Artur Brauner

Ein Leben für das Kino

Artur Brauner (1918–2019) Foto: Stephan Pramme

Manchmal fragte man sich, woher Artur Brauner die Energie nahm, so lange im Filmgeschäft mitzumischen. Brauner war eine Legende. Nicht nur als Filmproduzent, sondern auch als Firmenpatriarch, Familienoberhaupt und Mensch. Kein anderer hat so viele Filme produziert wie er, mehr als 250. Nun ist Artur Brauner – den die Berliner »Atze« nannten – am Sonntag kurz vor seinem 101. Geburtstag gestorben, wie seine Familie der »Bild«-Zeitung bestätigte.

Seine Firma CCC-Film ist mit über 70 Jahren die älteste deutsche Produktionsfirma in Familienbesitz. In ihren Studios wurden rund 700 Filme gedreht. Und wahrscheinlich hat kein anderer Produzent in Deutschland so vielen Stars die Hände geschüttelt wie er.

Artur Brauner überlebte den Holocaust, indem er sich in Wäldern versteckte.

LODZ Artur – ursprünglich Abraham – Brauner wurde am 1. August 1918 in Lodz als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren. Er überlebte den Holocaust, indem er sich in Wäldern versteckte; 49 Verwandte seiner Familie sind in Ghettos und Lagern von den Nazis umgebracht worden.

1946 gründete er seine CCC-Film. Brauner war Deutschlands wichtigster Produzent in den 50er-Jahren, als das bundesdeutsche Publikum – die NS-Zeit verdrängend, schon wieder emsig am Wirtschaftswunder arbeitend – sich ein paar schöne Stunden machen wollte. Er gab ihm jene Illusionen, die für eine kurze Zeit Trost und Ablenkung versprachen. Dabei hatte er wenig Skrupel, die Zuschauer auch mit seichter Unterhaltung zu versorgen.

In Berlin-Spandau baute er eine der modernsten und größten europäischen Atelieranlagen auf, die zeitweilig über 500 Mitarbeiter beschäftigte. Er war in allen Genres zu Hause, die einigermaßen Erfolg in den Kinos versprachen. Dabei vertraute er auf die »großen Namen« kassenkräftiger Stars und auf Drehbücher, die ihre Herkunft von Boulevardstücken und simplen Schwänken nicht verleugnen konnten. Und er hängte sich an alle Wellen, die gerade als en vogue im Kino galten, ob es nun Musicals, »Problemfilme«, Karl-May-Verfilmungen oder Wallace-Krimis waren. Und für einige Sex-Klamotten war er sich auch nicht zu schade.

Mit der Hauptmann-Adaption »Die Ratten« gelang ihm eines der wenigen Meisterwerke des Adenauer-Kinos.

KASSENKNÜLLER Seine Lieblingsprojekte in den 50er- und 60er-Jahren waren ambitionierte Literaturadaptionen und Neuverfilmungen klassischer Kinostoffe aus den 20er- und frühen 30er-Jahren. Dahinter steckte nicht nur das Kalkül, mit dem Remake eines ehemaligen Kassenknüllers noch einmal Profit zu machen. Brauner hatte die Absicht, an eine Filmtradition anzuknüpfen, die dem deutschen Film einmal Weltgeltung verschafft hatte und die noch unbefleckt war von der Unterhaltungsmaschinerie der Nazi-Zeit. Er hat 1958 den Tiger von Eschnapur noch einmal verfilmt und 1966 Die Nibelungen.

Immer wieder hat der Produzent, der der Regisseursgeneration der 60er- und 70er-Jahre als typischer Repräsentant von »Papas Kino« erschien, auch etwas gewagt. Mit der von Robert Siodmak inszenierten Hauptmann-Adaption Die Ratten (1955) gelang ihm eines der wenigen Meisterwerke des Adenauer-Kinos, ein düsterer Film mit expressiven Bildern.

Und es gab auch schon damals den unbequemen Artur Brauner: den, der einem Filmball wegen der Anwesenheit des Nazi-Regisseurs Veit Harlan (Jud Süß) fernblieb, den, der aus der Emigration zurückgekehrte Regisseure wie Robert Siodmak oder Fritz Lang und Schauspieler wie Peter van Eyck oder Fritz Kortner beschäftigte, den, der nicht müde wurde, die Deutschen immer wieder an ihre braune Vergangenheit und den Holocaust zu erinnern.

Nie wurde er müde, die Deutschen immer wieder an ihre braune Vergangenheit und die Schoa zu erinnern.

SCHOA Schon in seinem zweiten Film, Morituri (1947/48), der eigene Erlebnisse verarbeitete, begann seine Beschäftigung mit der NS-Diktatur. Gerade in den letzten Jahrzehnten, als er nicht mehr Filme wie am Fließband herstellte, hat er diese Themen ausgebaut mit Titeln wie: Sie sind frei, Dr. Korzak (1973), Die weiße Rose (1982), Bittere Ernte (1985), Hitlerjunge Salomon (1989), Babij-Jar – Das vergessene Verbrechen (2003) oder Der letzte Zug (2006).

2011 entstand Wunderkinder nach einer Idee von ihm: Es geht um drei musikalisch begabte Kinder in der Ukraine, zwei davon jüdisch, deren Freundschaft durch die Nazi-Okkupation auf die Probe gestellt wird. Zum 100. Geburtstag widmete ihm der Fernsehsender »Arte« im vergangenen Jahr einen Themenabend, das Porträt stand unter dem Titel Der Unerschrockene. (mit ja)

Lesen Sie mehr in unserer nächsten Ausgabe am Donnerstag.

Kommentar

Der alte Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026

Berlin

Ein Engelskuss

Der Künstler Charles Abecassis präsentiert seine Arbeiten in einer Verkaufsausstellung, deren Reinerlös an das Projekt »The Way Shalom« geht

 07.06.2026

»documenta«

Kulturrat: Antisemitismus letztlich nicht zu verhindern

Olaf Zimmermann will mit einem »Code of Conduct« Antisemitismus, Rassismus »und jedweder anderen Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit aktiventgegentreten«

von Susanne Rochholz  07.06.2026 Aktualisiert

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 07.06.2026

Berlin

»Tänzerinnen Brunnen« gehört nun zu US-Privatsammlung

Das Kunstwerk wurde als Highlight der Sommerauktion bei Auktionshaus Grisebach versteigert – für vier Millionen Euro

 07.06.2026

Zeitgeschichte

Wie ein grausames Märchen

In ihrem aktuellen Buch schreibt die Historikerin Irina Scherbakowa über die verlorene Freiheit in Russland. Nun ist »Der Schlüssel würde noch passen« für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert

von Ralf Balke  07.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Zeitraffer und Geschichte oder Warum alte Fotos mehr erzählen

von Nicole Dreyfus  07.06.2026

Zahl der Woche

86 Jahre

Fun Facts und Wissenswertes

 07.06.2026

Aufgegabelt

Fattoush-Salat

Rezepte und Leckeres

 07.06.2026