Mäzen

Ein kapitaler Kosmopolit

Musik, Theater, Tanz: Der schwedische Millionär Robert Weil fördert mit viel Geld weltweit Kunst. Denn er glaubt daran, dass Kultur Grenzen überwindet. Ein Porträt

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  04.08.2010 10:10 Uhr

Robert Weil ist nicht nur reich, sondern auch ein Idealist. Seine Liebe zur Kunst lässt er sich gerne etwas kosten.

Musik, Theater, Tanz: Der schwedische Millionär Robert Weil fördert mit viel Geld weltweit Kunst. Denn er glaubt daran, dass Kultur Grenzen überwindet. Ein Porträt

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  04.08.2010 10:10 Uhr

Kultur, Kapital und Kosmopolitismus – diese drei Attribute gelten in Stockholm als Markenzeichen von Robert Weil. Mit sei‐ nem Kapital sponsert der Finanzmagnat großzügig Kulturprojekte, vor allem jüdische; seit Jahren pendelt er dabei zwischen seinen drei Wohnsitzen Stockholm, Tel Aviv und New York – immer up to date, immer mit neuen Ideen im Gepäck, die er umsetzt, sobald er mit seinem Privatjet in der schwedischen Hauptstadt gelandet ist. Seine Investitionen in Kunst und Kultur sind legendär, seine Meilensteine beispielhaft in Stockholms Kulturlandschaft.

König Judiska Teatern, Kunsthalle Magasin 3, Batsheva Dance Company, Glasshouse Forum und The Jewish Cultural Heritage Foundation gehen allesamt auf seine Initiative zurück. Als Kulturinstitutionen von Weltrang mit klarem jüdischen Gegenwartsbezug spiegeln sie Weils strikte Schwerpunktsetzung wider: modern, anregend und noch nie dagewesen. Hat er etwas gefunden, das ihn interessiert, spendiert er Millionen; die Umsetzung seiner Ideen hingegen überlässt er den künstlerischen Leitern seines Vertrauens. Für seine engagierte Vermittlung »zwischen jüdischer und schwedischer Kultur« ehrte ihn der schwedische König Carl Gustaf 2008 sogar mit einer Medaille. Eine Anerkennung, die längst überfällig war. Denn ohne die Unterstützung privater Sponsoren wie Robert Weil wäre Stockholms Kulturreichtum um einige prominente Veranstaltungen ärmer. Obwohl die jüdische Minderheit zu Schwedens fünf offiziellen Minoritäten zählt, fallen die staatlichen Subventionen für jüdische Kultur von Jahr zu Jahr dürftiger aus.

Da war Weils Einladung an Daniel Barenboim, mit seinem West‐Östlichen‐Diwan‐Orchester im August 2008 auf Stockholms alljährlichem Ostseefestival aufzutreten, ein Coup von Weltklasse. Mehr noch als vom Dirigenten zeigte sich Weil jedoch von einer Episode am Rande beeindruckt. Zwei Musiker, ein Israeli und eine Libanesin, hatten während des gesamten Hinfluges Händchen gehalten. »Das war eine ziemlich klapprige Maschine«, erinnert sich Weil, der das Orchester auf seinem Flug nach Stockholm begleitete, später schmunzelnd. »Kein Wunder, dass dem jungen Mann die Knie schlotterten. Die Libanesin muss wohl einen beruhigenden Einfluss auf ihn gehabt haben.« Die Innigkeit der beiden Musiker sei ihm aber vor allem deshalb unter die Haut gegangen, weil sie ihn in seiner Grundüberzeugung bestärkt habe: Kultur überwindet Grenzen. Gleichgültig, ob Musik, Kunst, Tanz oder Theater – das Potenzial, langfristig Mauern in den Köpfen einzureißen, schreibt Robert Weil solchen kulturellen Begegnungen und ihrer Außenwirkung zu. Dass seine Projekte dabei besonders in Schweden immer wieder auf vorgefasste Meinungen stoßen, vor allem zum Thema Nahostkonflikt, sieht Weil eher als Ansporn. Ohne Reibung geht es da nicht, auch wenn ihn der zunehmende Antisemitismus in seiner schwedischen Heimat nachdenklich stimmt. Kultur sei eben ein mühsamer, aber lohnender Prozess, findet der Kunstmäzen.

