Redezeit

»Ein multimediales Archiv«

Kerstin Schoor über die Axel-Springer-Stiftungsprofessur, ihre Beziehung zu Israel und Partneruniversitäten

von Katrin Richter  03.06.2012 18:43 Uhr

Kerstin Schoor Foto: privat

Kerstin Schoor über die Axel-Springer-Stiftungsprofessur, ihre Beziehung zu Israel und Partneruniversitäten

von Katrin Richter  03.06.2012 18:43 Uhr

Frau Schoor, Sie haben in der vergangenen Woche die »Axel-Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration« an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder angetreten.
Ja, ich bin natürlich sehr froh darüber und auch über die ungewöhnlich spezifische thematische Ausrichtung des im April dieses Jahres an der Viadrina neu eingerichteten Lehrstuhls außerordentlich erfreut. Die Professur dürfte derzeit in dieser Form in Deutschland wohl einzigartig sein. Mir und meinen Mitarbeitern gibt sie die Möglichkeit, sich der deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte sowie der Literatur des Exils und der Migration im deutschsprachigen, europäischen und außereuropäischen Raum vom ausgehenden 18. bis zum 21. Jahrhundert auch auf interdisziplinärer Ebene zu widmen.

Welche Schwerpunkte werden Sie in Ihrer Arbeit setzen?
Besondere thematische wie zeitliche Schwerpunkte wird der Lehrstuhl im Bereich der deutsch-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts und in der Exilforschung setzen. Er fügt damit dem fachlichen Spektrum der Kulturwissenschaften an der Viadrina eine weitere spezifische Facette hinzu. Zu einem Zeitpunkt, da – ausgelöst auch von einem Generationenwechsel – das Selbstverständnis der Exilforschung einer wissenschaftlichen Neubestimmung bedarf, sollen die unterschiedlichen Arbeiten des Lehrstuhls unter veränderten theoretischen Gesichtspunkten neue wissenschaftliche Fragen an die Quellen formulieren. Methodische Neuansätze sollen darüber hinaus in einen Dialog mit Entwicklungen der gegenwärtigen Migrationsforschung treten.

Was erhoffen Sie sich davon?
Mit einer derartigen Bündelung der thematischen Schwerpunkte des Lehrstuhls sollen theoretische Erkenntnisse der Exil- und Diasporaforschung auch für die Migrationsforschung fruchtbar gemacht werden – und umgekehrt. Der neue Lehrstuhl stärkt darin gleichzeitig einen ausgewiesenen Forschungsschwerpunkt der Viadrina und kann eine thematische Vernetzung der verschiedenen Fächer und Fakultäten befördern. Im interreligiösen und interkulturellen Dialog soll er für eine größere Toleranz und ein erweitertes Verständnis im gesellschaftlichen Miteinander werben.

In Ihrer Antrittsvorlesung ging es um »Jüdische Autorinnen und Autoren im nationalsozialistischen Deutschland«. Warum haben Sie sich gerade dieses Thema ausgewählt?
Es gehört zu meinen zentralen wissenschaftlichen Vorhaben, den seit Jahrzehnten betriebenen Forschungen zur Literatur des antifaschistischen Exils, zur sogenannten Inneren Emigration und zur NS-Literatur eine Betrachtung der literarischen Kultur und Kommunikation deutscher Juden im nationalsozialistischen Deutschland vergleichend zur Seite zu stellen. Ich habe zahlreiche Publikationen und meine Habilitationsschrift »Vom literarischen Zentrum zum literarischen Ghetto. Deutsch-jüdische literarische Kultur in Berlin zwischen 1933 und 1945« (2010) bereits diesem Thema gewidmet. Das Projekt einer neu zu schreibenden Geschichte deutschsprachiger Literatur für die Jahre nach 1933 gehört daher zu meinen spezifischen Forschungsvorhaben.

Planen Sie weitere wissenschaftliche Aktivitäten in diesem thematischen Umfeld?
Da sich der Lehrstuhl in einem weiteren thematischen Schwerpunkt der Visualisierung und Virtualisierung von Gedächtnis und Erinnerungen des Exils und der Diaspora widmen soll, lag mir mit der thematischen Ausrichtung der Antrittsvorlesung auch daran, den für die nächsten fünf Jahre ebenfalls geplanten Aufbau eines multimedialen »Archivs jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933-1945« vorzustellen. Mit diesem Gemeinschaftsprojekt des Lehrstuhls mit dem Jüdischen Museum Berlin, bei dem in rund 1.000 Bio-Bibliografien die nach 1933 noch im nationalsozialistischen Berlin lebenden Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft und ihre Werke in einem thematischen Sammelschwerpunkt erfasst werden sollen, setzt der Lehrstuhl seine Bemühungen um die Dokumentation der Verfolgung jüdischer Autoren innerhalb Deutschlands während der Zeit des Nationalsozialismus auf virtueller Ebene fort. Er kann nach dem Abschluss des Digitalisierungsprojektes eine in der Welt einzigartige Sammlung an der Viadrina präsentieren.

Sie übernehmen diesen Lehrstuhl in dem Jahr, in dem Axel Springer 100 Jahre alt geworden wäre. Wie bewerten Sie das Verhältnis und Engagement Springers zu Israel?
Axel Springer wollte bereits in den 50er-Jahren nicht nur mit seinen Medien die Verbindung zweier Staaten befördern. Nach dem Holocaust wurden ihm die »Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden« sowie die »Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes« zu einem politischen Programm, mit dem er sich nicht nur selbst emotional stark identifizierte, sondern auf das bis heute die Redakteure der Axel Springer AG in ihren Arbeitsverträgen verpflichtet werden.

Wie steht es um den Austausch auf wissenschaftlicher Ebene zwischen den beiden Ländern?
Meine umfangreichen Recherchearbeiten in Archiven, die Suche nach Zeitzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus und nach Schriftstellernachlässen auf fast allen Kontinenten dieser Erde haben mich in den vergangenen Jahrzehnten natürlich des Öfteren nach Israel geführt. Ich habe dort vielfältige wissenschaftliche Unterstützung erfahren und auch Freundschaften geschlossen. Ich hoffe sehr, diese Kontakte jetzt auf einem Lehrstuhl auch institutionell auf- und ausbauen zu können.

Die Viadrina hat circa 200 internationale Partneruniversitäten, jedoch keine in Israel. Können Sie sich eine solche Partnerschaft vorstellen?
Tatsächlich hat die Viadrina bislang – neben lebendigen Individualpartnerschaften – noch keine allgemeine universitäre Partnerschaft mit einer israelischen Universität ins Leben gerufen. Einige Neuberufungen und thematische Entwicklungen an den Lehrstühlen der Viadrina bieten meiner Ansicht nach jedoch derzeit die Chance, eine solche Zusammenarbeit auf eine breitere Basis zu stellen. Man wird abwarten müssen, ob dies auch zu einer umfassenderen universitären Partnerschaft führen kann. Unterstützung bei derartigen Vorhaben erhalten die Brandenburger Universitäten und Bildungseinrichtungen zurzeit vom Land.

Mit der Professorin der Europa-Universität Viadrina sprach Katrin Richter.

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