Epidemie

Einsatz in Westafrika

Kennt jeden Krankheitserreger mit Namen: Leslie Lobel in seinem Labor Foto: Ben-Gurion University of the Negev

Mehr als 1000 Tote, doppelt so viele Infizierte, Notstand in Guinea, Sierra Leone und Liberia – seit März breitet sich Ebola in Westafrika ungebremst aus. Internationale Hilfsmaßnahmen versanden zwischen Skepsis, Panik und Chaos, berichten Mediziner vor Ort. Während die WHO ein Soforthilfsprogramm in Millionenhöhe auf den Weg bringt, sagen Experten im Kampf gegen die Epidemie inzwischen »eher einen Marathon als einen Sprint« voraus.

So gesehen ist Leslie Lobel ein Marathonläufer. Seit zwölf Jahren erforscht der Arzt und Virologe von der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva das Ebola-Virus samt möglicher Gegenmittel. Mittlerweile gehört der Israeli weltweit zu den führenden Ebola-Experten. Ausgebildet an der Columbia University in New York machte der Wissenschaftler im Jahr 2002 mit seiner Familie Alija. Seitdem widmet er sich ausschließlich der Ebola-Forschung. »Ebola ist eine sehr ernste Krankheit. Nicht auszudenken, was das Virus als Biowaffe anrichten könnte«, begründet er seine Motivation.

Lobels Ziel ist ein Impfstoff gegen Ebola. Doch in Israel selbst gibt es kein hermetisch abgeriegeltes Labor – eine Grundvoraussetzung für die Arbeit mit dem tödlichen Virus. »Solche Labore sind sehr teuer. Hinzu kommt im Nahen Osten der Sicherheitsaspekt. Hier mit Ebola zu arbeiten, ist schlichtweg unmöglich«, so der Forscher.

Uganda Seit mehr als zehn Jahren reist Lobel daher regelmäßig nach Uganda, meist fünfmal im Jahr. Mittlerweile verbringen der Wissenschaftler und sein Team aus Beer Sheva mehr Zeit in Ostafrika mit Ebola-Überlebenden als daheim in der Negevwüste. Unterstützt werden sie dabei vom US-Militär sowie dem Uganda Virus Research Institute. Mit deren finanzieller und logistischer Hilfe ist es Lobel derweil gelungen, wirksame Moleküle, sogenannte »monoklonale Antikörper«, gegen Ebola zu entwickeln.

Seine Methoden sind einzigartig: In einem langfristig angelegten Forschungsprojekt untersuchte der Virologe bislang das Immunsystem von mehr als 120 gesunden Patienten, die in den vergangenen Jahren Ebola-Ausbrüche überlebten. Mithilfe der entnommenen Blutproben entwickelt Lobel nun ein Serum aus Antikörpern, das sich derzeit noch in der Testphase befindet.

Vor allem das Vertrauen der Menschen vor Ort sei ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, so der Virenforscher. »Es hat lange gedauert, ihr Vertrauen zu gewinnen.« Lobel verbringt deshalb viel Zeit mit jedem einzelnen Ebola-Überlebenden. Sich selbst schützt er mit Antibiotika und Anti-Malaria-Tabletten, doch Gesicht und Hände lässt er bei seinen regelmäßigen Besuchen unbedeckt. »In Uganda gelten Überlebende einer Krankheit als verflucht. Viele von ihnen haben wegen der Krankheit ihre Jobs verloren. Mit meinen Besuchen kann ich ihnen vielleicht auch ein Stück ihrer gesellschaftlichen Würde zurückgeben«, hofft der Mediziner.

Die jahrelange Arbeit mit Ebola-Überlebenden hat Lobel seinem Ziel nähergebracht. Dennoch, eine Lösung warte nicht »an der nächsten Straßenecke«. Noch drei bis fünf Jahre seien er und sein Forschungsteam von einem marktfähigen »Cocktail« entfernt, der sowohl Immunschutz als auch Therapie bieten könne.

Ausbruch Während Lobel in Uganda optimistisch in die Zukunft blickt, ist der Kampf der Mediziner gegen das aktuelle tödliche Virus ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn die Todesrate von Ebola liegt bei 90 Prozent. Die Symptome sind grippeartig und beginnen meist mit Fieber, Durchfall und Übelkeit. Die Ansteckungsgefahr durch Körperflüssigkeiten ist nach wie vor hoch – trotz angekündigter Gegenmaßnahmen der Behörden.

»Es ist der schlimmste Ebola-Ausbruch seit vielen Jahren. Das Virus verbreitet sich rasend schnell. Ganze Dörfer hat es schon ausgelöscht«, beschreibt Eyal Reinich seine Beobachtungen als Arzt. Wie Lobel hat auch er in den vergangenen zwölf Jahren in Ebola-Gebieten gearbeitet, im Gegensatz zu seinem Kollegen aus dem Negev jedoch mit kranken Patienten.

Reinich ist seit Mai für die Schweizer Sektion der »Ärzte ohne Grenzen« im Grenzgebiet zwischen Guinea, Sierra Leone und Liberia unterwegs, genau der Region, wo die Epidemie ihren Ausgang nahm. Laut seiner Einschätzung ist Ebola längst außer Kontrolle geraten. »Die Grenzen sind nach wie vor weit geöffnet, trotz Krisentreffen der betroffenen afrikanischen Staaten. Ebola kann sich nach wie vor ungehindert ausbreiten«, sagt Reinich.

Hinzu kämen Misstrauen und tiefsitzende Vorurteile gegenüber den westlichen Helfern in ihren Schutzanzügen. »Ich bin in einer Stammesregion unterwegs. Mancherorts werfen die Menschen Speere und Macheten nach uns, damit wir fernbleiben. Manche wollen gar keinen Kontakt mit Weißen, andere denken, wir verbreiten die Krankheit. Leichen liegen einfach auf den Straßen. Viele Menschen sind auf der Flucht wie im Bürgerkrieg. So begegnen wir dem Virus an immer neuen unbekannten Orten«, berichtet der israelische Arzt.

Notfall Trotz dieser düsteren Aussichten hält Ebola-Forscher Lobel die »Ebola-Hysterie im Westen« für übertrieben. Denn anders als die betroffenen afrikanischen Staaten hätten westliche Länder, darunter auch Israel, im Notfall umfangreiche medizinische Versorgungsmöglichkeiten.

Dennoch sei Ebola nur »die Spitze des Eisbergs«, warnt der Virenforscher. Zunehmende Nachlässigkeit beim Impfverhalten, größere Virenresistenz sowie genetische Veränderungen – viele ernste Krankheiten hält Lobel für »hausgemacht«. Dabei seien Forschungsfelder wie Virologie, Bakteriologie und Parasitologie lange unterschätzt worden – denn das Ebola-Geschäft sei aufgrund seiner regionalen Begrenztheit nicht gerade profitabel, kritisiert der Wissenschaftler die Pharmaindustrie.

Lobel geht davon aus, dass Ebola auch diesmal regional begrenzt bleibt. Dennoch hofft er, dass die aktuelle Epidemie ein Weckruf ist. Denn wie der Molekularbiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg sagte: »Viren sind die einzigen Rivalen um die Herrschaft über unseren Planeten.«

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Plotkes

Liest Britney Spears jetzt auf Hebräisch?

Die Sängerin veröffentlichte ein Foto eines hebräischen Psalmenbuchs auf ihrem Instagramkanal. Spears interessiert sich seit Jahren für jüdische Mystik

 02.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert