Schulferien

Endlich Urlaub!

Einfach nur da sitzen – doch die Sache mit dem Urlaub ist kompliziert geworden. Foto: Thinkstock

Noch ein paar Wochen, und wir haben auch in Berlin Sommerferien! In Niedersachsen oder Bremen haben die Schulferien schon begonnen. Es ist zwar ein bisschen her, als ich noch Schülerin war, aber auch jetzt noch, wenn diese Zeit naht, werde ich von einer besonderen Stimmung erfasst.

Frei haben! Alles ist möglich, vor allem das Unmögliche! Ich werde ferne Länder bereisen, auf die höchsten Gipfel steigen, alle Bücher lesen, die mir die Zeitungen empfehlen, zwei neue Sprachen lernen und faul am Strand liegen. Das Glück wird mich von morgens bis abends küssen ...

Für mich als Internatskind waren früher die großen Ferien das Größte überhaupt. Da musste alles passieren, was im Laufe des Jahres nicht passiert ist. Also Freiheit, Liebe, Abenteuer. Das klappte leider nicht immer, weil es am Gardasee regnete oder die Eltern sich stritten, aber wenn es klappte, dann klappte es richtig. Der Kuss von dem jungen Kellner auf Elba, die Seeigel in den Fußsohlen, die Disco am Strand. Heute sagt man nicht mehr Disco, sagen meine Kinder, es sei mir verziehen!

langeweile Wie also sollen diese Ferien 2017 sein? Das Meer? Die Berge? Zur Sommerfrische aufs Land? Tauchen für den Abenteurer in mir? Städtereisen für die Bildung? Und die Kinder? Werden sie mit uns reisen? Wollen wir das überhaupt noch? Und wenn ja: Wie viele Freunde muss man mitnehmen, damit man sich in den sechs Wochen, die einen zusammen erwarten, nicht gegenseitig erschlägt? Brauchen sie Ruhe nach den Mühen der Schule und Universität, oder eher Sport, Spiel, Spannung? Aber eigentlich, habe ich gelesen, ist Langeweile das Wichtigste für Kinder. Und nicht nur für sie. Aber was liest man nicht alles!

Und ganz ehrlich: Sechs Wochen am Stück sind gar nicht drin, als Freiberufler muss ich zwischendurch arbeiten, sonst gibt’s keinen Herbst. Da müssen die Kinder halt ins Ferienlager! Am 4. Juli beginnt die Maccabiah in Israel, wäre das nicht ideal? Und kosten darf es auch nicht viel, denn die Steuer meldet sich immer kurz vor der Sommerfrische. Ich bin erschöpft schon vom Nachdenken.

Dabei, so steht es in den Reisebroschüren, sei es die schönste Zeit des Jahres. Jedenfalls ist die Sache mit dem Urlaub kompliziert geworden. Beliebte Reiseziele wurden Ziel brutaler Attentate. Blasse Touristen mussten ihr Leben lassen, nur weil sie mal in ihrem Jahresurlaub ihren Rücken brutzeln wollten. Mir war nicht klar, dass Badeurlaub per se schon Gotteslästerung für die Islamisten ist. Man lernt nie aus.

Andere Paradiese sind von Tsunamis, Erdrutschen und Regenkatastrophen dem Erdboden gleichgemacht worden. Das Ozonloch öffnet sich unerbittlich weiter. Und kann man sich in der Türkei am türkisen Meer entspannen, wenn Erdogan währenddessen seine Ermächtigung fortführt, die gesammelte Intelligenzija einsperrt? Schlecht, vermute ich.

touristenschwärme Auf der anderen Seite haben mich in den letzten Jahren die Touristenschwärme erschüttert, die, ausgespuckt von den Kreuzfahrtschiffen, Venedig oder Split für ein paar Stunden überschwemmen, ohne wirklich zu begreifen, wie wunderschön diese Orte eigentlich sind. Der Reisende zerstört, was er sucht, indem er es findet, hat der olle Enzensberger einmal gesagt. Werden wir, die Sommertouristen, dafür verantwortlich sein, wenn Venedig untergeht?

Alles schrecklich, alles kompliziert, aber die Sommerferien nahen, was tun? Die großen Ferien sind eine Zumutung, völlig unmöglich, da etwas richtig zu machen. Natürlich sind es Luxussorgen der Extraklasse. Die Geflüchteten, die gerade mal so Lampedusa erreicht haben, machen sich wenig Gedanken darüber, ob das Wetter hält oder die sizilianische Stadtverwaltung genug Papierkörbe am Strand aufgestellt hat.

Also Schluss jetzt mit dem Überangebot für Städter. Wir gehen allesamt zur Weinlese nach Baden-Württemberg und helfen den armen Bauern gegen ein symbolisches Entgelt. Vielmehr zahlen wir ihnen, damit wir sinnvoll an der frischen Luft sein können.

maccabiah Mein Sohn Sammy zählt schon seit Anfang März die Wochen. Er will an der Maccabiah teilnehmen, den Führerschein machen, aber vor allem nichts tun, die Horizontale gebührend genießen. Gestern ist er auf mich zugekommen und meinte schelmisch: »Mamma, lass ma hier bleiben. Bisschen Fahrrad fahren, gut essen und entspannt miteinander reden. Hama lange nicht mehr gemacht, war ja immer so viel los!«

Ich habe sofort eingewilligt. Habe aus dem Fenster geschaut und wieder einmal festgestellt, wie privilegiert wir leben. Wie wunderschön die Wolken ziehen, und wie lecker die neuen Kirschen schmecken. Wir werden hier bleiben und die Sommerferien gelassen auf uns zukommen lassen. Vielleicht fahren wir doch noch plötzlich los. Ich habe gehört, auf den Azoren soll es wunderschön sein.

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihr »Das Meer und ich waren im besten Alter« (Köln 2017).

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  18.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026

Sachbuch

Pageturner zum Nahostkonflikt

Hamza Abu Howidys Erstlingswerk »Muscheln am Strand von Gaza« erzählt von einer Jugend unter der Terrorherrschaft der Hamas

von Sabine Brandes  17.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  17.05.2026

Das hebräische Alphabet übersetzt in Magnetbuchstaben.

Glosse

Der Rest der Welt

Urlaub in Italien oder Warum ich überall Hebräisch höre

von Nicole Dreyfus  17.05.2026

Kulturkolumne

Meine halbierte Bibliothek

Ein Umzug steht an. Warum Uwe Johnson bleibt und Günter Grass rausfliegt

von Maria Ossowski  17.05.2026

Wien

14 Aktivisten bei Anti-Israel-Demo festgenommen

Vor Beginn des ESC-Finales gab es mehrere Demonstrationen gegen Israels Teilnahme

 17.05.2026

Meinung

Ein Mutmacher in trüben Zeiten

Die Abstimmung für Noam Bettan beim Eurovision Song Contest zeigt, dass sich die Bürger nicht so einfach von israelfeindlicher Propaganda beeinflussen lassen

von Daniel Killy  17.05.2026

Eurovision Song Contest

Als die Zuschauer abstimmten, rutschte Israel deutlich nach oben

Das Zuschauervoting mit einer Abstimmung für Israels Ansehen zu verwechseln, wäre ein Fehler. Aber es sagt etwas über ESC-Fans

von Martin Krauss  17.05.2026