Interview

»Er war Kosmopolit«

Inszenierung der Oper »Le Prophète« von Giacomo Meyerbeer an der Deutschen Oper Berlin (2017) Foto: picture alliance / Eventpress Hoensch

Giacomo Meyerbeer (1791–1864), geboren als Jakob Liebmann Meyer Beer in Tasdorf (Mark Brandenburg), ist weltweit vor allem als Komponist der Grand opéra bekannt. Doch sein Werk umfasst vieles mehr und ist in Teilen immer noch verschollen. Mit der Gründung der Giacomo-Meyerbeer-Gesellschaft im Rahmen eines Festakts in der Deutschen Oper Berlin soll nun damit begonnen werden, die komplexe Bedeutung von Meyerbeer einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Denn Meyerbeer komponierte unter anderem auch Lieder für weltliche und religiöse Anlässe und war lange Zeit Generalmusikdirektor in Berlin. Zu seiner Zeit bestens vernetzt, tat er viel für den musikalischen Nachwuchs seiner Zeit. Auch seine Familie setzte Maßstäbe im Kontext der musikalischen Salonkultur des historischen Berlins, vergleichbar mit der der Familie Mendelssohn-Bartholdy. Wir haben mit Thomas Kliche, dem Vorsitzenden der neuen Giacomo-Meyerbeer-Gesellschaft, gesprochen.

Herr Kliche, am 5. September wird die Giacomo-Meyerbeer-Gesellschaft gegründet. Wie ist die Idee entstanden?
Ich habe 2008 angefangen, mich mit Leben und Werk Meyerbeers zu beschäftigen, hatte damals auch schon einen Vorstoß gemacht, dass zumindest am Haus Pariser Platz 6a, wo er seine letzte Wohnung hatte, eine Gedenktafel angebracht werden sollte; ich hatte auch Kontakt mit dem damaligen Kulturstaatssekretär André Schmitz, der hat sich darum bemüht. Aber dann kam erst mal die Nachricht, der Hausbesitzer würde sich weigern, dort eine Gedenktafel anzubringen. Inzwischen ist eine Gedenktafel im Hof angebracht worden, was eigentlich lächerlich ist. Wenn man nicht weiß, wo das ist, findet man das nicht. Das ist für mich immer noch ein Skandal, dass Meyerbeer hier in Berlin noch nicht die Würdigung erfahren hat, die ihm eigentlich zusteht. 2014 hat die Deutsche Oper Berlin mit einem Meyerbeer-Zyklus begonnen. Im letzten Jahr, 2020, gab es wieder einen Zyklus mit Meyerbeer-Aufführungen in der Deutschen Oper Berlin, da sah ich plötzlich diese ganzen Bücher stapelweise liegen, und mein erster Gedanke war: »Wird hier Meyerbeer rausgeschmissen?!« Das war der Auslöser: Jetzt muss hier etwas geschehen. Dann habe ich mich sachkundig gemacht, und siehe da: Es gibt oder es gab bis dato noch überhaupt keine Meyerbeer-Gesellschaft weltweit.

Wie erklären Sie sich das?
Bis heute leidet Meyerbeer – gerade was die Rezeption seiner Musik angeht – unter dem furchtbaren Schaden, die ihm ein Richard Wagner oder die Schumanns angetan haben mit ihren Rezensionen. Besonders in der Nazizeit wurde die Musik und auch die Persönlichkeit Meyerbeers auf das Unsäglichste verunglimpft, der Höhepunkt war 1944 das Buch von Karl Blessinger »Judentum und Musik«, da geht es um Mendelssohn, Mahler und Meyerbeer, es ist furchtbar, was dort zu lesen ist und was sich auch in den Köpfen manifestiert hat. Es ist immer noch erschreckend, festzustellen, was uns die Nazis alles an Kulturgut genommen haben. Die Argumente, die ein Wagner oder ein Robert Schumann gegen Meyerbeer positionierten, wurden eins zu eins von den Nazis übernommen. Das hat Nachwirkungen gehabt bis auch nach dem Krieg. »Meyerbeer – war das ein Deutscher?! War das ein Franzose?!« Nein, Meyerbeer war ein Kosmopolit, er war ein großer Europäer, und er war ein religiöser Freigeist. Argumentationen wie: »Der Jude kann ja nur nachahmen, imitieren, er kann nichts eigenes Schöpferisches aus sich hervorbringen!« bringen mich zur Weißglut, wenn ich das nur lese und auch höre. So war dann der Entschluss: Jetzt muss hier was passieren. Meyerbeer ist ein Berliner, in Berlin gibt es noch nicht mal ein würdiges Denkmal für Meyerbeer. Er war ein Kind dieser Stadt, er war Preußischer Generalmusikdirektor, er war der einzige Komponist von Weltruhm, denn die Opern wurden von Schanghai bis New York aufgeführt. Wir müssen Meyerbeer wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit bringen, aber nicht nur Meyerbeer.

