Berlinale

Ein Mord zum Dessert

Hat jemand applaudiert? Ja, einer hier, eine dort. Ganz zaghaft und gleich wieder verstummend. Die Vorstellung von The Dinner vor übervollem Haus bei der 67. Berlinale war so gesehen ein einziges Desaster. Ganz anders als der Film selbst. Der israelische Regisseur Oren Moverman hat mit The Dinner seinem Publikum einen derart verstörend-genialen Film zugemutet, dass viele Zuschauer dem Werk schlicht nicht den Applaus zollen konnten, den dieser Wettbewerbsbeitrag eigentlich verdient hätte.

Der Plot des Films mit Richard Gere in der Hauptrolle scheint zunächst eher simpel und erinnert an Roman Polanskis Der Gott des Gemetzels. Zwei Familien, reich und schön, haben reiche und schöne Kinder, die aber, überfordert durch ihre schicken und modernen Eltern, aus der Spur geraten.

Handelt es sich bei Polanski »nur« um ein paar ausgeschlagene Zähne, geht es in The Dinner um einen handfesten Mord an einer Obdachlosen, den die eigene Brut aus purem Zeitvertreib begangen hat, besoffen und auf dem Weg nach Hause, quasi im Vorübergehen. Und wie man das heute so macht: Der minderjährige Nachwuchs hat seinen Mord gefilmt und ins Netz gestellt.

Frauen Das aber erfahren wir erst nach und nach, in Rückblenden zwischen den Gängen des exquisiten Dinners, zu dem sich die Eltern treffen. Der Zuschauer darf mit an den Tisch der beiden Familien, zwei Brüder mit ihren perfekt schönen Frauen, die sich in einem obszön teuren Restaurant treffen, weniger um das Essen zu teilen, als um aus dem Schlamassel zu kommen. Denn die kleinen Mörder sind zwar unerkannt entkommen, aber das Video ist online und in der Welt. Die Tat lässt sich nicht so einfach löschen. Oder doch?

Die beiden Brüder, der leicht spinnerte und ausrangierte Lehrer Paul, umwerfend gespielt von Steve Coogan, steht mit seinem Bruder Stan vor der Frage: Dürfen wir unsere Kinder der Justiz ausliefern, oder kommen wir alle irgendwie davon? Für Stanley (Richard Gere), einen charismatischen Politprofi, gerät damit zugleich das eigene Lebenswerk in Gefahr. Er steht kurz vor seinem Durchbruch als Gouverneur. In geschickten Flashbacks gelingt es Regisseur Oren Moverman unaufdringlich und raffiniert, den Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle zu locken. Niemand reagiert erwartbar, weder die beiden Brüder noch ihre Ehefrauen, die den Mord zu einem tragischen Unfall zu relativieren versuchen.

The Dinner ist ein brutal ehrlicher Film, ein Bruderkampf in piekfeinem Ambiente, der einem lange in den Kleidern stecken bleibt, der reift, je länger er im Kopf weiterspielt, großes Kino und ein politisches obendrein. Nicht mit der Faust, nicht mit dem üblichen Geschrei, sondern subtil, intelligent entwickelt und wahrhaftig. Dazu beklemmend nahe und auch schöne Bilder, die virtuos geschnitten dieses monströse Familiendrama in eines verwandelt, das jeden Tag jedem von uns widerfahren kann.

swing Hat jemand applaudiert? Ja, viel zu viele. Denn Django, der Eröffnungsfilm der Berlinale über Django Reinhardt, hinterlässt, je länger er verhallt, eine umso breitere und gähnende Leere. In dem Biopic verkörpert der weitgehend unbekannte Reda Kateb die Gitarrenlegende Django Reinhardt, einen unpolitischen, narzisstischen Star, der sich durch die Untiefen der NS-Zeit mogelt, und sich zunächst nicht viel dabei denkt, auch mal in Berlin vor Hitler und in Paris vor anderen Nazis aufzutreten.

