Stéphane Hessel

»Ein jüdischer Staat muss moralischer sein«

»Seit dem KZ fühle ich mich unbedingt als Jude«: Stéphane Hessel Foto: dpa

Monsieur Hessel, in Ihren Memoiren »Tanz mit dem Jahrhundert« schreiben Sie, dass Sie sich als Kind nicht als Jude gefühlt haben. Wann war der Moment, an dem das anders wurde?
Ich habe keine jüdische Erziehung gehabt. Ich bin nicht beschnitten worden. Eigentlich bin ich ein »falscher Jude«, denn die Mutter muss ja jüdisch sein – bei mir ist es der Vater. Bei der Heirat meiner Eltern haben die Verwandten meiner Mutter zu ihr gesagt: »Ach, du heiratest einen Juden. Willst du sein Geld?« Also das typische Antisemitismus-Klischee. Das kannte ich. Aber ich habe es nicht selbst erlebt. Mein wirkliches Gefühl, mich mit Juden solidarisch und selbst als Jude zu fühlen, kam während des Krieges. Vor allem im KZ, als jüdische Gruppen aus Auschwitz nach Dora kamen.

Sie waren aber im Lager als Résistance-Kämpfer, nicht als Jude.
Die Deutschen haben nie gefragt, ob ich Jude bin oder nicht. Aber spätestens seit dem Lager und gerade durch diese Erfahrung empfinde ich tiefe, existenzielle Solidarität mit dem Judentum. Und von da an fühtle ich mich selbst unbedingt als Jude.

In dem Zusammenhang stellt sich die Frage nach Ihrer Haltung gegenüber Israel. In Ihrem Buch »Empört Euch!« stehen viele allgemeine Dinge, die auf verschiedenste politische Konflikte übertragbar sind. Richtig konkret werden Sie nur in Bezug auf Israel. Und da sind sie sehr kritisch.
(Hessel lacht) Das wird mir auch von vielen Freunden vorgeworfen: Es gäbe doch so viele brisante politische Themen, und andererseits sei ich doch Jude. Darauf antworte ich: Ja, gerade darum. Weil ich mich als Jude empfinde und eine Solidarität gerade mit den Juden habe, die in Israel leben, habe ich große Angst, dass Israel sich gehen lässt und sich .von dem entfremdet, was es in seinen Anfangsjahren gewesen ist – ein weltanschauliches und demokratisches Modell, in das wir unsere Kinder geschickt haben, um in den Kibbuzim zu lernen, wie man als Demokrat lebt. Als eine Siegermacht seit dem unerhörten Sieg von 1967 sollte Israel einen Sinn dafür haben, dass es eine Verantwortung für die Besiegten hat, dass es ihnen helfen muss, einen Staat zu bauen. Das werfe ich den Regierungen vor, aber leider auch der Bevölkerung. Ich war mehrfach da und habe empfunden, wie die Gemeinschaft der Israelis sich eigentlich nicht für die Palästinenser und Moslems im eigenen Land interessiert.

Ähnelt das nicht der Ignoranz, die die deutsche Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Türken hegt oder das französische Bürgertum gegenüber den Maghrebinern? Warum soll Israel sich anders und besser verhalten als alle anderen Länder?
Erstens würde Israel überhaupt nicht existieren, wenn nicht die UNO diese Staatsgründung befürwortet hätte. Es gibt also eine gegenseitige Verantwortung: Wir sind gegründet worden aus Recht, durch eine Rechtscharta. Darum müssen wir uns auch rechtsstaatlich verhalten, nicht rein machtstaatlich. Zweitens: Die Zukunft von Israel ist langfristig davon bestimmt, dass es aus der augenblicklichen Kriegssituation hinausfindet. Das ist doch keine Zukunft! Daher empfinde ich es als meine besondere Verantwortung Israel gegenüber, laut zu sagen: Die israelische Regierung muss das internationale Recht akzeptieren. Das internationale Recht und die UNO wollen Israel ja auch beschützen. Jeder demokratische Staat tritt dafür ein, Israels Existenz zu garantieren, und das Land zu beschützen. Das ist für die israelischen Bürger die einzige Zukunft, die ich ihnen wünschen kann. Israels Aufgabe ist es, ein Staat zu sein, der international akzeptiert ist und mit den umgebenden Staaten möglichst gute Beziehungen pflegt. Dass das Land eine starke Armee braucht, ist klar – aber bitte doch zur Verteidigung.

