Kunst

»Ein Jude ist ein Jude«

Zählt zu den interessantesten weitgehend vergessenen Künstlern des 20. Jahrhunderts: der Amerikaner R. B. Kitaj (1932–2007) Foto: Getty Images

Er sei ein »jüdisches agnostisches Kind aus Cleveland« gewesen, schreibt Ronald B. Kitaj in seinen Bekenntnissen eines alten jüdischen Malers. 1932 wurde er in einer assimilierten Familie in Chagrin Falls bei Cleveland geboren. Der Vater verließ die Familie bald darauf. Und die Mutter, Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland, heiratete später den Chemiker Walter Kitaj, dem in letzter Minute die Flucht aus Wien gelungen war und dessen Name der Stiefsohn annahm.

Als der Maler 2003 seine Erinnerungen schrieb, meinte er als Bilanz seines Lebens allerdings: »Es scheint so, als ob ich der einzige Verrückte bin, der sich selbst einen jüdischen Künstler nennt.«

Dieser Ton, selbstkritisch-ironisch, oft mit Vokabeln untermischt, die aus dem Jiddischen ins amerikanische Englisch gewandert sind, war ihm ebenso wenig fremd wie die Genugtuung über Kritiken, die seiner Malerei Einzigartigkeit zusprechen. So ist einerseits von seiner »Jewish perplexity« oder »maverick Jewishness« die Rede. A

Spinner Auch spricht er von einem »unknown young expatriate ›literary‹ shmearer«, nennt sich »ibn the Galut« und gesteht: »Ich war immer ein Sonderling, ein Spinner.« Andererseits zitiert er gern Robert Hughes, der ihm 1981 im »Time«-Magazin bescheinigte: »Kitaj zeichnet besser als beinahe jeder andere lebende Maler.« Zugleich aber merkte Hughes auch an, dass Kitajs Gemälde »bissig realistische Bilder voller sexueller Aggressionen und gescheiterter politischer Hoffnungen sind«.

Für Frank Auerbach, den Malerfreund, kam Kitaj aus einer völlig anderen Kultur. Das empfand der Maler durchaus als zutreffende Charakterisierung seines Lebensweges, der ihn zuerst als Seemann an die Küsten des südlichen Amerikas führte (sein Seefahrerleben sollte Kitajs Frauenbild dauerhaft prägen, seine Existenz kreiste um Sex), dann als Kunststudent nach New York, Wien, London, als Soldat nach Darmstadt und Fontainebleau, ehe er – mit sommerlichen Zwischenspielen in Spanien – schließlich für viele Jahre in London sesshaft wurde.

»Tate War« Als seine Retrospektive 1994 in der Londoner Tate böse Besprechungen erntete – für Kitaj der von britischer Kritikermissgunst ausgerufene »Tate War« –, im selben Jahr seine zweite Frau, dann seine Mutter starben, zog er sich verbittert nach Los Angeles zurück.

Malen und Lesen waren seine Leidenschaften: »Bücher sind für mich das, was für einen Landschaftsmaler die Bäume sind.« Und an anderer Stelle bekennt der Bibliomane, der in jeder Stadt die Antiquariate nach Raritäten abgraste: »Ich bin ein jüdisches Buch« – wenngleich er weder Hebräisch noch Jiddisch sprach. Auch sein Französisch und Deutsch empfand er als nicht ausreichend, um Bücher in den Originalsprachen zu lesen. Joyce, Pound, Kafka gehörten zu seiner bevorzugten Lektüre ebenso wie Bialik, Mandelstam, Buber, Rosenzweig oder Achad Ha’am.

Aber er vergisst auch jene drei nicht zu erwähnen, die er als seine »favorisierten Antisemiten« bezeichnet: T. S. Eliot, Ezra Pound und Edgar Degas. Und zugleich bekennt er, dass Gershom Scholems Essay über Walter Benjamin ihn, dessen jüdische Hälfte »ein unterentwickeltes Land war«, als Maler radikal veränderte, ihm bewusst machte, was er wollte, was er konnte. Ganz im Sinne seines Freundes Isaiah Berlin, den er an einer Stelle zitiert: »Ein Jude ist ein Jude, wie ein Tisch ein Tisch ist.«

freundschaft Dem Vorwurf, seine Bilder seien zu literarisch, also erklärungsbedürftig, hält Kitaj entgegen, dass Form und Inhalt für ihn zusammengehören. Als er jung war, entdeckte er für sich de Kooning. Doch malen wollte er wie Hans Memling, während er »Poussin, Gainsborough und ähnlich Zahmen« nichts abgewinnen konnte. In seinem Pantheon waren Cézanne, Picasso und Matisse heimisch.

Dazu mit einer gewissen Distanz in späterer Zeit Balthus, Giacometti, Hopper, Morandi und Bacon. Und natürlich Hockney, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, sowie Freud, Auerbach und Kossoff, jene »School of London«, die mit der Betonung des Figurativen einen Gegensatz zum vorherrschenden »Abstrakten Expressionismus« in Amerika und später der Pop-Art bildeten und der Kitaj oft zugerechnet wird – zeit seines Lebens gegen seinen Willen. Für ihn segelten sie auf dem »Narrenschiff genannt Moderne Kunst«, die ihm als eine »Moderne seltsame Kunst« erschien.

Sein Ziel war, dessen wurde er sich 1965 bewusst, eine »jüdische Kunst« zu schaffen. Es gebe zwar, schrieb er, rund ein Dutzend jüdischer Maler von Pissarro bis Freud, aber keiner wollte ein »jüdischer Künstler« sein. Deshalb sei er relativ einsam in seiner »jüdischen Komödie«. Dazu zitiert er Franz Rosenzweig: »Der Impuls zur Assimilation ist so alt wie das jüdische Volk«, die Konversion eingeschlossen. Aber: »Ich bin nicht konvertiert.«

Orthodox Kitaj sah sich nicht als Jude gängiger Observanz, sondern interessierte sich für alle Formen des Judentums: die orthodoxen wie die reformierten, die skeptischen wie die dissidenten. So wie er sich für andere Menschen interessierte, für Freunde, Wohlgesonnene, Gleichgültige, Feinde.

Das erzählt, schildert, kritisiert er. Und das macht diese Erinnerungen lesenswert. Weil sie Freude erkennen lassen und Wissbegier, auch Zorn, und nicht zuletzt die geradezu magische Liebe zu seiner Frau, deren Tod ihn aus der Bahn warf und als Nachklang nur scheinbar Ruhe in ein unruhiges Leben brachte – dem er 2007 ein Ende setzte.

R. B. Kitaj: »Bekenntnisse eines alten jüdischen Malers«. Schirmer/Mosel, München 2017, 240 S., 39,80 €

Iris Berben

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