Qualität Daraus schöpft er seine Motivation. Was Robert Weil anschiebt, etabliert sich rasch als Erfolgsgeschichte. Dass die Besucherzahlen von Kunsthalle und Bühne dabei eher von Qualität als Quantität zeugen, stört Weil nicht im Geringsten. Diesen Luxus kann er sich leisten. Selbst bezeichnet sich der eher medienscheue Kunstmäzen als »verantwortungsvollen Kapitalisten« – aus seiner Sicht haben Kapital‐ eigentümer eine Mitverantwortung für die Gesellschaftsentwicklung in Form von Dotationen und Kultursponsoring. Weils Investmentfirma Proventus, die angeschlagene Unternehmen umstrukturiert und damit Millionenbeträge umsetzt, gehört seit Jahrzehnten zu den erfolgreichsten schwedischen Unternehmen.

»In dem Maße, wie Proventus schwarze Zahlen schreibt, investieren wir in interkulturelle Projekte«, erklärt Weil sein Engagement und klingt dabei, als sei das völlig selbstverständlich. Dabei könnte sich so mancher Unternehmer in Schweden von ihm eine Scheibe abschneiden. Dass dieses Grundprinzip, dem sich der Finanzmann verschrieben hat, unangefochten auch für finanzielle Krisenzeiten gilt, zeigen seine jüngsten Projekte wie das Glasshouse Forum. Dieser »Runde Tisch«, der namhafte Forscher aus aller Welt und engagierte Kapitalisten zusammenbringt, um »die Konsequenzen des Kapitalismus zu analysieren«, findet vor allem in der englischsprachigen Welt großes Echo. Themen wie »Die Grenzen des China‐Modells« oder »Globalisierung und die Mittelklasse im Westen«, die auf regelmäßigen Konferenzen debattiert werden, sollen den Blick für die Vielschichtigkeit der Gesellschaft schärfen. Im Gegensatz zu den USA und Israel begreife die europäische Wirtschaft jedoch erst allmählich ihre Mitverantwortung für kulturelle Visionen, bedauert Weil. Den Vergleich kann er sich erlauben, denn immerhin verbringt der Kunstmäzen ein Drittel des Jahres in den USA. Warum ihn die schwedische Hauptstadt dennoch nicht loslässt, liegt weniger am Postkarten‐Ausblick aus seinem verglasten Dachetagenbüro direkt am Stockholmer Stadthafen. Es sind die Wurzeln, die ihn immer wieder hierher ziehen. Und Loyalität zu seiner Heimatgemeinde, die ihn vor Kurzem als Kulturchef im Amt bestätigt hat.

Weltenbummler »Ich liebe New York und Tel Aviv, zweifellos«, bekräftigt Weil und lehnt sich dabei bequem auf seinem schwarzen Le‐Corbusier‐Sofa zurück. Das Reizvolle an beiden Städten sei nicht nur die unterschiedliche Dynamik, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der er dort als Jude leben kann. »Alles, was ich hier die ganze Zeit sein will, Schwede und Jude, die gelebte Idee, dass man kulturell auf zwei Beinen stehen kann – das finde ich eher in New York als in Stockholm«, meint der Unternehmer bestimmt und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: »Aber in Stockholm kann ich eine Rolle spielen und etwas verändern.« Das spürt er immer wieder. So wie bei der Steve‐Reich‐Inszenierung »Different Trains« im Judiska Teatern, Stockholms Jüdischem Theater, als er sich im Herbst 2008 unter das Premierenpublikum mischte. Damals fing er eine Stimmung auf, die ihn noch heute bewegt. »Die Leute, ganz normale Durchschnittsschweden, gingen mit Tränen in den Augen aus dem Stück«, erinnert sich Weil. »Der jüdische Blickwinkel, bahnbrechend inszeniert, hatte ihnen etwas zum Nachdenken mitgegeben.«

Spektakuläre Musik‐, Tanz‐ und Theaterinszenierungen gehören seit Jahren zum Markenzeichen des Stockholmer Jüdischen Theaters. Dessen Konzept hatte Robert Weil schon lange vorgeschwebt, als er 1997 das Theater am Djurgårdsparken gründete. Heute gehört es zu den renommiertesten Schauspielhäusern Stockholms, dem sein Ruf als Avantgarde‐Bühne auch international vorauseilt. Die kürzlich gezeigten Videoinstallationen der israelischen Künstlerin Lee Yanor sorgen dabei ebenso für Gesprächsstoff in den Feuilletons wie die aktuellen Vorstellungen zur Nelly‐Sachs‐Wanderausstellung »Exil und Verwandlung«, die im Frühjahr 2010 ihren Auftakt im Jüdischen Museum in Berlin hatte.

