Angelika Schrobsdorff

»Eine unerschütterliche Frau«

Tabulos, streitbar und unbestechlich. Eine persönliche Würdigung der Schriftstellerin und Zeitzeugin

von Maria Ossowski  02.08.2016 10:15 Uhr

»Ich bin nicht nach Berlin zurückgekommen, um hier zu leben, sondern um hier zu sterben«: Angelika Schrobsdorff (1927–2016) Foto: imago

Tabulos, streitbar und unbestechlich. Eine persönliche Würdigung der Schriftstellerin und Zeitzeugin

von Maria Ossowski  02.08.2016 10:15 Uhr

Ihr Gesicht: magisch schön. Ihre Romane: erschütternd unsentimental. Ihr Leben: ein ewiger Gegensatz. Eine Mélange aus Wildheit und Diskretion, Liebe und Hass, Schönheit und Verzweiflung, Jerusalem und Berlin, Heimatlosigkeit und Sehnsucht.

Also wollte ich sie 2013 treffen, wissen, wie sie wirkt, die große alte Dame, deren Literatur das deutsche Feuilleton nur allzu oft hochnäsig verachtet hat. Seit 2006 lebte Angelika Schrobsdorff sehr zurückgezogen im Berliner Stadtteil Halensee.

Nein, erklärte die Dame vom Verlag, Angelika Schrobsdorff gebe schon seit Jahren keine Interviews mehr.

Aber vielleicht möchte sie über Katzen sprechen, fragte ich.

Ja, lässt die damals 85‐Jährige ausrichten, über Katzen schon. Über Menschen nicht. Also besuchte ich sie in ihrer Wilmersdorfer Altbauwohnung. »Lanzmann‐Schrobsdorff« stand auf dem Klingelschild. Sie waren ein großes Liebespaar, der Pariser Intellektuelle und Filmemacher Claude Lanzmann und »die wohl schönste Frau ihrer Zeit«, wie Lanzmann Schrobsdorff in seinen Memoiren Der patagonische Hase 2009 beschrieben hat.

melancholisch In der Tat konnte das Alter dieser Schönheit nichts anhaben, die großen Augen blickten wach und melancholisch, das Haar war noch immer streng gescheitelt, eine weiße Bluse mit Lochstickerei betonte den dunklen Teint. Ich wusste, dass ihr Alter sie quälte, nicht nur wegen des Rollstuhls, auf den sie in ihrer Erdgeschosswohnung angewiesen war. Das Altern war für sie die größtmögliche Zumutung, eine erbarmungslose Gemeinheit. Lieber hätte sie die Jahre abgearbeitet bis hin zur Jugend, zu einer glücklichen Kindheit.

Schrobsdorff ist behütet aufgewachsen in großbürgerlichem Ambiente. Ihr Vater, ein preußischer Junker mit viel Immobilienbesitz im Berliner Westend, vergötterte sie. Ihre Mutter Else Kirschner aus dem aufgeklärten jüdischen Bürgertum liebte sie. Die Kindheit sei für sie Berlin gewesen, der Grunewald, das Westend und das Landgut am Peetzsee bei Berlin mit den vielen Tieren. Dennoch haben Ängste sie immer begleitet, vielleicht, weil die Ehe der Eltern bald zerbrach, vielleicht in Voraussicht dessen, was die Seele ihrer Mutter zerstörte und sie selbst zu einer ewig Heimatlosen machte.

Der Vater schickte Angelika mit ihrer Mutter und ihrer Halbschwester 1938 nach Sofia. In Bulgarien haben die drei Frauen den Holocaust überlebt. Angelika Schrobsdorffs Großeltern sind in Theresienstadt ermordet worden. 1947 ist sie nach Deutschland zurückgekehrt, hat einen Amerikaner geheiratet, ihren Mann bald verlassen, in München gelebt und begonnen, ihren Zauber auf Männer zu genießen.

Skandal Als 1961 ihr erster Roman Die Herren erscheint, gerät das Werk zum Skandal. Autobiografisch gefärbt wie all ihre Bücher, war die Kombination aus freigeistig gelebtem Eros und ihrer jüdischen Identität vor allem dem Bayerischen Kultusministerium suspekt. Das Buch durfte im Freistaat nicht verkauft werden.

1961 besuchte Schrobsdorff zum ersten Mal Israel. Sie, die den Begriff Heimat grauenvoll, unanständig und für sich selbst völlig unpassend fand, fühlte sich plötzlich zu Hause. Auch wenn sie selbst im jüdischen Staat an ihrer eigenen Herkunft zweifelte. »Was sollte ich denn sagen, als ich gefragt wurde? Dass ich ein deutscher Mischling ersten Grades bin? Das klingt doch abscheulich. Also sagte ich, ich sei Halbjüdin. Nein, schrien sie alle in Israel, das gibt es nicht. Also, wer bin ich?« 1983 zog sie endgültig um, aber nicht nach Israel, wie sie immer betonte, sondern nach Jerusalem.

Die Magie dieser Stadt, das Licht und die Menschen haben Angelika Schrobsdorff fortan begleitet. Mit bis zu 44 Katzen lebte sie in ihrer Wohnung nahe der Altstadt, die hätten sie weniger enttäuscht als Menschen. Es besuchten sie dennoch viele jüdische und palästinensische Freunde. Ihre Bücher Du bist nicht so wie andre Mütter oder Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem waren Bestseller und wurden in etliche Sprachen übersetzt.

