Ayala Goldmann

Endlösung inklusiv

Ayala Goldmann, Redakteurin der »Jüdischen Allgemeinen« Foto: Marco Limberg

Inklusiver geht es kaum. Die neue Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz, die am Sonntag für Besucher öffnet – am 20. Januar, 78 Jahre nach der Tagung in der Villa zum Massenmord an den Juden Europas –, ist geeignet für Blinde, Hörgeschädigte und Rollstuhlfahrer. Das neue Konzept richtet sich an Schüler, an Menschen mit Lerneinschränkungen, an verschiedene Berufsgruppen, kurz: ein »Mehrwert für alle«, »eine inklusive Ausstellung im ›Design für alle‹«.

Dass die Ausstellung auch inhaltlich Neues bietet – wie etwa die Auseinandersetzung mit der Nachkriegsrezeption des Hauses –, ging bei der Pressekonferenz am Donnerstag eher unter. Denn in der Ausstellung fiel eine »Partizipationsstation«  in Form eines elektronischen Schaukastens auf, in der es im Zusammenhang mit dem Verbot für Juden in den 30er-Jahren, Schwimmbäder zu betreten, hieß: »Im Sommer 2016 werden an einigen öffentlichen Schwimmbädern Schilder aufgestellt, mit dem Hinweis, dass junge männliche Geflüchtete diese Bäder nicht alleine besuchen dürfen. Damit reagieren die Gemeinden auf die verbreitete Unterstellung, dass Geflüchtete häufig deutsche Frauen belästigen würden.«

Plakat Das in der Station beschriebene Plakat wurde nicht präsentiert. Wer weiter klickte, konnte den folgenden Text lesen: »Es ist ein heißer Sommertag (…) Vor dem Eingang steht das Plakat, das jungen männlichen Geflüchteten den Zutritt verwehrt. Kann man das Verhalten derjenigen, die in dieses Schwimmbad gehen, vergleichen mit dem der Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus das Freibad am Wannsee betreten haben?«

Nein, es handele sich nicht um einen Vergleich, betonte die Leiterin der Bildungsabteilung, Elke Gryglewski. Warum wurde die Parallele dann überhaupt gezogen? Um eine weitere Minderheit miteinzubeziehen, junge männliche Geflüchtete oder muslimische Besucherinnen? Dass die Gedenkstätte auf die Kritik an dem deplatzierten Schaukasten reagierte und zwei Stunden nach Ende der Pressekonferenz mitteilten, die Station nicht in Betrieb nehmen zu wollen, ist immerhin etwas. Doch wichtige Fragen bleiben offen.

Die Wannsee-Villa ist eine einzigartige Gedenkstätte, ein historischer Täterort.

Mit Zeitzeugengeschichten, mit Audio- und Videostationen soll stärker an die Gefühle der Besucher appelliert werden. Dagegen spricht prinzipiell nichts. Allerdings gibt es andere Gedenkstätten in Mahnmale in Berlin – wie etwa das Holocaust-Mahnmal –, in dem die Opfer ausführlich gewürdigt werden.  Dass »die Betroffenen Menschen waren« und deshalb im Haus der Wannsee-Konferenz in den Worten von Elke Gryglewski nicht als »Juden«, sondern als Juden, Jüdinnen und Kinder bezeichnet werden sollen, wirkt da leider unfreiwillig komisch.

Die Wannsee-Villa ist eine einzigartige Gedenkstätte, ein historischer Täterort. Es ist, wie Direktor Hans-Christian Jasch betonte, eine der größten Holocaust-Bibliotheken Europas mit 80.000 Medieneinheiten. Wenige Orte eignen sich so gut wie die Villa am Wannsee, um zu vermitteln, wie die Organisation eines singulären Verbrechens, der schlimmste Völkermord in der Geschichte der Menschheit, von den Tätern gehandhabt wurde – bei einer »Besprechung mit anschließendem Frühstück«.

Warum stellt das Haus der Wannsee-Konferenz beim Vermarkten einer neuen Dauerausstellung nicht sein Kernanliegen in den Vordergrund? Und damit meine ich weder gendergerechte Sprache noch ein Leitsystem für Blinde.

Gaza-Krieg

Der falsche Genozidvorwurf

Der US-Historiker Jeffrey Herf widerspricht seinem viel zitierten israelischen Kollegen Omer Bartov. Eine Klarstellung

von Jeffrey Herf  16.09.2026

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026

New York

Jetzt äußert sich Ed Sheeran zum Macklemore-Aus

Wegen israelfeindlichen Aussagen wurde US-Rapper Macklemore von Sheerans Tour ausgeschlossen. Nun schildert der Popstar seine Sicht der Dinge

 16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Kino

»David« - Familienfreundliches Musical nach Motiven aus der Bibel

Ein kleiner Junge besiegt einen furchteinflößenden Riesen mit der Steinschleuder. Die Geschichte von David und Goliath kennen auch viele, die sonst nicht so bibelfest sind. Und sie bietet viel Stoff für eine Verfilmung

von Martin Ostermann  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Dearborn

Henry Fords antisemitische Vergangenheit in Ausstellung behandelt

Im nächsten Jahr öffnet Fair Lane, das frühere Anwesen von Henry Ford, wieder für Besucher. Die Einrichtung stellt sich nun einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026

TV-Tipp

Sehenswertes Doku-Historiendrama über 900 jüdische Flüchtlinge

HR zeigt »Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis«

von Jan Lehr  15.09.2026