Geschichte

Ein anderer Blick

Foto: PR

Geschichte

Ein anderer Blick

Die israelische Historikerin Shulamit Volkov betrachtet Deutschland seit der Aufklärung aus jüdischer Perspektive

von Katrin Diehl  23.03.2022 08:19 Uhr

Der Buchtitel ist viel weniger einfach, als er daherkommt. Er legt, denkt man über den Titel ein bisschen länger nach, in seiner Vielschichtigkeit offen, was der Thematik von Shulamit Volkovs neuem Buch immanent ist: Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte lautet er, mit dem zeitlich eingrenzenden Zusatz »vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart«.

Die Autorin ist eine renommierte israelische, inzwischen emeritierte Professorin für Vergleichende Europäische Geschichte, die zwischen den akademischen Welten von München, Berlin, Oxford, New York und vor allem Tel Aviv pendelt. Kein Student, der sich irgendwie intensiver mit jüdisch-deutscher Geistesgeschichte befasst, kommt an ihr vorbei.

GEGENWART Der C. H. Beck Verlag, in dem das Buch erscheint, habe sie, so Volkov bei einer Münchner Podiumsdiskussion mit Max Czollek, wohl ein wenig dazu drängen müssen, bis zur Gegenwart zu gehen. »Vor allem die Kapitel, die sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland beschäftigen, wollte ich zuerst nicht angehen«, sagte sie, was uns wieder einen Blick auf den Titel werfen lässt. Was heißt das denn: »aus jüdischer Sicht«? Es könnte heißen, dass sich da einfach eine jüdische Autorin einer Sache annimmt, weil sie sozusagen diese »jüdische Sicht« irgendwie erwartbar mitliefert (so nennt Volkov das an einer Stelle auch »meine eigene jüdische Sicht auf Deutschland«).

Volkov schafft es, sowohl einen Überblick zu liefern als auch einzelne Biografien und Geschichten zu verfolgen.

Aus »jüdischer Sicht« könnte aber auch heißen, und auch das lässt sich immer einmal wieder in Volkovs Buch finden, dass jüdische »Zeitzeugen« zu Wort kommen und ihren Blick aufs deutsche Treiben beschreiben im Allgemeinen, aber auch im Hinblick auf die jüdische Minderheit, zu der sie selbst gehören.

Volkovs Buch zeigt jedenfalls, dass es innerhalb der deutschen geschichtswissenschaftlichen Betrachtungen keine Selbstverständlichkeit ist, die jüdische Geschichte, die ja so eng geht mit der deutschen, gesondert und genau zu betrachten (und eben da macht die Zeit zwischen 1933 und 1945 eine Ausnahme).

Volkov schafft es, sowohl einen Überblick zu liefern als auch einzelne Biografien und Geschichten zu verfolgen. Immer wieder beschreibt sie den reflektierten Blick: »Interessanterweise glaubten Juden oft selbst, singuläre Eigenschaften zu besitzen, jenseits ihrer Religion und über diese hinaus.«

LEHRBUCH Sie holt diejenigen ans Licht, die keine Geschichte schrieben, gibt denen Platz, die innerhalb der Minderheit die Mehrheit ausmachten, bringt gesammelt zwischen zwei Buchdeckel, was sich natürlich schon hier und da in einzelnen Essays oder Abhandlungen hat studieren lassen, aber sich jetzt besser in ein Davor und Danach einordnen lässt.

Shu­lamit Volkovs neues Werk ist als ein Buch mit leisen Hoffnungen zu lesen.

Deutschland aus jüdischer Sicht ist ein Lehrbuch, das selbstverständlich erst einmal rekapituliert, was sich vielerorts und vor allem auf der politischen Bühne in Deutschland getan hat, um dann im nächsten Schritt zu zeigen, was das mit den Juden in Deutschland zu tun hatte oder für sie bedeutete.

Am Anfang steht die Aufklärung. Volkov durchleuchtet sie entlang der mit dieser Epoche so sehr und häufig assoziierten »Toleranz«, macht deutlich, dass für »die Forderung nach Gleichberechtigung (…) Toleranz allein nicht ausreichte«. Volkov tut das zeitimmanent (im Gegensatz zu Adorno und Horkheimer, die die Aufklärung sozusagen rückblickend und nach den Erfahrungen von NS und Schoa deuteten, bewerteten).

Gestern wie heute gilt: Der sogenannte aufgeklärte Geist zeigt sich in keiner Weise immer als fähig, mit Menschen, die auf diese oder jene Weise anders sind, akzeptabel umzugehen. Dennoch ist Shu­lamit Volkovs neues Werk als ein Buch mit leisen Hoffnungen zu lesen.

Shulamit Volkov: »Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart«. C.H. Beck, München 2022, 336 S., 28 €

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Ehrung ohne Preisträgerin

Nach Knieverletzung: Barbra Streisand sagt Cannes-Besuch ab

In Frankreich wollte sie die Ehrenpalme entgegennehmen. Nun hört die Sängerin und Schauspielerin aber auf ihre Ärzte. Das Filmfestival will die Ikone trotzdem ehren

 18.05.2026

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  18.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026

Sachbuch

Pageturner zum Nahostkonflikt

Hamza Abu Howidys Erstlingswerk »Muscheln am Strand von Gaza« erzählt von einer Jugend unter der Terrorherrschaft der Hamas

von Sabine Brandes  17.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  17.05.2026

Das hebräische Alphabet übersetzt in Magnetbuchstaben.

Glosse

Der Rest der Welt

Urlaub in Italien oder Warum ich überall Hebräisch höre

von Nicole Dreyfus  17.05.2026

Kulturkolumne

Meine halbierte Bibliothek

Ein Umzug steht an. Warum Uwe Johnson bleibt und Günter Grass rausfliegt

von Maria Ossowski  17.05.2026

Wien

14 Aktivisten bei Anti-Israel-Demo festgenommen

Vor Beginn des ESC-Finales gab es mehrere Demonstrationen gegen Israels Teilnahme

 17.05.2026