Noch mal: Messen Sie nicht Israel mit einem anderen Maßstab als andere Länder?
Israels Verfassung ist demokratisch. Darum muss man es ja mit denselben Maßstäben messen wie andere Demokratien. Und darum ist auch harte Kritik erlaubt. Israel ist notwendig. Wir brauchen ein Land, in dem die Juden zu Hause sind. Aber Israel muss auf dem Recht basieren. Wenn es das vergewaltigt, muss man sich dem entgegenstellen. Es gibt ja auch Israelis, zugegeben eine Minderheit, die ähnlich denken wie ich.

Ist ein jüdischer Staat wegen der Schoa zu mehr Moral verpflichtet?
Ja, wir Juden brauchen ein anständiges Israel. Wenn mir jemand sagt: Israel ist eben ein Land wie jedes andere, nichts Besonderes, dann sage ich: Nein. Wir dürfen die Schoa nicht vergessen. Nicht aus Furcht, dass sie sich wiederholen könnte. Aber wir Juden haben eine Geschichte von zwei Jahrtausenden Verfolgung hinter uns und den größtmöglichen Schrecken vor gerade 70 Jahren. Daher sind wir alle – als Menschen! – verpflichtet, den Juden ihren Staat zu garantieren. Und der muss in Palästina sein – da fühlen wir uns zu Hause. Darum war die Teilung Palästinas 1947 ein positiver Schritt der UNO: 55 Prozent für die Juden und 45 Prozent für die Araber. Jetzt sind es allerdings 78 Prozent für die Juden.

Sie waren damals als junger Diplomat in New York mit an dieser Entscheidung beteiligt. Würden Sie im Wissen um die Folgen heute etwas anders machen?
Nein. Ich würde vielleicht versuchen, die Verhandlungen mit den Arabern besser zu führen, um deren Kriege zu vermeiden, die manchen Israelis den Vorwand zur Gegenaggression gegeben haben.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Stéphane Hessel, geboren 1917 in Berlin, seit 1924 Franzose, hat in seiner Heimat über eine Million Exemplare seiner Streitschrift »Empört Euch!« verkauft, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. In dem schmalen Bändchen kritisiert Hessel die Globalisierung, klagt die verfehlte Politik der Regierungen Europas und die Gleichgültigkeit seiner Bürger an. Hessel, Sohn des Berliner Schriftstellers Franz Hessel und der Modejournalistin Helen Grund, kämpfte in der französischen Résistance, wurde 1944 verhaftet und kam in die KZs Buchenwald und Dora. Nur mit Glück und vertauschter Identität überlebte er. Nach 1947 arbeitete er als französischer Diplomat unter anderem bei der UNO an der Erklärung der Menschenrechte und Israels Staatsgründung mit.

Stéphane Hessel: »Empört Euch!«. Übersetzt von Michael Kogon. Ullstein, Berlin 2011, 32 S., 3.99 €

ders.: »Tanz mit dem Jahrhundert. Erinnerungen«. Übersetzt von Roseli und Saskia Bontjes van Beek. Arche, Zürich 1998, 388 S., 23 €

Wien

Israel zieht ins Finale des ESC ein

Noam Bettan überzeugt mit seinem Lied »Michelle« Jury und Publikum

von Martin Krauß  12.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich die schlechte Antwerpener Luft so manchem Insekt vorziehe

von Margalit Edelstein  12.05.2026

Ausstellung

Zerstörung bauen

Das Jüdische Museum Berlin würdigt das Werk von Daniel Libeskind und feiert den 80. Geburtstag des Architekten

von Thomas Sparr  12.05.2026

Eurovision Song Contest

Autor von Kultserie macht TV-Sender schwere Vorwürfe

Irlands Sender RTÉ boykottiert den diesjährigen ESC, weil Israel daran teilnimmt. Jetzt kommt Gegenwind: Drehbuchautor Graham Linehan will nicht, dass zeitgleich eine Episode der von ihm mitgeschaffenen Sitcom »Father Ted« ausgestrahlt wird

 12.05.2026

Serie

Filmemacher: Tagebuch von Etty Hillesum als Pflichtlektüre an Schulen

Die jüdische Autorin Etty Hillesum wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Eine Serie über den Holocaust ist »Etty« jedoch nicht: Es geht vielmehr um ihr Leben und ihre Ideen - die heute höchst aktuell erscheinen

von Paula Konersmann  12.05.2026

Eurovision

Weimer fährt für Israels ESC-Auftritt nach Wien

»Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten«, sagt der Kulturstaatsminister

 12.05.2026

Filmfestivals

Regisseurin: Filmfeste müssen politische Debatten aushalten

Wird es in Cannes ähnlich politisch wie bei der Berlinale?

 12.05.2026

Fernsehen

»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026