Genuss

Ein Riesling für die Feiertage

Am Anfang ist die Traube. Doch bis auch nur eine einzige Flasche koscheren Weines hergestellt ist, dauert es lange. Das bekam in den vergangenen 20 Jahren das halbe Dutzend deutscher Winzer zu spüren, die sich an das komplizierte Projekt heranwagten, darunter Ronald Müller-Hagen von der Winzergenossenschaft von Erbach im Rheingau und Bernhard Rolletter aus dem Weinanbaugebiet Rheinhessen.

Beide Winzer hatten sich gemeinsam mit dem Nauheimer Weinhändler Wolfgang Lehmann an das Experiment »koscherer Wein aus Deutschland« gewagt – allerdings mit mäßigem Erfolg: Müller-Hagen gab 2009 nach einem Jahrgang der Rotwein-Rebsorte Pinot Noir auf, Rolletters letzter Jahrgang stammt von 2011.

Dabei hatte Lehmanns Weinvertrieb sich schon 1996 mit der ersten koscheren Weinproduktion in Deutschland versucht. Warum dennoch bislang kein deutscher Winzer länger als eine Saison durchgehalten hat, liegt für Rabbiner Tuvia Hod-Hochwald, Leiter der Kaschrutabteilung der Orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland, auf der Hand: Der Aufwand ist gewaltig und das Ergebnis ein Nischenprodukt für einen begrenzten Kundenkreis. Denn die Kaschrut, das religiöse Speisegesetz, stellt hohe Anforderungen an koscheren Wein.

Kaschrut-Experte Hod-Hochwald hat damit vor sechs Jahren eigene Erfahrungen gemacht: 2009 produzierte er zusammen mit dem Winzer Herbert Schenkel in Schwabenheim (Bezirk Mainz-Bingen) koscheren Wein. Unter dem Label »Nagila« stellten der Winzer und der Rabbiner gemeinsam zwei Sorten her, Dornfelder und Rivaner.

aufwand »Es war eine ganz schwere Arbeit«, erinnert sich Hod-Hochwald. »Das lag daran, dass von Anfang bis Ende ausschließlich fromme Juden mit der Weinproduktion in Berührung kommen dürfen – der Winzer war in seinem eigenen Betrieb völlig außen vor.« Es sei ein Erlebnis gewesen, bei dem er viel Lehrgeld bezahlt habe. Denn beim Keltern sei nun einmal die Erfahrung alles, meint der Rabbiner rückblickend.

Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle – so sei etwa das Zusammenspiel aus Zucker, Säure, Kohlendioxid, Alkoholgehalt und Gärungsbakterien im werdenden Traubensaft extrem empfindlich. Er sei froh, sagt Hod-Hochwald, diese Bürde schon nach einer Saison »wieder losgeworden« zu sein. Obgleich, wendet der Kaschrut-Experte ein, die Nachfrage nach koscherem Wein aus Deutschland »definitiv vorhanden« sei. Umso mehr freue es ihn, dass es nun einen neuen Anlauf gibt, koscheren Wein herzustellen – diesmal an Saar und Mosel.

Saar-Mosel Bei Winzer Max von Kunow möge das aufwendige Experiment besser gelingen, wünscht Rabbiner Hod-Hochwald dem Projekt »Koscherer Wein an der Saar«. Im Anbaugebiet zwischen Saar und Mosel nahe der luxemburgischen Grenze liegen die Weingüter von Hövel und St. Urbans-Hof der Winzer Maximilian von Kunow und Nicolaus Weis. So wie die meisten Winzer hier keltern sie vorrangig die Rebsorte Riesling.

Die kleine Stadt Oberemmel schlummert geradezu im Rebenmeer ihrer vielen Winzer: Auf etwa 90 Hektar wird im Anbaugebiet Konz-Oberemmel Wein angebaut. Gemeinsam mit Geschäftspartnern aus Trier haben Weis und von Kunow die Firma »Gefen HaShalom« (Friedensreben) gegründet. »Wir wollen leichten, eleganten, bekömmlichen, filigranen Riesling produzieren,«, sagt Maximilian von Kunow, während er mit Kennerblick die kleinen grünen Trauben begutachtet.

Das Weingut von Hövel liegt seit sieben Generationen in Familienhand und arbeitet seit seiner Gründung 1803 mit jüdischen Weinhändlern zusammen, darunter mit der Londoner O.W. Loeb Wine Company. Der junge Winzer will mit der Produktion koscheren Weins die früheren jüdischen Traditionen des Ortes wieder stärker ins Bewusstsein bringen.

anfang Immer wieder wurden von Kunow und Weis von jüdischen Freunden und Geschäftspartnern auf koscheren Wein hin angesprochen – besonders um die jüdischen Feiertage herum. Schließlich würden die Franzosen in den Anbaugebieten Bordeaux und Piemont seit Jahrzehnten koscheren Wein produzieren, so deren Argument. Nur als Riesling gab es koscheren Wein noch nie, stellt der Winzer fest. Doch das soll sich nun ändern. Rasch habe sich herausgestellt, dass koscherer Wein »eine Win-win-Situation« sei, freut sich Maximilian von Kunow.

