Medien

Ende einer Kolumne

Der Journalist Harald Martenstein (68) Foto: picture alliance / Frank May

Medien

Ende einer Kolumne

Wegen nachträglicher Bedenken löschte der »Tagesspiegel« einen Text von Harald Martenstein über »Judensterne« bei Corona-Demos aus dem Online-Angebot

von Ayala Goldmann  24.02.2022 06:43 Uhr

Nachdem die Chefredaktion des Berliner »Tagesspiegel« eine Kolumne von Harald Martenstein aus der Online-Ausgabe entfernen ließ, in der es unter anderem um »Judensterne« bei Corona-Demonstrationen ging, hat der Autor seine Mitarbeit bei der Zeitung aufgekündigt. In Martensteins Text vom 6. Februar, der auf der Website des Autors noch zu lesen ist, heißt es: »Der Judenstern (…) soll seine modernen Träger zum absolut Guten machen, zum totalen Opfer. Er ist immer eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung, er ist für die Überlebenden schwer auszuhalten. Aber eines ist er sicher nicht: antisemitisch.«

Die Chefredaktion des »Tagesspiegel« teilte der Jüdischen Allgemeinen am Dienstag mit, die Kolumne habe aus Sicht der Chefredaktion »im zentralen Punkt nicht den Kriterien entsprochen, an denen wir uns orientieren«.

BEGRÜNDUNG Weiter hieß es: »Zur Behauptung, dass das Tragen von ›Judensternen‹ mit dem Aufdruck ›ungeimpft‹ (Zitat aus dem Text) ›eins sicher nicht‹ sei, nämlich ›antisemitisch‹, wird in dem Text als Begründung angeführt: ›Die Träger identifizieren sich ja mit den verfolgten Juden.‹ Angesichts der tatsächlichen Umstände auf den im Text genannten Demonstrationen, über die unsere Reporter regelmäßig berichten und auf denen sie von Personen verunglimpft und angegriffen werden, die dem antisemitischen Lager zuzuordnen sind, halten wir diese Behauptungen, ohne sie zu belegen oder in einen wissenschaftlichen Kontext über die Frage antisemitischen Verhaltens zu stellen, für nicht angemessen.«

Zudem sei auch die Tatsache nicht berücksichtigt worden, »dass solche ›Judensterne‹ mit dem Aufdruck ›ungeimpft‹ online von einem bekannten Neonazi vertrieben werden«. Mit einbezogen worden in die Entscheidung der Chef­redaktion seien Reaktionen von Angehörigen von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus: »Wir sind zu der Auffassung gelangt, dass eine Diskussion über die Frage, ob es sich hier um Antisemitismus handelt, zwar durchaus ernsthaft geführt werden kann und dass es hierzu auch unterschiedliche Auffassungen gibt.« Allerdings sei die verknappte Behauptung in einer Glosse dazu »eine ungeeignete Form, die die Gefühle von Menschen verletzen kann und tatsächlich ja auch verletzt hat«.

KRITIK Zur Entscheidung des »Tagesspiegel« schrieb Alan Posener in der »Welt«: »Gelöscht, wie in Orwells 1984 – so wird die freie Diskussion bedroht«. Er kritisierte zwar, Martenstein sei das Problem seines Themas nicht klar, stellte aber fest: »Glossen, die Graubereiche, Missverständnisse, Provokationen und Emotionen vermeiden, sind keine Glossen mehr.« In der FAZ hieß es: »Andere Möglichkeiten zur Distanzierung ließ die Redaktion ungenutzt, wie den Hinweis, man mache sich die Meinung nicht zu eigen, oder eine publizistische Gegenthese.«

In seiner letzten Kolumne im »Tagesspiegel« schrieb Martenstein am 20. Februar: »Leute, die Judensterne benutzen, um sich zu Opfern zu stilisieren, sind dumm und geschichtsvergessen. Leute, die auf ihren Demos zur Vernichtung Israels aufrufen, sind etwas gefährlicher. Ich habe meine Meinung nicht geändert. Vielleicht irre ich. Wo man glaubt, nur man selbst sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz.«

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026