Was noch?
Es geht um seine Familie, es geht um seine jüdische Identität, es geht um die große Reputation, die die Familie ihrerseits hatte. Ich denke nur an den Salon seiner Mutter Amalie Beer, er war neben dem Salon der Mendelssohns der bedeutendste Salon in Berlin. Alle durchreisenden Künstler – Liszt, Paganini, Spohr, Clementi, Carl Maria von Weber, die Catalani, Viardot-García – waren in diesem Haus. Das Ehepaar Beer – Amalie und Jacob Herz Beer – waren Mäzene. Jacob Herz Beer hat das Luisenstift mitbegründet, war Mitbegründer des Königstädtischen Theaters; Amalie Beer war schon zu Lebzeiten eine Legende der Wohltätigkeit. Immer am Geburtstag des Königs fand ein großes Essen im Hause Beer statt, wo Kriegsversehrte und Blinde eingeladen wurden, und sie war die Charity-Lady von Berlin. Giacomos Bruder Wilhelm Beer fertigte die erste gründliche Karte des Mondes an; als die NASA ihre erste Mondlandung machte, griff man auf diese Karte zurück. Der jüngste Bruder, Michael Beer, setzte sich literarisch für die jüdische Emanzipation ein in dem Theaterstück »Der Paria«, das sogar von Goethe sehr geschätzt wurde. Es ist ein unglaubliches Feld, was da abzudecken ist, denn wir wollen uns nicht nur auf die Musik Meyerbeers fokussieren – da ist noch vieles unentdeckt –, sondern auch auf alles, was mit seiner jüdischen Identität im Zusammenhang steht.

Was hat Meyerbeer den Menschen des 21. Jahrhunderts mitzuteilen?
Das religiöse Moment durchzieht das ganze Werk Meyerbeers. In »Robert le diable« sind es die dämonischen, unwirklichen Kräfte; in den »Hugenotten« religiöser Hass – Protestanten gegen Katholiken. Eine höhergestellte Person, es wird wahrscheinlich Friedrich Wilhelm III. gewesen sein, sagte, er geht doch nicht in eine Oper, wo sich Katholiken und Protestanten die Hälse durchschneiden, und der Jude komponiert die Musik dazu. Religiöser Fanatismus steigert sich dann auch noch mehr in »Le prophète« – das ist ganz aktuell, die falschen Propheten, die Heilsversprecher, die Heilsverkünder, die selbst Wasser predigen und Wein trinken, und er deckt da diese ganzen Widersprüche auf zwischen Schein und Sein; oder auch in seiner letzten Oper »Vasco da Gama«, die bis vor Kurzem noch unter »L’Africaine« lief, geht es um Zwangstaufen. Dieses religiöse Moment ist bei Meyerbeer immer gegeben, abgesehen von seinen wunderbaren, religiösen Kompositionen. Also ein sehr facettenreiches Œuvre, es sind ja nicht nur die 15 vollendeten Opern. Es gibt Opernfragmente, ein Oratorium, Kantaten und so weiter. Es ist ganz vieles, was Meyerbeer komponiert hat und was jetzt auch nach und nach neu entdeckt und wieder ausgegraben wird.

Und Sie beginnen Ihr Anliegen nun mit einer neuen CD »Meyerbeer: vocal« der Berliner Sopranistin Andrea Chudak, die sie zeitgleich zur offiziellen Eröffnung der GMG veröffentlicht. Die CD enthält mehrere seit 200 Jahren niemals aufgeführte religiöse Kompositionen Meyerbeers …
Das hätte Meyerbeer auch sehr gefallen, eine internationale Zusammenarbeit mit Meyerbeer-Forschern aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Israel. Wir haben Material aus Archiven, ich habe aus meiner Sammlung etwas gegeben. Auf dieser Doppel-CD sind 21 Weltersteinspielungen. Der 5. September ist natürlich ein perfektes Datum, da wird die CD erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, denn an diesem Tag feiern wir den 230. Geburtstag des Meisters.

Mit dem Vorsitzenden der Giacomo-Meyerbeer-Gesellschaft sprach David Dambitsch.

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