Da sei zum einen der kulturell-religiöse Aspekt, dem der koschere Riesling, der nach strengstem Reinheitsgebot und Ritus hergestellt wird, gerecht werde. Zum anderen können die Weingüter St. Urbans-Hof und von Hövel auf weltweite Vertriebsschienen zurückgreifen – somit habe man eine internationale Nachfrage nach den koscheren Spitzenrieslingen geweckt, berichtet von Kunow, insbesondere aus den USA, Israel, Belgien und Deutschland.

Sie sei so groß, dass die Winzer davon ausgehen, dass die abgefüllten 15.000 Flaschen des Reben-Jahrgangs 2014 schon bald nach Verkaufsstart am 1. September über den Ladentisch gehen – rechtzeitig zu den Hohen Feiertagen. Für den Jahrgang 2015 planen die Winzer, die Abfüllmenge zu verdoppeln.

administration Die Zertifizierung erfolgt bislang durch den Verband »OK – Kosher Certification«. Zertifizierung, Genehmigungen, administrative Aufgaben haben die Geschäftspartner von »Gefen HaShalom« übernommen. Damit können sich die Winzer auf das konzentrieren, was sie am besten können: Riesling keltern. Zudem freuen sich von Hövel und Weis über die Möglichkeit, das Anbaugebiet Saar-Mosel in jüdischen Gemeinden bekannter zu machen – sowohl in Deutschland als auch international.

Darüber hinaus sei das Projekt »gelebte christliche und jüdische Partnerschaft«. »Wir reden nicht nur darüber, wir handeln«, betont von Kunow. »Wir haben gezeigt, dass so ein Projekt zu stemmen ist«, meint der 36-jährige Winzer. Aufwand und Ertrag stehen aus seiner Sicht in einem vernünftigen Verhältnis: Der Aufschlag pro Flasche beträgt im Vergleich zu nichtkoscheren Weinen rund vier Euro.

»Die Resonanz ist durchweg positiv«, bestätigt von Kunows Winzerkollege Nicolaus Weis vom Weingut St. Urbans-Hof. Es sei für sein Team eine ganz neue, faszinierende Erfahrung, bei der Weinherstellung im eigenen Haus mit einer anderen Religion und Kultur in Berührung zu kommen. Die Nachfrage sei sehr groß – vielleicht auch deshalb, weil es sich um »die Königin der Rebsorten«, den Riesling, handelt, mutmaßt Weis. Unverzichtbar für den Erfolg seien die OK-Zertifizierung sowie die internationalen Vertriebswege. »Wir machen da buchstäblich ein ganz neues Fass auf«, ist Weis überzeugt.

vorschriften Die Fässer wie auch der gesamte Keller, Edelstahlbehälter, Schläuche, Pressen, Gefäße sowie alle anderen Werkzeuge, mit denen gearbeitet wird, sind nach exakten Vorschriften und Riten zu reinigen: Koscherer Wein darf nur von einem Rabbiner und einem Team aus strenggläubigen Juden hergestellt werden.

Diese Aufgabe übernimmt der Luxemburger Rabbiner Mendel Edelmann. »Wir müssen akzeptieren, dass Rabbiner Edelmanns vierköpfiges Team bis zu fünfmal im Jahr das Kommando übernimmt«, sagt Maximilian von Kunow. Der logistische Aufwand bei der koscheren Weinherstellung sei hochgradig kompliziert, berichtet er.

Dabei beginne sie erst mit dem Abtransport der Trauben vom Weingut. Bis dahin wachsen die Riesling-Trauben ganz regulär an den Reben, noch dazu ökologisch-nachhaltig. Doch Etikettierung, Reinigung der Weinpresse, Filtration, Erhitzen und Abfüllung erfolgen hinter verschlossenen Türen – für das Winzerteam von Kunow und Weis ist das eine neue Erfahrung.

Abläufe »Die Tanks sind versiegelt und weisen die Beschriftung des Rabbiners auf – kosten darf nur das Rabbiner-Team«, beschreibt von Kunow das Prozedere. Selbst die Etiketten auf den Flaschen dürften nur von strenggläubigen Juden angebracht werden – er als Hausherr koordiniere lediglich die Abläufe.

Rheingau-Winzer Müller-Hagen ist gespannt, vor allem auf die Qualität des Weißweins. Er ist allerdings auch etwas skeptisch: »Bei der koscheren Weinherstellung wird der Wein erhitzt«, weiß er aus eigener Erfahrung. »Gerade beim Riesling gehen dadurch Aromen verloren«, meint der Winzer.

Rabbiner Tuvia Hod-Hochwald wünscht den beiden Weingütern an der Saar jedenfalls viel Glück – mehr, als er selbst vor sechs Jahren hatte.

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