen mit dem Aleppo-Kodex erstmals auszustellen.«

herausforderung Schammah nutzte Fotos als modernes Mittel der Kunst ihrer Zeit. »Dem wollten wir in unserer Arbeit treu bleiben«, beschreibt Judith Manassen-Ramon die größte Herausforderung des Projekts. »Unsere virtuelle Realität sollte den Fotos, der Architektur, der Zeit treu bleiben«, erklärt sie, warum die digitale Rekonstruktion ohne Farbe und große Effekte auskommt. Vier Stühle, vier Headsets: Der Rest geschieht in der virtuellen Brille.

Dass es sich nicht um Fiktion handelt, war den Kuratoren wichtig. »Unser Mandat als Museum ist es, Originale zu zeigen. Im Fall von Aleppo geht das nicht mehr, aber die Virtuelle Realität basiert auf Artefakten«, begründet Revital Hovav die Herangehensweise. Unterstrichen wird dies durch den physischen Platz, den das Museum »Zurück nach Aleppo« zugewiesen hat: in einer Reihe mit den vier Synagogen aus Italien, Cochin, Deutschland und Surinam in der Dauerausstellung im jüdischen Teil des Museums.

Die Bedeutung der Aleppo-Synagoge betont unterdessen Adolfo Roitman. Sie habe als »heiliger Ort« gegolten, weil dort der Aleppo-Kodex aufbewahrt wurde, für das jüdische Volk »die Metapher für die Gegenwart Gottes in ihrer Gemeinschaft«, sagt der Kurator des »Schrein des Buches«, dem Teil des Museums, in dem unter anderem der Aleppo-Kodex ausgestellt ist. Das Manuskript wird von vielen Gelehrten als das genaueste und heiligste Quellendokument sowohl für den biblischen Text als auch für seine Vokalisierung und Überlieferung angesehen.

Die Synagoge in Aleppo wurde in den 90er-Jahren restauriert. 2016 fiel sie erneut, diesmal als Opfer des Krieges in Syrien. »Wir werden Aleppo nicht wiedersehen«, sagt die virtuelle Heldin zum Ende der Tour. Die echte Sarah Schammah hielt in ihrem Notizbuch fest: »Die Fotos, die ich gemacht habe, werden als ein unvergessliches Souvenir bleiben, das uns an die glorreiche Vergangenheit erinnert.«

Programm

Kleine Großstadtdektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026

Kult-Comics

80 Jahre Lucky Luke: Der Cowboy mit dem smarten Pferd

Zwar trägt Lucky Luke keinen Davidstern. Der jüdische Autor René Goscinny trug aber entscheidend zum Witz und dem großen Erfolg der Serie bei

 03.03.2026

Berlin

Tuttle will bei Berlinale bleiben - ist der Streit vorbei?

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle leitet das renommierte Filmfestival seit 2024. Nach Vorwürfen und Kontroversen legt sie sich fest: Sie will weitermachen. Aber längst nicht alle Fragen sind geklärt

von Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat  03.03.2026

Berlin

Weimer: »Auf gutem Weg« zu zukunftsfester Berlinale

Die US-Amerikanerin Tricia Tuttle will Leiterin des Filmfestivals bleiben. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien reagiert knapp

 03.03.2026

Berlin

Tuttle: Will »in vollem Vertrauen« Berlinale-Chefin bleiben

Nach politischen Kontroversen wird lebhaft über die Zukunft der Berlinale diskutiert - und die ihrer Chefin. Im Interview erklärt Tricia Tuttle, wieso sie im Amt bleiben will

von Sabrina Szameitat  03.03.2026

Potsdam

Zentrum für jüdischen Film wird eröffnet

An der Filmuniversität Babelsberg soll Lea Wohl von Haselberg ein neues Zentrum für jüdischen Film und audiovisuelles Erinnern leiten

 03.03.2026

Doppel-Interview zu Holocaust-Forschung

»Wir streiten uns nicht über die Fakten«

Seit Wochen tobt im Feuilleton ein Streit über den Stellenwert der Kollaboration in den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Erstmals diskutieren die Hauptprotagonisten, die Schoa-Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt, direkt miteinander

von Ayala Goldmann, Michael Thaidigsmann  03.03.2026

Berlin

Wirbel um Berlinale-Chefin: Tricia Tuttle hält an Amt fest

Wie geht es weiter bei der Berlinale? Es wurde lebhaft über die Zukunft des Filmfestivals und die Intendantin diskutiert. Nun äußert sie sich erstmals selbst dazu

 03.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Purim-Stress? Absolut zu empfehlen!

von Nicole Dreyfus  02.03.2026