Literatur

Eine Abbitte

Siegfried Lenz (1926–2014) Foto: dpa

Am Anfang, 1955, war So zärtlich war Suleyken reines literarisches Entzücken. Diese Sprachkraft, dieses Lokalkolorit: »Dreibastigkeiten«, »jachrig«, »ihr Lachuders«, herrlich in seiner knorrigen Gewachsenheit. Unverwechselbare Typen tauchen da auf, verschroben und vermischt, das Völkergebräu einer verwunschenen Ecke Europas, angesiedelt in der Gegend um Lyck (wo der Autor 1926 geboren wurde) – Masuren (das heute Masury heißt).

Lachfreudige Leute sind das, verlässliche Nachbarn, immer bereit zu feiern – ein gänzlich unpolitisches Milieu! Die urigen und doch so empfindsamen Menschen jedenfalls, die da liebevoll skizziert werden, hätten keiner Fliege etwas zuleide tun können.

konfrontationen Da stockte etwas in mir, leuchtete rot auf, kamen mit dem Stichwort »Ostpreußen« doch ganz andere Bilder in meiner Erinnerung auf. Blutige Konfrontationen zwischen Linken und Rechten während der Weimarer Republik, Gräuel an politischen Gegnern, die triumphalen Wahlerfolge Hitlers (die sogenannte »Masurische Offenbarung« vom 19. April 1932), dazu der »Führer« immer wieder inmitten frenetisch jubelnder Massen, und die Königsberger Synagoge in Flammen ... Wo war diese Seite in So zärtlich war Suleyken?

Wie anders dagegen in Levins Mühle der viel zu früh verstorbene Johannes Bobrowski mit seiner Geschichte aus dem Kaiserreich! Da kommt ein dunkler Tenor hoch, wird ein Grollen hörbar, individualisieren sich unheimliche Charaktere.
Wenn menschliche Anteilnahme sichtbar wird, dann eher wie etwas Widerwilliges, das sich mühsam ins Bewusstsein hinaufarbeiten muss.

Wie glaubhaft abgründig dagegen die Akteure, die an Levins Mühle wollen, an seine Familie, seine Existenz und Haut. Hat der unverschämte Jude doch, statt »mit seinen sieben Koddern nach Russland abzuhauen« den Johann in Briesen angezeigt – wegen Beschädigung mosaischen Eigentums. Deshalb: »Jetzt müssen die Deutschen zusammenhalten.« Alarm!

bestialität
Da wird schon gedacht, was zu praktizieren die wilhelminische Gesellschaft noch nicht reif war. Da mausert sich erst noch, was nur einen historischen Lidschlag später den Sprung vom Nationalismus zur Bestialität wagt – mit dem »Gelben Stern«, Emblem des Holocaust, und jenem »P«, das nur eine Generation danach Millionen zwangsverschleppter »Polacken« ans Revers geheftet werden sollte. Levins Mühle, das war wie ein Trompetenstoß. Und So zärtlich war Suleyken? Ein stilistisches Kleinod, das mich schriftstellerisch begeisterte und politisch enttäuschte. Was ich streng für mich behielt.

Auch nachdem ich Siegfried Lenz (und Frau Lilo) 1958 über ein Interview für die »Allgemeine Jüdische Wochenzeitung« in Hamburg-Othmarschen persönlich kennengelernt hatte. Eine Beziehung, die erst in den letzten Jahren durch beidseitige Probleme des Alterns loser wurde.

Jede Zusammenkunft mit ihm in den Äonen seither war für mich, den drei Jahre Älteren, eine Bereicherung. Und Anstoß, ein eigenes Werk über das Thema zu schreiben. »Eine Liebeserklärung mit Trauerrand«, so der Extrakt seiner Rezension meines 1994 erschienenen Buches Ostpreußen ade – Reise durch ein melancholisches Land. Zu seiner Präsentation im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch war er mit der Bahn aus Hamburg angereist.

wunde Von meiner »Wunde« habe ich ihm nie erzählt – auch nicht, nachdem er sie dann selbst geschlossen hatte. Erst durch die Deutschstunde (1968), dann aber mehr noch durch ein Buchdenkmal, das er 1978 Masuren, ihren Menschen und ihrer Landschaft ungeschönt gesetzt hat: Heimatmuseum (mit einem der gigantischsten Monologe in der Geschichte der deutschen Literatur, der unstoppbaren Rhetorik des Teppichwirkers Zygmunt Rogalla).

Was da in Tausenden von Einzelbildern zerlegt, aufgefächert und wieder vereint wird, was sich da durch ein phänomenales Gedächtnis und eine Fabulierkunst sondergleichen eingefügt findet in die großen und kleinen Zusammenhänge der masurischen wie der Weltgeschichte, das war eine Kriegserklärung an alles, was nach Revanchismus und Revisionismus roch. Ich habe mich geschämt, eingestandener Maßen. Geschämt über meinen voreiligen, kleingläubigen Irrtum, So zärtlich war Suleyken für ein Produkt beschönigender und entpolitisierter Verdrängung gehalten zu haben. Hätte ich es doch nur früher bekannt ...

Eine Abbitte.

Berlin

»Die Zukunft interessiert mich nicht mehr so furchtbar dolle«

Ein Chor von über 90-jährigen Menschen probt erstmals im Jüdischen Museum

von Nina Schmedding  04.09.2026

Kino

»Zur Not machen wir es in einem Badezimmer«

Zum elften Mal findet in Berlin das israelische Filmfestival »Seret« statt. Trotz schwieriger Zeiten denken die Veranstalter nicht daran aufzugeben

von Leon Stork  04.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Musik

»Ein Tribut an David Bowie«

Daniel Donskoy über das gefeierte neue Musical »Rebel Rebel« und das Erbe des legendären britischen Sängers

von Ralf Balke  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Junge Israelis, die von Beta Israel, äthiopischen Juden, abstammen

Hamburg

2,5 Millionen Euro für Erforschung religiöser jüdischer Handschriften

Sophia Dege-Müller, Expertin für äthiopische Handschriften, erforscht religiöse Handschriften der äthiopischen Juden, der sogenannten Beta Israel. Ihre bis zu 500 Jahre alten Schriften seien bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden

 03.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Medien

Stephan-Andreas Casdorff ist wieder für den »Tagesspiegel« tätig

Die KI-generierten Meinungstexte von Stephan-Andreas Casdorff im »Tagesspiegel« hatten in der Branche für viel Aufruhr gesorgt. Seit Juni hatte der Ex-Chefredakteur seine Tätigkeit ruhen lassen. Nun kehrt er zurück

von Jana Ballweber  03.09.2026