Guy Stern

Einer der letzten »Ritchie Boys«

»Ich schaue nach vorn und hoffe, dass die Welt etwas gelernt hat«: Guy Stern in der D-Day-Gedenkstätte in Sainte-Mère-Église Foto: Judith Hyams

Günther Stern aus Hildesheim ist 15 Jahre alt, als er 1937 in die Vereinigten Staaten kommt. Jahrzehnte später, inzwischen bereits ein renommierter Germanist namens Guy Stern, entdeckt er, wem er diese Rettung auch verdankt: jenem Konsul in Hamburg, der – anders als viele seiner damaligen Kollegen – zum Glück kein Antisemit und Roosevelt-Hasser gewesen war.

VISUM Das Visum, das Sterns Leben rettet und ihn via New York nach St. Louis zu seinem Onkel und dessen Frau bringt, rettet indessen nur das eigene Leben. Die Eltern, Großeltern und Geschwister werden den Holocaust nicht überleben; nach Kriegsbeginn gibt es eine letzte Nachricht aus Warschau, danach verlieren sich die Spuren.

Zuvor aber hatte der Vater noch dafür gesorgt, dass der Sohn beizeiten gutes Englisch erlernt. In der Schule nach 1933 als Jude diskriminiert, war für den jungen Günther ein privater Tutor gefunden worden. Es sind existenzielle Erfahrungen wie diese, die aus Guy Stern jenen illusionslosen und gleichzeitig erz-sympathischen Universitäts-Intellektuellen gemacht haben, auf den Hans Sahls schönes Diktum nahezu perfekt zutrifft: »Gescheit sein und gütig, und nie das eine ohne das andere.«

Eine menschenfreundliche Gewitztheit, die ihm nach der Ankunft in den Vereinigten Staaten als Café-Kellner ebenso half wie kurz darauf als Redakteur einer Schülerzeitung, der bei einer Lesung Thomas Manns mit konzisen Fragen für ein paar Momente sogar die herandrängenden amerikanischen Reporter aussticht. »In diesem Moment habe ich noch nicht ahnen können, dass ich Jahrzehnte später mit dem Lieblingsenkel von Thomas Mann, dem damals noch nicht geborenen Frido, in Verbindung stehen würde.«

MILITÄR Sterns soeben auf Deutsch erschienene Autobiografie trägt den Titel Wir sind nur noch wenige, doch bezieht sich dies auch auf seine ehemaligen Mitstreiter im Militär. Zuerst noch als Armee-Freiwilliger ob seines deutschen Akzents abgelehnt, wurde er nämlich zu einem jener »Ritchie Boys«, die im US-Camp Ritchie in Maryland eine Geheimausbildung für psychologische Kriegsführung und Gefangenen­befragung erhielten.

Darunter auch bereits prominente Autoren: Klaus Mann, Hans Habe, Stefan Heym. Letzteren, der zu dieser Zeit an seinem Weltkriegsroman Of Smiling Peace schrieb, erwähnt Stern sogar namentlich; eine besondere Nähe scheint sich jedoch nicht ergeben zu haben.

Dafür sind dann Sterns Schilderungen von der Landung in der Normandie von einer Intensität, die sich mit den vergleichbaren Szenen in Heyms Autobiografie Nachruf durchaus messen können.

EHRENLEGION Was er danach bei der Befragung hochrangiger nazideutscher Gefangener erfährt – und späterhin recherchiert über deren Freisprüche in der Bundesrepublik –, wie er mit Marlene Dietrich im Jeep unterwegs ist, mit dem legendären »Bronze Star« ausgezeichnet wird und schließlich 2017 sogar Aufnahme in die französische Ehrenlegion findet: Guy Stern erzählt von alldem eindringlich, ohne je ins Schwadronieren zu geraten.

Mitunter scheint er sich selbst zu wundern, was ihm alles gelungen ist – die Karriere an diversen US-Universitäten, das erfolgreiche Engagement für die Erforschung der deutschen Exilliteratur, der über Jahrzehnte gehaltene Kontakt zu seinen ehemaligen Studenten.

Dabei ist Stern jedoch viel zu modest und präzis, um sich als »modernen Hiob« zu bezeichnen: Die durch Zufall wiedergefundenen Cousins wiegen selbstverständlich den Verlust seiner Familie ebenso wenig auf wie seine überaus erfüllte Ehe den frühen Tod seines Sohnes.

EXIL-PEN Und doch ist Stern einer, der mit tapferem Lächeln just immer wieder dieses »Und doch« sagt. Nicht zuletzt in der Nachfolge des 2019 verstorbenen Günter Kunert als Präsident des ehemaligen Exil-PEN.

Heute setzt sich die Organisation als »PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland« unter der ermutigenden Ägide Guy Sterns stets für verfolgte ausländische Kollegen ein. Am 14. Januar wird Guy Stern 100 Jahre alt. In diesem Sinne: Happy Birthday, Mister President!

Der Autor ist Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland und arbeitet in dessen Menschenrechtskomitee »Writers in Prison« mit.

Guy Stern: »Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys«. Aus dem Amerikanischen von Susanna Piontek. Aufbau, Berlin 2022, 304 S., 23 €

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