Wuligers Woche

Ein Lied für BDS

BDS-Aktion in Berlin (Archivfoto) Foto: imago/Stefan Zeitz

Wuligers Woche

Ein Lied für BDS

Clemens Messerschmid, Konstantin Wecker und die Israelkritik in Versen

von Michael Wuliger  28.03.2019 13:29 Uhr

Was braucht ein richtiger deutscher Verein? Eine Satzung natürlich, ein Emblem – neudeutsch Logo genannt – und vor allem unbedingt auch eine Hymne. Die Berliner Kreisligakicker von Askania Coepenick 1913 etwa stimmen vor Spielen gegen Wacker 1921 Lankwitz oder Rotweiß 90 Hellersdorf ihr Lied an: »Egal ob auswärts oder daheim / dieses Team kriegt keiner klein. / Unser Kampfgeist wird ungebrochen sein / Wir stehen zu diesem Verein!«

Kampfradler in Großstädten können, wenn sie Fußgänger umfahren und Autos schneiden, traditionelles Liedgut schmettern: »Allheil! Concorden auf’s stählerne Roß / ohn’ Zaudern und Zagen gestiegen / Wutdräuender Radler feindlichen Troß / in trutziger Fehd’ zu bekriegen«, hieß es in der Hymne des Radfahrverbands »Concordia« 1911.

Endlich hat die Palästinasolidaritätsbewegung ihr eigenes Lied!

FEINDESLAND Nur die Israelkritiker konnten bisher nicht mitsingen. Sie mussten sich, wenn sie auf Wochenmärkten zionistisches Gemüse aussonderten oder vor Kinos Filme aus dem Feindesland brandmarkten, mit Parolen begnügen wie »Zionisten sind Terroristen / Töten Kinder und Zivilisten« oder »Wir sind bereit / Palästina wird befreit«.

Doch jetzt hat auch die Palästinasolidaritätsbewegung endlich ihr eigenes Lied. Verfasst hat es Clemens Messerschmid, langjähriger Palästina-Aktivist und bekannt aus den ARD-»Tagesthemen«, wo er vor einigen Jahren als Kronzeuge über angeblichen israelischen Wasserraub auftrat.

Anlässlich der Göttinger Friedenspreisverleihung an die »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost« hat der gelernte Hydrogeologe jüngst zur Feder gegriffen und seiner schöpferischen Ader freien Lauf gelassen: »Kritik? – erlaubt!, bei meiner Seel / Doch nie: Am Staate Israel! / Was dieses tut im Siedlerland / Sei nie in Deutschland Gegenstand / Zu sagen wie (was manchem graust), / Du, Israel, in Gaza haust / Stets neue Kolonien baust / Den Menschen Land und Wasser klaust / Das Völkerrecht scharf abgelehnt, / Die Grenzen ständig ausgedehnt / UN-Beschlüsse ignorierst, / Dabei als Opfer dich gerierst / Und lauthals ›Terror!‹ rufen traust / Kurz: Frieden jeden Weg verbaust ... / Davon wird eifrig weggehört, / Wenn was die noble Freundschaft stört. / Weil wir zwei Weltkriege verschulden /Muss Palästina leider dulden.«

Mit Konstantin Wecker haben die »Israelkritiker« einen begnadeten Musiker in den eigenen Reihen.

GRAMMATIK Das Versmaß stolpert zwar ein bisschen, und die Grammatik ist nicht ganz korrekt. Aber das stört bei Hymnen bekanntlich wenig. Die müssen sich nur halbwegs reimen und ihren Sängern Kampfgeist einflößen.

Was jetzt noch fehlt, ist eine eingängige Melodie. Doch das dürfte kein Problem sein. Mit Konstantin Wecker haben die Israelkritiker einen begnadeten Tonsetzer in den eigenen Reihen, der die passenden Akkorde finden wird.

Nur schade, dass  poetische Inspiration nicht schon ein paar Wochen früher kam. Beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest in Tel Aviv 2019 hätte sein Lied sicherlich gute Chancen gehabt.

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Genuss

Koschere Frühlingsblumen

Warum der Sederabend für Weinliebhaber kein Albtraum mehr sein muss

von Jacques Abramowicz  20.03.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  20.03.2026

Literatur

Eine schrecklich nette Familie

Aus Schweden kommt ein jüdischer Berlin-Roman von Anna Brynhildsen

von Frank Keil  20.03.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  20.03.2026

Jugendbuch

Zwei Jungen und die Liebe

Julya Rabinowich erzählt in »Mo & Moritz« eindringlich, aber auch plakativ von einer Beziehung zwischen einem Juden und einem Muslim

von Katrin Diehl  20.03.2026

Johannes Becke

Nachdenken über Israel

Ist der jüdische Staat als ein Teil Europas oder des Nahen Ostens zu verstehen? Der Autor gibt in seinem Buch profunde und überraschende Antworten

von Ralf Balke  20.03.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  20.03.2026

Siri Hustvedt

Ihr Lebensmensch

In einem tieftraurigen und wunderschönen Erinnerungsbuch nimmt die Schriftstellerin Abschied von ihrem Mann Paul Auster, der 2024 an Krebs starb

von Katrin Richter  20.03.2026