Columbia University

»Eine große Gefahr für den Westen«

»Der Antisemitismus ist sehr systemisch und tief in der Universität verwurzelt«: Ran Kivetz Foto: privat

Herr Kivetz, die Columbia University in New York gilt in den USA als Epizentrum der Proteste und Debatten rund um den 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Krieg. Stimmt diese Einschätzung?
Die Columbia University ist zu einem Epizentrum des Antisemitismus, der antiwestlichen Indoktrination und der Aufrufe zum Massenmord an Juden und Israelis geworden. In Vorlesungen und Programmen werden Lügen verbreitet, die sich gegen die Vereinigten Staaten, westliche Demokratien, das freie Marktsystem und Israel richten. Seit Jahrzehnten werden Indoktrination und Unterstützung von Terror von der Leitung der Columbia University toleriert und in ihren Hörsälen gefördert. Wir sehen weiterhin Proteste und antisemitische Veranstaltungen auf dem Campus der Columbia und direkt davor, wobei die Universitätsverwaltung entweder mitschuldig ist oder zu zaghaft, um diese abscheulichen Ereignisse zu stoppen.

Unmittelbar nach dem 7. Oktober waren die Proteste mit gewalttätigen Ausschreitungen auf dem Campus verbunden. Hält diese Situation an?
Das akademische Jahr begann bereits ziemlich schlecht. Vom ersten Tag an gab es Proteste. Es waren dieselben Slogans zu hören, die wir schon das ganze vergangene Jahr über vernommen haben: »From the river to the sea, Palestine will be free« oder »Globalisiert die Intifada«. Zu Beginn des Studienjahres haben nicht genehmigte Demonstrationen die Eingänge zum Campus blockiert. Agitatoren von außerhalb haben die Columbia University und viele andere amerikanische Universitäten infiltriert, darunter auch üble Akteure, die eindeutig Verbindungen zu terroristischen Organisationen haben. Und innerhalb der Universität gibt es viele Professoren und Verwaltungsangestellte, die offen oder verdeckt antisemitisch sind.

Wie konkret sind die Drohungen gegen jüdische Studierende sowie gegen das jüdische Lehrpersonal?
Es gab konkrete, direkte Drohungen. Ich selbst habe Morddrohungen erhalten. Andere Kollegen berichteten ebenfalls von Drohungen, Belästigungen und negativen Folgen für ihre berufliche Laufbahn. Das alles ist unglaublich real. Es gab auch Fälle von Gewalt. Zum Glück wurde niemand ernsthaft verletzt. Aber in diesem Klima der Aufhetzung kann jederzeit etwas passieren, und es besteht eindeutig eine Gefahr für das Wohlergehen und die psychische Gesundheit. Ich habe von mehreren Professoren und Mitarbeitern gehört, die keine Festanstellung haben und deren Arbeitsplatz plötzlich nicht mehr sicher ist. Oder dass sie von älteren Kollegen schikaniert werden, nur weil sie sich nicht gegen Israel aussprechen oder weil sie Briefe unterschrieben haben, in denen die Hamas verurteilt und Israel unterstützt wird. Ich habe einen jüdischen Freund, einen Mitarbeiter, der sich sehr aktiv im Kampf gegen Antisemitismus an der Columbia University engagiert hat und gerade entlassen wurde. Aber die Situation an der Columbia University kann je nach Fakultät oder Fachbereich sehr unterschiedlich sein. An Einrichtungen wie dem medizinischen Zentrum der Columbia University, der Business School, dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, der Ingenieurschule, den Naturwissenschaften und der Mathematik ist die Situation deutlich besser als beispielsweise bei den Geisteswissenschaften, den Nahoststudien, der School of International Public Affairs oder der juristischen Fakultät.

Haben die Verantwortlichen richtig reagiert?
Die Universitätsverwaltung hat auf die schrecklichen Ereignisse an der Columbia University im vergangenen Jahr ohne Zweifel viel zu spät reagiert – und in einigen Fällen war sie sogar mitschuldig und hat überhaupt nicht reagiert. Ich war mit dabei, als wir, eine Gruppe von sieben Professoren in leitender Funktion, die gefährlichen Entwicklungen in Gesprächen mit der damaligen Präsidentin der Universität, Minouche Shafik, thematisierten. Schon vor den anti-israelischen Protesten vom 12. Oktober baten wir Präsidentin Shafik, diese empörende »Kundgebung« zu verhindern, da sie gegen die eigenen Regeln der Universität verstieß. Sie wollte nicht. Also baten wir sie, die die Hamas unterstützende Kundgebung auf dem Campus der Columbia University zumindest zu verurteilen.

Sie haben in Interviews gesagt, die Entwicklung habe Sie nicht überrascht, all das hätte sich seit Jahrzehnten bereits abgezeichnet. Inwiefern?
An vielen amerikanischen Universitäten, aber insbesondere an der Columbia University hat sich eine bestimmte Kultur und Atmosphäre entwickelt. Noch einmal: Es handelt sich nicht um einen monolithischen Block. Es gibt verschiedene Fakultäten mit sehr unterschiedlichen Situationen. Aber insgesamt kann man sagen, dass der Antisemitismus sehr systemisch und tief in der Universität verwurzelt ist. Es lässt sich seit Jahrzehnten eine Zunahme antiwestlicher, marxistischer, anti-amerikanischer, anti-jüdischer und anti-israelischer Lehren, Indoktrinationen und Handlungen beobachten. Das gilt nicht für die Mathematik, nicht für die Medizin, nicht für die Wirtschaftswissenschaften, nicht für die Naturwissenschaften, aber für viele Bereiche der Geisteswissenschaften.

Ester Fuchs, Professorin für Internationale Politik an der Columbia-Universität, hat im Interview mit der Wochenzeitung »Die Zeit« gesagt, antisemitische Ausgrenzung sei real, und manche leugneten, was da passiere. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, ich stimme der Einschätzung von Ester Fuchs absolut zu. Das ist keine Überdramatisierung, keine Überempfindlichkeit: Wir haben Dutzende, manchmal Hunderte von Agitatoren und Randalierern erlebt, die mehrmals pro Woche durch die Universität marschierten, den Unterricht störten, empörende Parolen wie »Yemen, Yemen, make us proud, turn another ship around!« riefen und die Huthi anfeuerten, die auf amerikanische Soldaten und israelische Zivilisten schossen. Wir haben viele Videos, die das zeigen. Die Pro-Hamas-Randalierer riefen »Tod Israel«, »Tod den Zionisten«. Sie verbrannten israelische Flaggen. Es gab sogar Columbia-Professoren, die forderten, dass die Universität alle israelischen Professoren und Studierenden von Columbia ausschließen solle.

Gab es an der Universität auch gegenteilige Reaktionen?
Ja, zum Beispiel haben der Dekan der Business School und der Dekan der School of General Studies bewundernswert und effektiv auf die Krise reagiert. Aber wir sprechen hier von zwei oder drei Dekanen von insgesamt 18. Die Mehrheit war entweder vorsätzlich ignorant oder unterstützte sogar die anti-amerikanischen und anti-israelischen Demonstrationen. Einige sahen darin sogar einen Ausdruck der »Meinungsfreiheit«. Diese sogenannte Freiheit wird jedoch exklusiv radikalen anti-amerikanischen und antisemitischen Kräften auf Kosten gemäßigterer Ansichten gewährt.

Wie reagieren die Behörden, wenn es zu gewalttätigen Aktionen kommt?
Die New Yorker Polizei wollte zunächst nicht eingreifen, weil die Columbia University Privateigentum ist, also eine private Universität. Wenn es keine ernsthafte Gewalt gibt, greifen sie nicht ein, es sei denn, die Universitätsleitung bittet sie darum. Ich habe großen Respekt vor der New Yorker Polizei. Und als sie eingegriffen hat, leistete sie hervorragende Arbeit, ohne jemandem Schaden zuzufügen. Gott sei Dank haben sie die Menschen, die Gebäude gewaltsam besetzt hatten, entfernt und die Menschen, die dort arbeiteten, befreit. Aber haben die Behörden und Gesetzgeber wirklich genug getan? Ich glaube, sie hätten mehr machen können. Was wir wirklich brauchen, ist eine parteiübergreifende Gesetzgebung, die die antiwestliche, anti-amerikanische und antisemitische Gehirnwäsche, die seit Jahrzehnten an so vielen amerikanischen Universitäten um sich greift, eindämmt und wieder rückgängig macht.

Sie sprechen von einer ernsthaften Bedrohung der Demokratie in den USA. Welche Gefahr sehen Sie konkret?
Es ist eine große Gefahr für den Westen, wie wir ihn kennen. Und zum Westen zähle ich natürlich auch Israel, die Ukraine und Taiwan. Es ist eine große Gefahr für unsere Werte und unsere freiheitliche Lebensweise, in der es demokratische Wahlen gibt und Minderheitenrechte geschützt werden. Alles, was wir Demokratie nennen, steht auf dem Spiel durch das, was hier und anderswo auf dem Campus passiert. Das gilt nicht für alle Universitäten in den USA. An der University of Florida beispielsweise hatte der ehemalige US-Senator und Universitätspräsident Ben Sasse solche Entwicklungen vom ersten Tag an verhindert. Im Gegensatz dazu ist die Situation an vielen Elite-Universitäten wie Columbia, Harvard und Cornell sowie an anderen Hochschulen äußerst besorgniserregend.

Inwiefern?
Wenn dies so weitergeht, werden liberale westliche Demokratien ernsthaft untergraben. Langfristig hat das, was auf dem Campus und in den Hörsälen passiert, sogar das Potenzial, liberale Demokratien zu zerstören. 18- und 19-Jährige werden einer Gehirnwäsche unterzogen. Und ja, ein Teil davon findet in den sozialen Medien statt. Ein Teil ereignet sich auch außerhalb der Hochschulen. Aber an der Universität gibt es Professoren, die diesen jungen Menschen im Grundstudium beibringen, Amerika und den Westen zu hassen, ganz sicher auch Israel zu hassen. Das kann, Gott bewahre, im Völkermord an den Juden in Israel enden. Und es gibt Professoren, die die Freiheiten nutzen, die ihnen der Westen gibt. Sie lehren die Studierenden, dass das System des freien Marktes falsch ist, dass Amerika und die westlichen Mächte böse sind. Das mag verrückt klingen, und es ist verrückt. Aber genau das passiert. Und es betrifft die künftigen Eliten unseres Landes. Insofern ist das eine echte Bedrohung für Amerika und die freie Welt, wenn sich nichts ändert. Aber es gibt auch etwas Positives an den Unruhen, die im vergangenen Jahr an den Universitäten ausgebrochen sind. Denn jetzt kommt ans Licht, was zuvor eher im Verborgenen geschah.

Kürzlich erschien ein Essay von Franklin Foer mit dem Titel »The Golden Age Of American Jews Is Ending«. Teilen Sie seine Ansicht, dass der Antisemitismus in den USA die liberale Ordnung und letztlich die Zukunft der Juden bedroht?
Ich glaube, dass Amerikaner sehr anständige Menschen sind. Die meisten haben einen ausgeprägten gesunden Menschenverstand, sie sind fleißig, fair, großzügig und ehrlich. Und ich glaube, dass die Mehrheit der Amerikaner gegen die empörenden Entwicklungen an den Universitäten ist. Sie sind entsetzt über das, was sie auf dem Campus gesehen haben. Und ich glaube auch, dass die jüdische Gemeinschaft allmählich aufwacht. Aber ja, wenn dieser Trend nicht gestoppt und umgekehrt wird, dann ist dies der Anfang vom Ende des Goldenen Zeitalters des amerikanischen Judentums, weil sich viele Juden in Amerika nicht mehr sicher fühlen. An der Columbia University ist die Zahl der jüdischen Studierenden bereits rückläufig. Einige wechseln an andere Hochschulen. Es gibt immer weniger jüdische Verwaltungsangestellte. Ich meine, der Antisemitismus hat sich überall in den Vereinigten Staaten ausgebreitet und ist nicht mehr zu übersehen. Und die Judenhasser benutzen das Codewort »Zionismus«. Sie nehmen Israel als Vorwand.

Wofür?
Wegen ihres Antisemitismus sind die Juden ihr erstes Ziel. Es beginnt mit den Juden. Aber sie wollen nicht nur Israel und die Juden von der Landkarte tilgen. Ihr Ziel ist es, Amerika und die westlichen liberalen Demokratien, wie wir sie kennen, zu zerstören. Und das klingt hart. Es mag sogar paranoid klingen. Aber ich glaube wirklich, dass die Juden und Israel in diesem Sinne das »Licht der Nationen« sind, weil sie aufzeigen können, was wirklich vor sich geht.

Das Interview führte Detlef David Kauschke. Ran Kivetz ist Philip H. Geier Chaired Professor an der Columbia University Business School in New York. Er ist ein führender Experte auf dem Gebiet der Entscheidungsforschung und hat Fortune-500-Unternehmen und Regierungsbehörden beraten.

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