Django spielt 1943 in Frankreich während der deutschen Besatzung. Doch der Film geht weder auf die Verfolgung von Juden noch auf die Kollaboration vieler Franzosen ein, davon nicht einmal der Hauch einer Andeutung.

Selbst das Anliegen des Films, die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der »Zigeuner«, bleibt merkwürdig kühles Dekor. Und so wird auch nicht verständlich, warum der Star, der sich für unverwundbar hält, dann doch flieht. Viel schöner musikalischer Lärm um wenig Inhalt.

»TEILACHER« Hat jemand applaudiert? Ja. Minutenlang und kräftig und zu Recht. Es war einmal in Deutschland ... von Sam Garbarski ist eines der größten Highlights dieser Berlinale. Der Film erzählt die Geschichte von David Bermann, grandios gespielt von Moritz Bleibtreu, der, kaum sind die KZs befreit, zusammen mit seinen überlebenden Freunden irgendwie verloren herumsteht im verwüsteten Nachkriegsdeutschland – und den Tätern im Weg.

Sie schlagen sich durch mit dem Verkauf von Tisch- und Bettwäsche, nutzen das gelegentlich vorhandene schlechte Gewissen der Deutschen aus, machen Geld und fädeln sich ein ins kommende Wirtschaftswunder. Teilacher eben, nach dem gleichnamigen Roman-Bestseller von Michel Bergmann, der auch das Drehbuch geschrieben hat.

Regisseur Garbarski (Der Tango der Rashevskis) überrascht sein Publikum mit einem heiteren Kunststück aus Witz und Schwere, aus Tragik und Dreistigkeit. Die Geschichte, die David der US-Offizierin Sara Simon (Antje Traue) verkauft, er habe Hitler in Obersalzberg jüdische Witze erzählen sollen, ist so irrwitzig, dass sie die Fantasie sprengt. »Wir haben so viel durchgemacht, dass wir es manchmal nicht mal selbst glauben, was war und was nicht«, antwortet David der zweifelnden amerikanischen Offizierin.

Es war einmal in Deutschland ... ist mitreißend, anrührend, glaubwürdig und so völlig anders, als zu befürchten war. Eben kein vorsichtig ängstlicher deutscher Film mit miserabel Jiddisch »sprechenden« Schauspielern, sondern die souveräne und liebevolle Auseinandersetzung der zweiten Generation mit der Geschichte der Eltern, die weg wollten und der Vergangenheit doch nicht entkommen konnten.

liebeserklärung
Das könnte auch der Titel für den großartigen Dokumentarfilm Miss Holocaust sein. Auch Regisseurin Michalina Musielak erzählt von der Kraft, die es kostet, weiterzuleben, und von der Stärke ihrer Heldinnen.

Ihr Film ist eine Liebeserklärung an die »Jiddische Mame«, die den Ton angibt. Musielak zeigt uns Frauen, die einst im Viehwaggon ihrem sicheren Tod entgegenfuhren, jetzt aber in der Stretchlimousine sitzen und sich mit Cognac Mut antrinken vor ihrem großen Auftritt auf der Bühne in Haifa beim Finale zur Wahl der schönsten Holocaust-Überlebenden.

Dabei ist völlig unerheblich, wer von ihnen die Krone aufgesetzt bekommt, denn sie alle sind Siegerinnen. Sie leben. Sie haben Kinder und Enkelkinder. Sie sind wunderschön, und sie alle haben eine Botschaft, die sie stolz verkünden: Wir stehen hier, um zu erinnern und zu warnen.

Und sie alle eint die Sehnsucht nach einer Zukunft für ihre Kinder und Enkel – ohne Verfolgung und im Frieden mit den Nachbarn. Wenn sie so auf der Bühne stehen, die Augen schließen und gemeinsam das große Loblied auf die Jiddische Mame singen, die ihr Leben aufs Spiel setzt, um ihr Kind zu retten, wird für jeden sichtbar, der sehen will, was sie sehen.

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