Superlative Das Theater sei »einzigartig« in Europa, betont Weil, während er mit leuchtenden Augen in alten Programmheften blättert. Die Superlative gehen ihm leicht über die Lippen, wenn er von »seiner« Bühne schwärmt. Das »experimentellste Theater der Welt« habe nichts mit »Jiddischkeit«, dafür aber umso mehr mit jüdischen Traditionen im kulturellen Kontext zu tun, deren Bedingungen auf der Bühne immer wieder kritisch hinterfragt werden. Weil erzählt intensiv und assoziativ, fast so, als könne er ein wichtiges Detail vergessen, das ihm doch so sehr am Herzen liegt. Auf der Suche nach einem geeigneten Zitat blättert er mit geübten Fingern durch den Marguerite‐Duras‐Katalog des Jüdischen Theaters, das deren Drama »Hunde in Prag« im Herbst 2007 welturaufführte. Als er es findet, lauscht er dem Klang seiner Worte nach, während sein Blick in die Ferne schweift. »Jeder Mensch, der sich weigert, ist unserer Auffassung nach jüdisch. Das Reisen ist jüdisch. Das Suchen ist jüdisch. Das absolute Warten ist jüdisch. Das Schweigen ist jüdisch. Und die Liebe.« Worte der französischen Schriftstellerin, mit denen sich der Kosmopolit ohne Weiteres identifizieren kann.

»Kultur hat viel mehr Kraft als Politik oder Wirtschaft. Kultur ist nachhaltig, Politik oft kurzsichtig«, davon ist Weil fest überzeugt. »Kultur spiegelt den Prozess, nicht das Resultat. Und der kann etwas in Gang setzen.« So wie bei dem von ihm initiierten Jugendprojekt im multikulturellen Stockholmer Einwanderervorort Hallunda, einer Kooperation zwischen dem Tanzprojekt Kamuyot von der Batsheva Dance Company, dem Stockholmer Riksteatern und der Stadt Stockholm. 2007 war die Tournee in Schwedens Schulen so erfolgreich, dass die Stadtverwaltung die Tänzer 2010 gleich noch einmal zu einer mehrmonatigen Tour durchs Land einlud. Seitdem haben insgesamt mehr als 30.000 Schüler in ganz Schweden mit Kamuyot gearbeitet. »Kinder, die noch nie in ihrem Leben etwas mit Tanz zu tun hatten, improvisierten schon nach fünf Minuten Geschichten, zu denen die Profitänzer sie einluden«, erinnert sich Weil stolz.

Familiengeschichte Die Hingabe an jüdische Kultur führt der Kunstförderer eindeutig auf die eigene Familiengeschichte zurück. Während sein Ururgroßvater väterlicherseits als Rabbiner noch der Religion verschrieben war, assimilierten sich dessen Nachfahren nahezu rasant in die deutsche Kultur. Das ging sogar so weit, dass Weils Großeltern alle Geschwister seines Vaters taufen ließen. »Meinen Vater haben sie dabei irgendwie übersehen«, staunt Weil. »Dass sie selbst als Konvertiten nur mit anderen jüdischen Konvertiten verkehrten, gehört zur Meschuggenheit jener Zeit«, fügt er kopfschüttelnd hinzu. Nachdem Weils Großvater in den Dreißigerjahren aus dem Vorstand der Deutschen Bank ausgeschlossen worden war, emigrierte dessen Sohn, Weils Vater, nach Schweden. Bereits in Deutschland hatte er seine zukünftige Frau kennengelernt, eine engagierte Zionistin, deren gesamte Familie später in der Schoa ermordet wurde. Gemeinsam gründeten sie einen Kibbuz in Westschweden, bis die Familie beschloss, ihr Glück in Stockholm zu versuchen. »Welche Traditionen meine Eltern auch immer integrierten oder verwarfen, eines gaben sie an uns Kinder weiter: das kulturelle jüdische Erbe«, erklärt Robert Weil.

Das möchte er auch seinen Kindern vermitteln – dem Sohn, der Meerestechnologen in Israel ausbildet, und seiner ältesten Tochter, die als Kuratorin in Tel Aviv den schwedisch‐israelischen Kulturaustausch fördert. Robert Weil ist indes wieder auf dem Sprung nach Amerika. Den Sommer verbringt er mit seiner jüngsten Tochter traditionell in den East Hamptons an der Ostküste. Bei »Schabbes on the Beach« und mit der Gewissheit, zwei kulturelle Identitäten durchaus vereinen zu können, ohne sich auf eine festlegen zu müssen.

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