Redezeit

»Eine gute Geschichte ist Literatur«

Herr Lewinsky, in Ihrem neuen Roman »Andersen« geht es um einen Bösewicht, der sich nach seiner Wiedergeburt an sein früheres Leben erinnern kann. Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?
Die Hauptfigur, mit ihrer ganzen Vergangenheit, war plötzlich in meinem Kopf präsent. Ich habe keine Ahnung, woher sie kam. Aber ich wusste sofort: Der Geschichte dieser Figur muss ich nachgehen.

Wann wussten Sie, dass Sie vom Schreiben leben wollen?
Ich wusste sehr früh, dass ich gern schreibe, und habe das auch sehr früh getan. Aber als ich mich wirklich entschlossen habe, davon zu leben, da war ich Mitte 30. Das war Ende der 80er-Jahre. Ich habe von einem Tag auf den anderen beschlossen, dass ich genug davon hatte, Fernsehredakteur zu sein, und dass ich ab sofort vom Schreiben leben werde.

Sie haben Sitcoms geschrieben, schweizerische Volkslieder, mit »Andersen« Ihren sechsten Roman veröffentlicht. Was unterscheidet gute, unterhaltsame Geschichten von Literatur?
Überhaupt nichts. Warum denn? Eine gute Geschichte ist Literatur, wenn sie gut erzählt ist. Bücher, die keine guten Geschichten erzählen, finde ich fad. Das Einfachste ist die »bedeutende« Schreibe. Sie können jedem Leser vormachen, er hätte gerade etwas Bedeutendes gelesen, das ist einfach. Sie können niemandem vormachen, er hätte gerade gelacht, wenn er nicht gelacht hat. Ich glaube, ich habe prinzipiell eine sehr handwerkliche Einstellung zu meinem Beruf. Gut gemachtes Handwerk hat die Chance, Kunst zu werden. Schlecht gemachtes Handwerk wird es nie, so künstlerisch es auch posieren mag.

Das Leichteste ist es also, bedeutend zu klingen. Was ist das Schwierigste?
Das Schwierigste ist es, eine Wirklichkeit zu erschaffen, die wirklicher ist als die Realität. Das gelingt nur den Großen. In der Klassik gelang das einem Flaubert, oder heute gelingt es der von mir sehr verehrten Hillary Mantel – eine Wirklichkeit zu schaffen, die so selbstverständlich daherkommt, dass man das Gefühl hat: Sie muss so sein.

Welche Rolle spielt das Judentum in Ihrem Leben und in Ihrem Schreiben?
Beim Schreiben kommt es sehr auf das jeweilige Thema an. Ich habe mehrere Dinge verfasst, in denen das Judentum eine sehr große Rolle spielte. Zum Beispiel »Melnitz«, einen umfangreichen und sehr erfolgreichen Roman über mehrere Generationen einer jüdischen Familie in der Schweiz. Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, ohne selbst in einer solchen Familie aufgewachsen zu sein. Aber trotzdem sage ich immer: Ich bin Jude nicht von Beruf. Ich gehe auch nicht als Vertreter des Judentums auf Veranstaltungen, das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin kein religiöser Jude, aber jemand, der in der kulturellen Tradition des Judentums lebt.

Sind Sie in einer ebenso liberalen Familie aufgewachsen?
Ich bin in einer komplett orthodoxen Familie aufgewachsen. Das war ein ziemlich weiter Weg und innerlich ein schwieriger Ablösungsprozess. Es wurde mir dadurch erleichtert, dass mich unser Rabbiner wegen ungebührlich kritischer Fragen aus dem Religionsunterricht hinauswarf. Ich war der Meinung: Wenn ich nicht mehr nachdenken darf, dann bin ich wohl nicht am richtigen Ort.

Gehen Sie jetzt noch in die Gemeinde?
Ich bin in kulturellen Dingen aktiv. Vor ein paar Jahren habe ich einen Verein gegründet, um die Bibliothek der jüdischen Gemeinde in Zürich vor der Auflösung zu bewahren. In der Synagoge sieht man mich eigentlich nicht.

Stellen Sie einen Unterschied zwischen dem schweizerischen und dem deutschen Publikum fest?
Ich würde sagen, die schweizerischen Reaktionen sind genau wie die deutschen, bloß ein bisschen langsamer. In Deutschland geht alles schneller. Ich habe zum Beispiel beim Schreiben von Sitcoms die Erfahrung gemacht, dass eine Sitcom für Deutschland ungefähr zehn Prozent mehr Text haben muss als eine Sitcom für die Schweiz, um auf dieselbe Länge zu kommen. Das ist der Tempo-Unterschied zwischen den beiden Ländern.

Sie sind dieses Jahr für den Schweizer Buchpreis nominiert. Was machen Sie sich aus solchen Preisen?
Es ist schön, nominiert zu sein, aber ich schreibe ja nicht, um irgendeine Auszeichnung zu bekommen. Wie geht der alte Satz? Preise werden gemäß der Eitelkeit der Jury verliehen. Ich finde es erfreulich, aber es ist nicht das Ziel meiner Arbeit.

Für wen oder was arbeiten Sie denn?

Ich schreibe in der Hoffnung, dass ich ab und zu bei einem Leser etwas auslöse. Wenn jemand sagt: »Dieses Buch hat mich bewegt« oder »Über dieses Buch musste ich nachdenken« – das ist schön.

Mit dem Autor sprach Jonathan Fridman.

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Plotkes

Liest Britney Spears jetzt auf Hebräisch?

Die Sängerin veröffentlichte ein Foto eines hebräischen Psalmenbuchs auf ihrem Instagramkanal. Spears interessiert sich seit Jahren für jüdische Mystik

 02.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Eine Akademie für Deutschland

Heute ist in Frankfurt die Jüdische Akademie feierlich eröffnet worden. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert