Berlin

Eine deutsche Geschichte

Historiker und Publizist Michael Wolffsohn Foto: Uwe Steinert

Berlin

Eine deutsche Geschichte

Michael Wolffsohn stellte im Jüdischen Museum seine Autobiografie »Deutschjüdische Glückskinder« vor

von Philipp Peyman Engel  08.05.2017 16:51 Uhr

Mit Autobiografien ist es so eine Sache. Einerseits stimmt George Orwells Diktum, wonach eine Autobiografie, die nichts Schlechtes über den Autor sagt, nicht gut sein kann. Zudem beziehen Lebensberichte ihre Spannung auch daraus, ungeschönte Einsichten des Autors über andere zu erfahren.

Auch deshalb hat sich Michael Wolffsohn lange dagegen gewehrt, sein Leben aufzuschreiben, wie der Historiker am Montag im Jüdischen Museum Berlin bei der Vorstellung seiner Autobiografie verriet. Doch nun, wo er das Buch geschrieben habe, könne er weder Selig- noch Heiligsprechungen versprechen, kündigte Wolffsohn an. Weder mit Blick auf andere als auch auf sich selbst wohlgemerkt.

Debatten Tatsächlich wirft Wolffsohn in seinem Buch einen ungeschönten Blick auf einige der großen Debatten der Bundesrepublik und ihren Protagonisten. Sei es die heftige Attacke des FDP-Politikers Jürgen Möllemann (O-Ton-Wolffsohn: »Speerspitze der deutschen Arabien-Lobby und Israel-Grundsatzkritiker vom Dienst«) gegen Michel Friedman. Martin Walsers skandalöse Friedenspreisrede in der Frankfurter Paulskirche 1998 (»Walser prangerte ein Zuviel zum und über den Holocaust geradezu wutschnaubend an«). Oder die sogenannte Folterdebatte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, in deren Verlauf Wolffsohn vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck über Tage hinweg öffentlich angefeindet wurde. Nicht selten erwähnt er dabei, einige Male auch selbst mit Äußerungen übers Ziel hinausgeschossen zu sein.

Einen ungleich größeren Raum nimmt in dem Buch indes das Leben der Familie Wolffsohn vor und nach der Zeit des Nationalsozialismus ein. »Dies ist keine Opfer- und Unglücks-, sondern eine Glücksgeschichte. Oder sagen wir lieber: fast eine Glücksgeschichte«, schreibt Wolffsohn gleich zu Beginn des Buches. Seine Eltern hatten den Holocaust überlebt, indem sie gerade noch rechtzeitig nach Palästina flüchteten. »Das finde ich ungeheuer beeindruckend und souverän, dass sie trotz ihres Schicksals immer sagen konnten: ›Ja, wir sind glücklich!‹ Das prägt mich bis heute.«

Wolffsohns Großvater Karl errichtete in den 20er-Jahren mitten im Berliner Arbeiterbezirk Wedding die »Gartenstadt Atlantic«. In der Wohnanlage konnten auch Menschen mit kleinem Einkommen ein neues Zuhause finden. Und Träume vom besseren Leben waren schließlich das Geschäft des Verlegers und Archivars, dessen »heißes Herz« nur für das schlug, was im Leben wirklich wichtig ist – die Filmkunst. Ihm gehörten eine Reihe großer Lichtspielhäuser in ganz Deutschland.

ns-zeit Doch ab 1933 wurde Karl Wolffsohn fast alles geraubt. Schon ein Jahr später war ihm nur noch die Berliner »Lichtburg« geblieben. Zwar konnte er sich zunächst über Umwege die Aktien der Gartenstadt sichern. Im August 1938 aber wurde Karl Wolffsohn von den Nazis verhaftet.

Erst 1939 kam er frei und konnte sich einer neuerlichen Verhaftung nur dadurch entziehen, dass er mit seiner Frau nach Palästina floh. Dort lernte sein Sohn Max eine hübsche Jüdin aus Deutschland kennen. 1947 wurde Michael Wolffsohn in Tel Aviv geboren. »Der Rest ist Geschichte«, wie der Historiker bei der Buchpräsentation anmerkte. Deutsche Geschichte eben.

Michael Wolffsohn: »Deutschjüdische Glückskinder. Eine Weltgeschichte meiner Familie«. dtv, München 2017, 440 S., 26 €

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Ludwigshafen

Neue Ausstellung zu Ernst und Karola Bloch: Fotografische Reise

Eine neue Schau in Ludwigshafen zeigt das ereignisreiche Leben der Familie Bloch zwischen Exil und Heimatsuche anhand des fotografischen Nachlasses – in privaten und öffentlichen Momenten

von Norbert Demuth  26.08.2026

Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Mit seinen Epochenromanen prägte er das literarische Bild Europas. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Nadas gestorben

von Gregor Mayer  26.08.2026