Jonathan Safran Foer

Erdbeben und Ehekrise

Der Autor meldet sich nach elf Jahren Pause mit seinem neuen Roman »Hier bin ich« zurück

von Daniel Killy  14.11.2016 18:44 Uhr

Jonathan Safran Foer taucht tief in die Wirrungen des jüdischen Bewusstseins ein: Foto: imago

Der Autor meldet sich nach elf Jahren Pause mit seinem neuen Roman »Hier bin ich« zurück

von Daniel Killy  14.11.2016 18:44 Uhr

Es ist ein Buch über Menschen, die danach streben, bereit zu sein» – das sagt Jonathan Foer selbst über sein monumentales Werk Here I Am (Hier bin ich), als er gebeten wird, das 688-Seiten-Opus in einem Satz zu beschreiben. Man könnte auch sagen, es ist ein Buch über das Zerfallen von Welten – im Großen die Vernichtung Israels durch Natur- und Kriegskatastrophen und im Kleinen die Welt von Jacob und Julia Bloch durch die Zerrüttung ihrer Ehe. Die Blochs und der Nahe Osten, sie beide kollabieren – und der Leser fragt sich atemlos, was nun das größere Elend ist.

Elf Jahre hat Bestsellerautor Jonathan Safran Foer, 1977 geboren und Dozent für Kreatives Schreiben an der New York University, an seinem neuen Roman gearbeitet. Zwischendurch hat er mal eben eine zeitgemäße Fassung der Haggada veröffentlicht, die New American Haggadah. Foer schreckt also nicht zurück vor gigantischen Aufgaben, wie auch der Titel von Hier bin ich illustriert.

Einerseits sendet er selbstbewusst das Signal aus: «Hier ist etwas Neues von mir, liebe Leser, lieber Buchmarkt. Schaut her, ich bin nach elf Jahren ohne Roman wieder zurück!» Andererseits spielt der Bibel- und Talmud-Tora-feste Foer natürlich auch auf Gottes Dialog im 1. Buch Mose mit Abraham an, als er ihn anrief «Abraham», und der antwortet: «Hineni, hier bin ich.» Und Gott sagt: «Nimm deinen Sohn, den du liebst, Isaak, und bring ihn hierauf, um ihn zu opfern.»

eindrucksvoll Dieses Hineni, das Urvertrauen schlechthin, ist etwas Ur-Jüdisches, wie gerade auch eindrucksvoll der jüngst verstorbene Leonard Cohen in seinem musikalischen Nachlass You Want It Darker hinterlegt hat. «Ich bin bereit, mein Gott», was auch immer kommen mag. Cohens selbst geschriebener Nekrolog, mit all seinen ironischen und sarkastischen Brüchen und dem dennoch immer wiederkehrenden, final-Versöhnlichen «Hineni» ist sozusagen die akustische Zusammenfassung von Foers neuem Werk, das nicht weniger als eine Tour d’horizon durch die Wirrungen des jüdischen Bewusstseins ist.

Hier bin ich ist Foers dritter Roman, und man mag sich nicht entscheiden, welche der aus den Fugen geratenen Welten denn nun dramatischer ist – alles, was die verlässlichen Pole in den Stürmen des Lebens für die jüdische Familie Bloch auszumachen schien, zerfällt. Israel, die Ehe und der misanthropische Großvater von Jacob, der sich nicht entscheiden mag zwischen Suizid und Seniorenheim.

Akribisch seziert Bloch die Ursachen des Bruchs zwischen seiner Frau und ihm nach 16 Ehejahren. Jacob, eigentlich ein sehr erfolgreicher Schriftsteller, der jetzt aber fürs Fernsehen schreibt, und Julia, Architektin, leben mit ihren drei Söhnen in Washington D.C. Zu Beginn des Romans ist das Schicksal ihrer Ehe noch offen – genauso wie das von Opa Isaac, einem Schoa-Überlebenden.

Auslöschung Als Israel von einem fürchterlichen Erdbeben erschüttert wird, dem Chaos, Krieg und Cholera folgen, hängt auch das Schicksal des Gelobten Landes am seidenen Faden, da die arabischen Staaten die Situation zur Auslöschung des Judenstaates nutzen wollen. Vor dem Hintergrund der Barmizwa und der Pubertät von Blochs ältestem Sohn Sam entwirft Foer parallel dazu ein Panorama von Mikro- und Makrokosmen und erforscht quasi nebenbei das durchaus zwiespältige Verhältnis vieler amerikanischer Juden zu Israel.

Das ist sprachgewaltig und sehr häufig auch schlicht meisterhaft. Dem gewaltigen Wortwitz allerdings, Foers Spiel mit Sprache, das aus dem «Doorstop», dem dicken «Schinken», mit dem man Türen offen halten kann, einen «Pageturner» macht, ein Buch, das man atemlos, Seite um Seite verschlingt – dem begegnet man leider nur im amerikanischen Original.

Zudem kommt die Übersetzung gänzlich unvertraut mit jüdischen Dingen daher. Das ist traurig und ärgerlich zugleich, weil sie die Wucht des Originals verwässert und verfälscht. Und wenn dann der Übersetzer keinerlei Gespür für die ironischen Brechungen des jüdischen Subtexts zu entwickeln imstande ist, bleibt größtenteils nur der «Doorstop» übrig.

Das ist besonders bedauerlich, da Kiepenheuer & Witsch auf dem Buchdeckel mit einem Zitat der «New York Times» wirbt, sobald man das Buch weglege, «bettelt es darum, wieder in die Hand genommen zu werden». So ungelenk übersetzt wie diese Werbung ist die ganze deutsche Fassung – und so zutreffend ist das Lob der New York Times: «Once put down it begs, like a puppy, to be picked back up.» Unwiderstehlich wie ein Welpe barmt das Buch im Originalzitat der Times darum, dass sich der Leser ihm wieder zuwende – schon die Werbung auf dem Bucheinband impliziert also das Scheitern der Übersetzung – obwohl dafür freilich nicht der Übersetzer haftbar zu machen ist.

Unterschiede Hierfür aber dann doch: «At the center of the table, impossibly dense kugels bent light and time around them.» Daraus wird in der deutschen Übersetzung: «Und die mitten auf dem Tisch stehenden, unfassbar gehaltvollen Kugels schienen von Licht und von Zeit umschlossen zu sein.» Welch ein Unterschied in Duktus und Sprachmelodie. Allein das erschlägt die ganze ironische Poesie von Jonathan Safran Foers Original.

Wer also wirklich Freude am Foerschen Meisterwerk haben möchte – und ein Meisterwerk ist es –, dem sei dringend die Originalausgabe empfohlen. Wer auf die deutsche Ausgabe angewiesen ist, möge sich alles, was er liest, mindestens doppelt so gut formuliert vorstellen.

Jonathan Safran Foer: «Hier bin ich». Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 688 S., 26 €

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020