In Jerusalem hat sie auch ihre große Liebe kennengelernt, den Dokumentarfilmer Claude Lanzmann. »Ich dachte, die Liebe auf den ersten Blick gibt es gar nicht«, erzählte Schrobsdorff. »An all den Quatsch glaub’ ich doch nicht. Aber es war wirklich so.« Lanzmann sei ein »unerhört kluger und talentierter Mensch« gewesen, sagte Schrobsdorff in einem Filmtrailer über den Regisseur des Dokumentarfilms Shoah. Da bestehe überhaupt kein Zweifel, aber alles andere könne man wegwerfen.

Gefühle Harsche Urteile wie dieses machten Gespräche mit ihr nicht einfach, aber Schrobsdorff duldete keine falschen Gefühle. Als Lanzmann sie bei einem Besuch in Berlin zum Essen ausführen wollte, wehrte sie ab. Da wolle er nur alte Zeiten beschwören, die es nicht mehr gebe. So etwas sei eitel, dazu habe sie keine Lust.

Mit Lanzmann hatte sie in Paris einst die Philosophen Jean‐Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennengelernt. Mit der Stadt der Liebe hat sie sich indes nie anfreunden können. Auch dort: nur keine falschen Gefühle! Wenn jeder Bäcker versuche, Esprit zu versprühen, sei das nur peinlich, so Schrobsdorff. Und die ewig gleichen Gespräche der Intellektuellen über die ewiggleichen Bücher und die ewiggleichen Filme hätten sie gelangweilt.

Auch wenn Simone de Beauvoir Schrobsdorffs Stil wegen seiner ironischen Distanz lobte, blieb die französische Intellektuelle ihr fremd – wie die meisten Frauen. »Ich habe Männer immer vorgezogen. Sie sind gerader, ehrlicher, sie waren mir näher«.

Zum Thema Sexualität im Alter sagte sie vor einigen Jahren im Interview mit der Zeitschrift Stern: » Ich habe die Lust abgeschnitten, das Verlangen nach sexuellen Beziehungen. Ich hatte ja mehr als genug davon. Ich sagte: Schluss mit dem Unsinn! Es ist einerseits ein wahnsinniger Verlust, aber, andererseits, die sexuellen Beziehungen, die ich hatte, waren auch eine absolute Zeitvergeudung. Im Grunde ist es ja immer dasselbe. Langweilig.« Zu Recht beschreibt ihr Verlag sie als »großartige Erzählerin«.

berlin Vor zehn Jahren ist Schrobsdorff zurückgekehrt nach Berlin. Sie hat Jerusalem verlassen, weil der Nahostkonflikt sie zu sehr quälte, den sie als zunehmend hoffnungslos erlebte. »Ich bin nicht nach Berlin zurückgekommen, um hier zu leben, sondern um hier zu sterben«, sagte sie über die Rückkehr. Was blieb, war die ewige Sehnsucht nach Jerusalem, nach ihren Freunden, den Gerüchen, dem Licht – und ihren Katzen.

In Schrobsdorffs Liebeserklärung an die komplizierteste Stadt der Welt Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem spielen Katzen eine Hauptrolle: »Die Katzen, die mit ihren winzigen Gesichtern, kurzen, stämmigen Beinchen und langhaarigen, kühn gemusterten Pelzen Fabelwesen glichen, schwirrten mit zuckenden Schweifen, tänzerischen Schrittchen und kleinen Schreien durcheinander. Es sah aus, als hätte ein Windstoß einen Haufen Schnee und trockenes Laub aufgewirbelt. Gib ihnen zu essen – Katzen sind das einzig Lohnende auf der Welt.«

Geblieben war ihr in Berlin nur eine, Viktoria, eine israelisch‐palästinensische Straßenkatze. Ein ziemlich freches rotes Riesenvieh mit erheblichem Selbstbewusstsein. Die Herrin im Rollstuhl war ihr verfallen. »Vicky geht es immer gut. Das ist eine sehr egoistische Katze, und sie nimmt sich, was sie braucht.« Im Gegensatz zu Angelika Schrobsdorff war sie sehr beweglich, was die Schriftstellerin mit Genugtuung erfüllte. »Sie schaut nicht rechts und nichts links, die hört überhaupt nicht auf mich. Sie tut genau das, was ihr einfällt«, sagte die Schriftstellerin über Viktoria. »Und dann das Fell. Das warme, weiche Fell. Ich tauche meine Hände hinein, und ich bin im siebten Himmel. Fragen sie mich nicht nach einer Erklärung, ich habe keine.«

Die Katzenstorys auf ihrer Jerusalemer Dachterrasse hat Schrobsdorff hinreißend beschrieben. Dino, ihr alter Kater, ein israelischer Hegemonialherrscher, musste vier palästinensische Terrorkätzchen aushalten. Alle freundeten sich zum Schluss an. Der stärkste Kater der Truppe, General Schwartzkopf, sorgte für Ruhe.

trost In den letzten Jahren schwirrte nur noch »Vicky« um sie herum. Und es scheint, als habe diese Fellpersönlichkeit trotz ihres egoistischen Wesens die Bedürfnisse der Schriftstellerin erkannt. Verzweifelte Angelika Schrobsdorff an den Malaisen des Alters, sprang Vicky auf ihren Schoß, rollte sich ein und wartete auf die streichelnden Hände.

Am Samstag vergangener Woche ist Angelika Schrobsdorff im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben.

Die Autorin ist ARD‐Kulturkorrespondentin für Berlin beim Rundfunk Berlin‐Brandenburg (RBB).

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